Motivprofile

Fast die Hälfte aller Partner lügt regelmäßig in der Beziehung

 Dennis Lenz

Fast die Hälfte aller Partner lügt regelmäßig in der Beziehung
(Symbolbild) Untersuchungen zur Täuschung in einer Beziehung zählen üblicherweise, wie oft jemand lügt. Eine neue Auswertung setzt stattdessen beim Motiv an und findet drei klar getrennte Gruppen, die sich in Persönlichkeit und Zufriedenheit deutlich unterscheiden. Die größte davon lügt nicht, um zu schaden. Entscheidend für den Schaden ist offenbar nicht die Häufigkeit, sondern der Grund. (Foto: © Forschung und Wissen)

Die meisten Menschen halten Ehrlichkeit für die Grundlage einer Partnerschaft und lügen ihren Partner trotzdem regelmäßig an. Eine neue Auswertung von 567 Erwachsenen ordnet diese Lügen erstmals nicht nach Häufigkeit, sondern nach dem dahinterliegenden Motiv und findet drei klar unterscheidbare Profile. Fast die Hälfte der Befragten fällt dabei in eine Gruppe, deren Täuschungen einem überraschenden Zweck dienen. Die kleinste Gruppe unterscheidet sich von ihr weniger im Gefühl als in der Persönlichkeit.

Täuschung gehört zum Alltag fast jeder Beziehung, obwohl Paare Ehrlichkeit regelmäßig als wichtigsten Wert nennen. Die psychologische Forschung hat dieses Spannungsverhältnis lange über die Häufigkeit erfasst und geprüft, wie oft jemand in einem bestimmten Zeitraum unwahre Angaben macht. Dieser Zugang stößt an Grenzen, weil zwei Menschen dieselbe Aussage aus völlig gegensätzlichen Gründen treffen können. Wer verschweigt, dass ihm ein Geschenk nicht gefällt, verfolgt ein anderes Ziel als jemand, der über einen Abend mit einer dritten Person die Unwahrheit sagt. Welche Formen des Vertrauensbruchs in Deutschland als besonders schwerwiegend gelten, zeigt eine Befragung zu beziehungsbeendenden Vertrauensbrüchen. Die reine Zahl der Lügen sagt darüber wenig aus.

Genau hier setzt der methodische Wechsel der neuen Arbeit an. Statt eine Skala von wenig bis viel zu bilden, erfassten die Forscher sieben verschiedene Beweggründe für Täuschung: das bewusste Zufügen von Leid, das Erzeugen von Aufmerksamkeit, das Vermeiden von Streit, die Schonung der Gefühle des Partners, das Verbergen eigener Fehler, den Schutz der eigenen Privatsphäre und das Ausweichen vor sexueller Nähe. Anschließend suchte ein statistisches Verfahren namens Latent Profile Analysis nach Personengruppen, bei denen diese Motive in ähnlichen Mustern auftreten. Ergänzend erhoben die Forscher Bindungsunsicherheit, dunkle Persönlichkeitsmerkmale sowie die allgemeine Neigung zur Unwahrheit und die Beziehungszufriedenheit der Teilnehmer.

Wie sich Lügen in der Beziehung nach Motiv sortieren lassen

Aus den Daten von 567 Erwachsenen in den Vereinigten Staaten ergaben sich drei Profile. Die erste Gruppe umfasst 38,1 Prozent und stimmt allen sieben Motiven durchgehend kaum zu, täuscht also selten und unabhängig von der Situation. Die zweite und mit 47,6 Prozent größte Gruppe stimmt vor allem den schützenden und beziehungserhaltenden Motiven zu, also dem Vermeiden von Streit, der Schonung der Gefühle und dem Verbergen peinlicher Fehler. Die dritte Gruppe umfasst 14,3 Prozent und bejaht sämtliche Motive auf hohem Niveau, einschließlich der Absicht zu schaden. Die Analyse im Journal of Social and Personal Relationships ordnet diesen Gruppen deutlich unterschiedliche Werte für Zufriedenheit und Täuschungsneigung zu.

Warum die größte Gruppe nicht die gefährlichste ist

Bemerkenswert an diesem Ergebnis ist die Verteilung. Nicht die Ehrlichen bilden die Mehrheit, sondern jene knapp 48 Prozent, die regelmäßig täuschen, um Konflikte abzufedern und die Partnerschaft zu stabilisieren. Ihre Beziehungszufriedenheit liegt nur leicht unter der Gruppe mit der niedrigsten Täuschungsneigung, während sie bei den dunklen Persönlichkeitsmerkmalen sehr niedrige Werte erreichen. Der Studienautor beschreibt diese Lügen deshalb als Schutzschild gegen eigene Beziehungsängste statt als Werkzeug zur Ausnutzung. Die dritte Gruppe zeigt dagegen die geringste Zufriedenheit und die häufigste Täuschung überhaupt und ist als einzige bereit, gezielt Aufmerksamkeit zu erzwingen, körperliche Nähe zu umgehen und emotionalen Schmerz auszulösen. Welche Merkmale eine tragfähige Bindung ausmachen, beleuchtet die Frage, woran sich echte Liebe wirklich erkennen lässt.

Was die Persönlichkeit über die Absicht verrät

Der für die Autoren überraschendste Befund betrifft die Bindungsunsicherheit. Die beiden häufig täuschenden Gruppen unterscheiden sich darin praktisch nicht, obwohl ihre Motive und ihre Wirkung auf die Beziehung weit auseinanderliegen. Wer also annimmt, dass unsichere Bindung schädliche Täuschung erklärt, greift zu kurz. Der Unterschied liegt in antagonistischen Persönlichkeitsmerkmalen, konkret in Machiavellismus, Narzissmus, Psychopathie und Sadismus, die nur in der kleinsten Gruppe deutlich erhöht sind. Ob solche Merkmale eher angelegt oder erworben sind, untersucht eine Analyse zur Frage, wie Narzissmus in Familien entsteht. Einschränkend gilt, dass die Daten auf Selbstauskünften einer Stichprobe aus einem einzigen Land beruhen und keine Aussage über Ursache und Wirkung erlauben.

Journal of Social and Personal Relationships, Strategic Soothers, Transparent Partners, and Antagonistic Strategists: A Latent Profile Analysis of Romantic Deception; doi:10.1177/02654075261456365

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