Menschen mit Nahtoderfahrungen beschreiben ihre Erlebnisse oft als schwer in Worte zu fassen. Eine neue psychologische Untersuchung ließ deshalb 50 Betroffene nicht nur erzählen, sondern die wahrgenommenen Räume in festen grafischen Formen rekonstruieren. Dabei zeigte sich ein auffälliger Zusammenhang zwischen der Geometrie dieser Räume und den erinnerten Farben. Die Zeichnungen liefern keinen Beweis für eine objektive Welt außerhalb des Körpers, eröffnen aber einen ungewöhnlich konkreten Blick darauf, wie solche Erfahrungen räumlich organisiert werden.
France Lerner von der Universität Haifa und ihre Kollegen wollten ein Problem umgehen, das die Forschung zu Nahtoderfahrungen seit Jahrzehnten begleitet: Sprache kann sehr intensive räumliche Eindrücke nur grob wiedergeben. Statt sich allein auf Erzählungen zu verlassen, kombinierten die Wissenschaftler deshalb einen digitalen Fragebogen mit einer grafischen Rekonstruktion. Die Teilnehmer zerlegten ihre Erlebnisse in zeitlich aufeinanderfolgende Abschnitte und ordneten jedem Abschnitt eine räumliche Form zu. Anschließend zeichneten sie mit blauem Stift zusätzliche Angaben zu ihrer wahrgenommenen Position, zur Bewegungsrichtung und zu anderen Erscheinungen ein.
Die Originalarbeit in Frontiers in Psychology untersucht damit nicht, ob Nahtoderfahrungen eine übernatürliche Ursache haben, sondern fragt wesentlich nüchterner, ob sich in den subjektiven Berichten wiederkehrende räumliche Strukturen erkennen lassen. Gerade diese Trennung ist wichtig, weil die Versuchspersonen Erinnerungen an Erlebnisse schilderten, die teilweise lange zurücklagen und medizinisch nicht in jedem Fall unabhängig überprüft werden konnten.
Für die Hauptuntersuchung erfüllten Erwachsene die festgelegten Kriterien und schlossen sowohl den Fragebogen als auch die grafische Rekonstruktion ab. Zuvor hatten die Autoren mit zwei etablierten Skalen geprüft, ob die Berichte Merkmale enthielten, die in der Forschung typischerweise mit Nahtoderfahrungen verbunden werden. Die Teilnehmer waren im Mittel etwas älter als 52 Jahre; 35 waren Frauen und 15 Männer. Entscheidend für die Auswertung war aber nicht ihre Demografie, sondern die räumliche Gliederung ihrer Erinnerungen.
Jeder Teilnehmer sollte sein Erlebnis zunächst in einzelne Abschnitte teilen und deren zeitliche Reihenfolge festlegen, bevor er aus einem Katalog geometrischer Piktogramme jene Form auswählte, die dem wahrgenommenen Raum am ehesten entsprach. Wenn keine Vorlage passte, durfte eine eigene Form gezeichnet werden, wodurch die Vorgehensweise den Einfluss nachträglicher Verschönerung reduzierte und die Erinnerung in ein einheitliches Schema überführte, ohne sie vollständig auf vorgegebene Antworten zu begrenzen.
Bei außerkörperlichen Erfahrungen stellt sich ein ähnliches methodisches Problem, weil subjektive Sicherheit und objektiv prüfbare Information nicht dasselbe sind. Die neue Arbeit umgeht diesen Konflikt, indem sie gar nicht versucht, fremde Räume oder versteckte Gegenstände zu verifizieren, sondern stattdessen die innere Struktur der Berichte miteinander vergleicht.
Die Autoren ordneten die rekonstruierten Räume in mehrere geometrische Familien ein, darunter eine Gruppe aus kegelförmigen oder tunnelartigen Konfigurationen, die im Artikel als A-Formen bezeichnet werden. Von 28 ausgewerteten Räumen dieser Klasse wurden 22 als achromatisch beschrieben, also in Schwarz, Weiß, Grau oder als reine Lichttextur, während nur sechs deutlich wahrgenommene Farben enthielten. Damit war diese Formklasse klar stärker mit farblosen Eindrücken verbunden als die übrigen Kategorien.
Das bekannte Bild eines dunklen Tunnels mit Licht am Ende passt nur teilweise zu diesen Ergebnissen. Einige Teilnehmer schilderten tatsächlich langgezogene oder konische Räume, doch der Katalog erlaubte auch umgedrehte, gedrehte oder unterschiedlich weit geöffnete Varianten. Die Autoren maßen dabei den Öffnungswinkel und die räumliche Ausdehnung des wahrgenommenen Sichtfelds. Auf diese Weise ließ sich aus einem oft vagen Satz wie „ich bewegte mich durch einen Tunnel“ eine geometrische Größe ableiten, die zwischen mehreren Berichten vergleichbar wurde.
Die Form selbst verrät dabei nichts über die Ursache des Erlebnisses, sondern beschreibt lediglich, wie ein Teilnehmer die Begrenzung seines subjektiven Sichtfelds im Nachhinein rekonstruierte. Genau diese vorsichtige Trennung zwischen Wahrnehmungsbeschreibung und Erklärung macht die Arbeit ungewöhnlich, weil sie einzelne Aspekte in messbare Kategorien zerlegt, statt aus spektakulären Erzählungen eine Theorie abzuleiten.
Ein deutlich anderes Muster ergab sich bei den B-Formen, die vor allem aus elliptischen Bögen und gekrümmten Begrenzungen bestanden: In dieser Gruppe wurden 27 von 31 Räumen als farbig erinnert, während nur vier in die achromatische Kategorie fielen. Statistisch war der Kontrast zwischen den kegelförmigen A-Räumen und den B-Räumen am deutlichsten, während andere Formgruppen dazwischenlagen und gemischtere Verteilungen zeigten.
Die Forscher werteten außerdem vollständige ellipsoidale Räume sowie flachere oder nur teilweise gekrümmte Formen aus. Manche Teilnehmer beschrieben dabei intensive helle Flächen, andere farbige Räume oder umschließende Strukturen. Besonders interessant ist, dass die Farbe nicht einfach mit der zeitlichen Position eines Abschnitts innerhalb der Nahtoderfahrung zusammenhing. Der beobachtete Unterschied betraf vielmehr die geometrische Kategorie selbst, wobei die Autoren wegen der begrenzten Stichprobe ausdrücklich von einer explorativen Analyse sprechen.
Das erinnert an frühere Untersuchungen, in denen Erinnerungen an Nahtoderfahrungen anhand ihrer subjektiven Lebendigkeit untersucht wurden, während die neue Arbeit an einem anderen Punkt ansetzt und danach fragt, wie die räumlichen Eigenschaften dieser Erinnerungen zusammenhängen. Dadurch entsteht eine Art Kartografie subjektiver Erfahrung, die sich mit klassischen Fragebögen allein kaum erfassen lässt.
Eine wesentliche Grenze der Studie liegt in der langen Zeitspanne zwischen Erlebnis und Untersuchung. Im Median lagen rund 15 Jahre zwischen der berichteten Nahtoderfahrung und der Teilnahme; einzelne Erinnerungen reichten wesentlich weiter zurück. Solche Abstände eröffnen zahlreiche Möglichkeiten für nachträgliche Veränderungen. Erinnerungen können durch wiederholtes Erzählen stabiler wirken, während Details gleichzeitig neu geordnet, ergänzt oder vereinfacht werden.
Hinzu kommt, dass der lebensbedrohliche Charakter der ursprünglichen Situation auf rückblickenden Angaben beruhte: 42 Teilnehmer bezeichneten ihre damalige Lage als lebensbedrohlich, bei acht traf diese Einschätzung nach eigener Aussage nicht zu. Weil die Studie diese Angaben nicht anhand medizinischer Akten prüfte, ist jede Interpretation eingeschränkt, die über die Form der erinnerten Erfahrung hinausgeht.
Auch die Rekrutierung war nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung, denn die Teilnehmer wurden über eine Organisation angesprochen, die sich mit Nahtoderfahrungen beschäftigt. Menschen, die ein solches Erlebnis nie als bedeutsam empfanden oder es nicht dauerhaft erinnerten, dürften dort seltener vertreten sein, weshalb die Ergebnisse Muster innerhalb einer ausgewählten Gruppe zeigen und keine Aussage darüber erlauben, wie häufig bestimmte Formen bei allen Menschen nach lebensbedrohlichen Situationen auftreten.
Die Forscher unterschieden innerhalb der Berichte außerdem zwei Typen außerkörperlicher Erfahrung: Bei einer dissoziativen Phase beschrieben Teilnehmer eine Bewegung weg vom Körper, häufig nach oben oder seitlich, während eine assoziative Phase die subjektive Rückkehr oder Wiedervereinigung mit dem Körper bezeichnete. Im grafischen Protokoll wurden diese Übergänge mit festgelegten Symbolen und Bewegungsrichtungen markiert.
Zwischen beiden Phasen lag bei manchen Personen ein Kernabschnitt der Nahtoderfahrung, der aus einer oder mehreren räumlichen Sequenzen bestand, während andere Teilnehmer überhaupt keine außerkörperliche Komponente berichteten und ausschließlich die eigentlichen Erlebnisräume zeichneten. Diese Unterscheidung verhindert, dass sehr unterschiedliche Phänomene zu einer einzigen Kategorie verschmelzen, und zeigt zugleich, wie stark die Studie versucht, ein schwer fassbares Erlebnis in einzelne räumliche und zeitliche Bausteine zu zerlegen.
Die methodische Stärke liegt weniger in einer einzelnen spektakulären Zahl als in dieser systematischen Übersetzung subjektiver Eindrücke, weil die Autoren statt nur offener Texte auch Winkel, Bewegungsrichtungen, Positionen und Farbkategorien gegeneinander auswerten konnten. Solche Variablen lassen sich bei einer späteren Wiederholung leichter reproduzieren als frei formulierte Beschreibungen.
Der beobachtete Zusammenhang zwischen Raumform und Farbe erklärt noch nicht, warum er entsteht, denn unterschiedliche visuelle Erinnerungsformen könnten aus gemeinsamen Wahrnehmungsmechanismen hervorgehen oder durch kulturelle Erwartungen, Erzählmuster und die spätere Rekonstruktion der Erinnerung begünstigt werden. Die vorliegenden Daten unterscheiden diese Möglichkeiten nicht.
Für eine stärkere Aussage wären neue Stichproben nötig, die denselben Zeichenkatalog unabhängig verwenden, wobei eine prospektive Untersuchung besonders aufschlussreich wäre, wenn Betroffene möglichst kurz nach einem medizinisch dokumentierten Ereignis befragt würden. Dann ließe sich prüfen, ob dieselben geometrischen Familien und Farbmuster erneut auftauchen, bevor jahrelanges Erinnern und Erzählen den Bericht formen kann.
Die Autoren stellen ihre grafische Methode deshalb als Werkzeug für weitere Forschung vor, nicht als abschließende Theorie. Künftig könnten zusätzliche Gruppen, andere kulturelle Hintergründe und kürzere Abstände zum Erlebnis zeigen, ob die beobachteten Kombinationen stabil bleiben. Genau daran entscheidet sich, ob aus den blau gezeichneten Formen mehr wird als ein interessantes Muster in einer ersten systematischen Kartierung.
Frontiers in Psychology, The perceptual geometry and chromaticity of near-death experience spaces; doi:10.3389/fpsyg.2026.1760389
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