Ein attraktives Gesicht zieht die Blicke auf sich, das scheint eine Alltagsweisheit zu sein. Eine Studie zeigt nun jedoch eine feine, aber bedeutsame Trennung im menschlichen Aufmerksamkeitssystem. Zwar folgen die Augen attraktiven Gesichtern zuverlässig, doch die verborgene, unbewusste Form der Aufmerksamkeit bleibt von der Schönheit einer Person unberührt. Die sichtbare Blickbewegung und die versteckte mentale Ausrichtung fallen also auseinander. Damit ist die Anziehungskraft schöner Gesichter weniger automatisch, als bislang oft angenommen wurde.
Die Aufmerksamkeitsforschung unterscheidet zwei grundlegend verschiedene Formen der Aufmerksamkeit. Die offene Aufmerksamkeit zeigt sich, wenn ein Mensch die Augen aktiv auf ein Objekt oder eine Person richtet, es ist eine sichtbare körperliche Handlung, die für andere erkennbar ist. Die verdeckte Aufmerksamkeit funktioniert dagegen völlig ohne Augenbewegung, denn ein Mensch kann seinen Blick geradeaus halten und dennoch seinen mentalen Fokus auf etwas im Randbereich des Sehfeldes verlagern. Diese verborgene Ausrichtung läuft schneller und unbewusster ab als das sichtbare Hinschauen. Gesichter gelten als besonders starke Reize, die unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, und Attraktivität verstärkt diesen Effekt vermutlich noch. Bislang war jedoch unklar, ob attraktive Gesichter auch die verdeckte, unbewusste Aufmerksamkeit automatisch anziehen oder ob sich ihr Einfluss auf die sichtbaren Blickbewegungen beschränkt. Genau diese Trennung untersuchte die neue Studie mit einem raffinierten Versuchsaufbau.
Ein Team um die Wahrnehmungsforscherin Effie Pereira ging der Frage nach, wie sich Attraktivität auf beide Aufmerksamkeitsformen auswirkt. Die Teilnehmer bearbeiteten dabei Unterscheidungsaufgaben, während ihnen Gesichter unterschiedlicher Attraktivität gezeigt wurden. Um die verdeckte Aufmerksamkeit sauber zu messen, mussten die Probanden ihren Blick fest auf einen zentralen Punkt richten, während im Randbereich Gesichter oder Objekte erschienen. Reagierte eine Person schneller auf Formen, die an der Stelle eines attraktiven Gesichts auftauchten, wäre dies ein Hinweis darauf, dass ihre unbewusste Aufmerksamkeit automatisch dorthin gezogen wurde. Parallel erfassten die Forscher die sichtbaren Augenbewegungen, um die offene Aufmerksamkeit zu bestimmen. So ließ sich präzise trennen, ob Attraktivität nur den sichtbaren Blick oder auch den verborgenen mentalen Fokus beeinflusst.
Das Ergebnis der im Fachjournal Attention, Perception, & Psychophysics veröffentlichten Untersuchung zeigt eine klare Dissoziation. Die sichtbaren Augenbewegungen wurden von attraktiven Gesichtern zuverlässig angezogen, die Blicke folgten der Schönheit also wie erwartet. Bei der verdeckten Aufmerksamkeit blieb dieser Effekt jedoch aus. Die Teilnehmer reagierten nicht schneller auf Formen, die an der Stelle eines attraktiven Gesichts erschienen, als auf solche, die ein unbelebtes Objekt ersetzten. Selbst wenn ein Gesicht als besonders attraktiv bewertet wurde, beschleunigte es die unbewussten Reaktionen nicht. Offene und verdeckte Aufmerksamkeit werden von der Attraktivität also unterschiedlich beeinflusst. Das bedeutet, dass die Anziehungskraft schöner Gesichter vor allem das aktive Hinsehen betrifft, nicht aber die automatische, verborgene Ausrichtung des Geistes.
Die Bedeutung dieses Befundes liegt in einem genaueren Verständnis davon, wie Attraktivität wirkt. Offenbar ist die Anziehungskraft schöner Gesichter weniger ein völlig automatischer Reflex als vielmehr ein Prozess, der sich stärker in der sichtbaren, willentlich beeinflussbaren Blickbewegung niederschlägt. Das relativiert die verbreitete Vorstellung, attraktive Menschen würden unsere Aufmerksamkeit vollständig und unwillkürlich kapern. Einordnend gilt, dass die Studie unter kontrollierten Laborbedingungen durchgeführt wurde und die Ergebnisse zunächst für die untersuchten Aufgaben gelten. Dennoch verfeinert der Befund das Bild davon, wie tief der Einfluss von Schönheit tatsächlich reicht. Wie stark äußere Merkmale unsere Urteile prägen, zeigt auch die Forschung dazu, wie unterschiedlich Attraktivität überhaupt wahrgenommen wird. Die feine Trennung zwischen Blick und Aufmerksamkeit macht deutlich, wie differenziert unser Wahrnehmungssystem tatsächlich arbeitet.