Der Dunning-Kruger-Effekt gilt seit über zwei Jahrzehnten als Beleg dafür, dass gerade die Ahnungslosen ihr eigenes Können maßlos überschätzen. Eine neue statistische Neuauswertung großer Datensätze kommt nun jedoch zu einem verblüffenden Schluss. Das berühmte Muster könnte in Wahrheit vor allem ein Rechenartefakt sein, denn sobald die Daten sauberer aufbereitet werden, verschiebt sich das Bild deutlich. Welche Gruppe sich am stärksten überschätzt, widerspricht der gängigen Deutung des Phänomens fast vollständig.
Kaum ein Begriff aus der Psychologie hat es so weit in den Alltag geschafft wie der Dunning-Kruger-Effekt. Die beiden Psychologen David Dunning und Justin Kruger beschrieben 1999 erstmals das Muster, dass Menschen mit besonders geringer Kompetenz ihre eigenen Fähigkeiten am stärksten überschätzen, während sehr kompetente Personen sich eher leicht unterschätzen. Gemessen wird das Phänomen typischerweise mit Wissens- oder Multiple-Choice-Tests, bei denen die Teilnehmer ihre Leistung anschließend selbst einschätzen. Die Differenz zwischen tatsächlichem Ergebnis und Selbsteinschätzung gilt seither als Maß für Selbstüberschätzung. Hunderte Studien haben diesen Zusammenhang scheinbar bestätigt, weshalb er zur Standarderklärung für selbstsicher auftretende, aber ahnungslose Menschen wurde, etwa in hitzigen Onlinedebatten oder am Arbeitsplatz. Genau diese vermeintlich robuste Grundlage stellt eine neue Analyse nun grundsätzlich infrage.
Schon seit einigen Jahren mehren sich Zweifel, ob der beobachtete Zusammenhang wirklich ein psychologisches Phänomen abbildet oder ob er teilweise durch die Auswertungsmethode selbst erzeugt wird. Wer die grundlegende Idee hinter dem bekannten Denkfehler noch einmal nachvollziehen möchte, findet in der ausführlichen Erklärung des Effekts die klassische Deutung im Detail. Kritiker verweisen vor allem auf die sogenannte Regression zur Mitte, ein statistisches Grundproblem, bei dem extreme Messwerte bei einer erneuten Messung fast zwangsläufig näher am Durchschnitt liegen. Wenn Testergebnisse zusätzlich von Glück, Tagesform oder der zufälligen Auswahl der Fragen abhängen, kann eine Rangordnung allein nach Punktzahl ein Muster vortäuschen, das mit echter Selbsteinschätzung wenig zu tun hat. Eine Forschungsgruppe hat genau diese Verzerrung nun konsequent herausgerechnet.
Ein Team der University of Bath und der London School of Economics and Political Science um die Ökonomen Chris Dawson und David de Meza hat Daten aus großen Replikationsstudien mit verbesserten statistischen Verfahren noch einmal aufgerollt. In ihrer im Fachmagazin Psychological Review erschienenen Untersuchung berücksichtigten sie nicht nur die tatsächlichen Testergebnisse, sondern auch die Vorhersagen der Teilnehmer über ihre eigene Leistung. Statt die Probanden allein nach ihrer rohen Punktzahl zu ordnen, gruppierten die Forscher sie nach ihrer geschätzten wahren Fähigkeit und rechneten den Zufallsanteil jedes einzelnen Ergebnisses heraus. Damit adressierten sie genau die Schwäche, die frühere Auswertungen geprägt hatte. Das Resultat fiel eindeutig aus, denn sobald der statistische Störfaktor entfernt war, verschwand das vertraute Bild vom selbstsicheren Nichtskönner nahezu vollständig.
An die Stelle des alten Musters trat ein überraschendes neues. Wie die Mitteilung der University of Bath festhält, zeigt sich Selbstüberschätzung zwar über alle Leistungsniveaus hinweg, am deutlichsten aber bei den kompetentesten Teilnehmern. Ausgerechnet jene Personen, die in den Tests am besten abschnitten, hielten ihre Leistung im Nachhinein besonders häufig für noch stärker, als sie ohnehin schon war. Die schwächsten Teilnehmer überschätzten sich dagegen weit weniger, als die klassische Deutung nahelegt. Der Grund dafür ist zunächst rein rechnerisch, denn ein außergewöhnlich niedriges Ergebnis geht oft mit schlichtem Pech einher, sodass die tatsächliche Fähigkeit höher liegt als der Testwert und die Selbsteinschätzung dadurch zu optimistisch erscheint. Bei den Spitzenreitern wirkt der umgekehrte Glücksfall. Damit dreht sich die populäre Lesart, wonach vor allem Unwissende vor Selbstvertrauen strotzen, in ihr Gegenteil.
Über die statistische Korrektur hinaus liefert die Studie eine Erklärung dafür, warum ein leicht überzogenes Selbstbild überhaupt so verbreitet ist. Die Autoren deuten Selbstüberschätzung nicht als Defizit, sondern als eine Art Signal. Wer die eigene Kompetenz selbstbewusst nach außen trägt, wird innerhalb einer Gruppe häufig als fähiger wahrgenommen und kann so an Status gewinnen, ohne sein Können jedes Mal beweisen zu müssen. Gerade sehr kompetente Menschen hätten demnach den größten Anreiz, ihre schwer sichtbaren Fähigkeiten durch Zuversicht zu unterstreichen. Reguliert wird dieses Verhalten durch die Verlustaversion, also die Neigung, mögliche Verluste stärker zu gewichten als mögliche Gewinne. Das Zusammenspiel führt laut den Forschern dazu, dass Menschen zwar große Töne spucken, im Handeln aber vorsichtig genug bleiben, um nicht dauerhaft daran zu scheitern.
Ganz ohne Schattenseiten ist ein überzogenes Selbstbild allerdings nicht. Übertriebene Zuversicht kann zu unternehmerischen Fehlschlägen, riskantem Verhalten im Straßenverkehr oder problematischem Glücksspiel führen, wenn Menschen Risiken systematisch unterschätzen. Zugleich betonen die Forscher, dass ihre Neuauswertung den ursprünglichen Effekt nicht vollständig ausräumt. Dass manche Menschen mit sehr geringer Kompetenz ihre eigenen Grenzen kaum erkennen, bleibt möglich, erklärt das klassische Muster aber eben nicht allein. Wie leicht sich ein vermeintlich gesicherter Zusammenhang bei genauerem Hinsehen relativiert, zeigt auch der Befund, dass der Zusammenhang zwischen IQ und Gehirngröße deutlich überschätzt wurde. Für die Gemeinschaft kann eine moderate Selbstüberschätzung sogar nützlich sein, weil kompetente Personen dadurch entschlossener auftreten und ihre Fähigkeiten etwa in Führungsrollen wirksamer einsetzen.
Der Dunning-Kruger-Effekt ist im Netz längst zum Werkzeug geworden, um die vermeintliche Ahnungslosigkeit anderer zu erklären, vom selbstsicheren Vorgesetzten bis zum lautstarken Diskutanten. Die Neuauswertung mahnt hier zur Vorsicht, denn ein großer Teil des scheinbar klaren Musters geht auf die Regression zur Mitte und auf Messfehler zurück und nicht auf eine besondere Blindheit der Unwissenden. Selbstüberschätzung erscheint in diesem Licht weniger als Makel einzelner Gruppen, sondern als eine weit verbreitete menschliche Eigenschaft, die sich bei den Fähigsten sogar am deutlichsten zeigt. Für die Forschung bedeutet das vor allem, wie stark die Wahl der statistischen Methode das Ergebnis einer ganzen Theorie prägen kann. Wer künftig von einem klassischen Fall des Effekts spricht, sollte also im Blick behalten, dass das Phänomen möglicherweise ganz anders funktioniert als jahrzehntelang angenommen.
Psychological Review; doi:10.1037/rev0000644