In einem kontrollierten Versuch in Brasilien beschrieben zwei Teilnehmer überraschend genau, was Forscher in einem verschlossenen Nebenraum taten. Der eigentliche Test auf außerkörperliche Erfahrung lieferte dagegen keine Treffer über Zufallsniveau. Die Beobachtungen waren nicht als primärer Endpunkt geplant und gelten deshalb ausdrücklich nicht als Beweis für Wahrnehmung außerhalb des Körpers. Gerade dieser Widerspruch liefert nun eine ungewöhnlich konkrete Frage für den nächsten Versuch.
Im Zentrum des Experiments stand eine simple räumliche Trennung: Ein Teilnehmer blieb in einem Raum, während ein zufällig ausgewähltes Zielbild auf einem Laptop in einem anderen, nicht zugänglichen Zimmer erschien. Marina Weiler von der University of Virginia und ihre Kollegen untersuchten Menschen, die bereits Erfahrung mit Techniken zur absichtlichen Auslösung einer außerkörperlichen Erfahrung hatten. Die Mitteilung der University of Virginia Health System beschreibt dabei einen Befund, der erst nach den geplanten Analysen auffiel: Zwei Teilnehmer nannten Tätigkeiten und Sitzpositionen von Forschern hinter geschlossener Tür.
Außerkörperliche Erfahrung bezeichnet dabei das subjektive Erleben, den eigenen Körper verlassen zu haben und die Umgebung aus einer anderen räumlichen Perspektive wahrzunehmen. Solche Berichte sind seit Jahrzehnten bekannt, lassen sich wissenschaftlich aber nur schwer prüfen, weil Erinnerung, Erwartung und nachträgliche Deutung leicht in die Beschreibung einfließen. Deshalb sollte der brasilianische Versuch eine möglichst nüchterne Frage beantworten: Treffen verbale Beschreibungen ein verdecktes, zufällig gewähltes Bild häufiger, als es durch Zufall zu erwarten wäre?
Für die Untersuchung wurden zunächst Personen ausgewählt, die einem brasilianischen Institut mit Training für außerkörperliche Erfahrungen verbunden waren und sich selbst eine hohe Erfolgswahrscheinlichkeit zutrauten. Insgesamt nahmen 21 Menschen am eigentlichen Versuch teil; jeder sollte mit seiner bevorzugten Methode versuchen, den abgeschirmten Zielraum wahrzunehmen. Das Bild auf dem Laptop stammte aus einer standardisierten Sammlung, während weder Teilnehmer noch die beteiligten Forscher während der Datenerhebung wussten, welches Motiv gewählt worden war. Diese Verblindung sollte verhindern, dass unbewusste Hinweise durch Sprache, Gesten oder Blickverhalten das Ergebnis beeinflussen.
Nach der Sitzung berichteten zehn Personen, während des Experiments einen Zustand erlebt zu haben, den sie selbst als außerkörperliche Erfahrung einordneten. Für die eigentliche Zielanalyse lagen 13 verwertbare Beschreibungen vor, darunter auch Berichte von Teilnehmern ohne solches Erleben. Die Texte wurden nicht einfach von einem Forscher nach Gefühl bewertet, sondern mit den Beschreibungen möglicher Zielbilder verglichen. In der Originalstudie im Fachjournal EXPLORE blieb dieser vorab geplante Test statistisch unauffällig.
Das Zielbild kam aus einem Pool standardisierter Objekte vor neutralem Hintergrund, wodurch sich jede Sitzung mit zahlreichen falschen Alternativen vergleichen ließ. Die Autoren übersetzten sowohl Teilnehmertexte als auch Bildbeschreibungen in numerische Bedeutungsvektoren und prüften anschließend, ob das tatsächliche Motiv semantisch näher lag als die übrigen Kandidaten. Dieses Verfahren reduziert einen klassischen Schwachpunkt solcher Experimente: Ein allgemein formulierter Satz wie „etwas Rundes“ darf nicht nachträglich als spektakulärer Treffer gelten, wenn viele Motive ähnlich beschrieben werden könnten.
Gerade deshalb ist das negative Hauptergebnis wichtig. Die Versuchspersonen konnten das zufällige Laptopmotiv mit ihren Beschreibungen nicht zuverlässiger identifizieren, als es das Zufallsmodell erwarten ließ. Damit liefert die Untersuchung keine belastbare Unterstützung für die Behauptung, Menschen könnten während einer außerkörperlichen Erfahrung gezielt versteckte Bilder in einem fremden Raum lesen oder erkennen. Für die Psychologie bleibt aber interessant, wie stark subjektive Gewissheit und objektiv gemessene Treffer auseinanderfallen können, ähnlich wie bei anderen Phänomenen der Wahrnehmung von Distanzen.
Nach den formalen Zieltests schilderten zwei Teilnehmer jedoch unabhängig voneinander Beobachtungen, die gar nicht zum vorab definierten Bewertungsschema gehörten. Einer beschrieb einen Forscher links an einem Laptop und eine weitere Person weiter hinten mit einem Buch; ein anderer nannte eine Person rechts beim Notieren und einen Kollegen links am Computer. Die Versuchsunterlagen bestätigten laut Universität, dass diese Konstellationen während der jeweiligen Sitzungen tatsächlich bestanden. Nach Angaben des Teams konnten die Teilnehmer den Nebenraum aus ihrer Position nicht normal einsehen.
Gerade weil diese Angaben erst außerhalb des geplanten Endpunkts auffielen, dürfen sie nicht wie ein bestätigter Treffer behandelt werden. Wissenschaftlich zählt ein Effekt wesentlich stärker, wenn vorher feststeht, welche Information gesucht wird, wie sie bewertet wird und welche Abweichung als Erfolg gilt. Bei nachträglich bemerkten Mustern steigt dagegen die Wahrscheinlichkeit, dass aus vielen Aussagen gerade jene herausstechen, die zufällig zu einer realen Situation passen. Die zwei Berichte sind deshalb eine Hypothese für ein neues Experiment und kein Beleg für eine Fähigkeit.
Frühere Beschreibungen des Versuchsaufbaus nennen ungefähr zehn Meter Abstand zwischen dem Aufenthaltsort der Teilnehmer und dem separaten Zielraum. Diese räumliche Trennung lässt sich für eine Wiederholung besonders gut nutzen, weil Forscher im Nebenraum künftig vorab definierte, eindeutig codierbare Handlungen ausführen könnten. Statt nur ein stilles Bild auf einem Bildschirm zu zeigen, könnte beispielsweise eine Person zu einer zufällig bestimmten Zeit einen auffälligen Gegenstand aufnehmen, eine klar festgelegte Körperposition einnehmen oder ein farblich markantes Kleidungsstück tragen.
Entscheidend wäre, diese Details vor Beginn jeder Sitzung automatisch zu bestimmen und vollständig zu protokollieren. Anschließend müsste ein unabhängiger Auswerter prüfen, ob die Teilnehmer genau jene Merkmale nennen, ohne Zugriff auf Raum, Kamera oder Personal zu haben. Ein solcher Aufbau würde aus dem ungewöhnlichen Nebenbefund eine echte Vorhersage machen. Treffer ließen sich dann gegen mehrere falsche Alternativen testen, während Fehlversuche ebenso sichtbar blieben wie Erfolge.
Weiler und ihre Kollegen schlagen für kommende Versuche deshalb stärker hervorstechende Zielreize vor, die näher an den spontanen Berichten liegen. Ein stilles Objekt auf weißem Hintergrund kann für eine Person, die eine komplexe räumliche Szene zu erleben glaubt, weniger salient sein als ein Mensch, der schreibt, liest oder sich bewegt. Diese Überlegung verändert die zentrale wissenschaftliche Frage: Nicht mehr eine nachträglich erzählte Beobachtung soll überzeugen, sondern eine vorab festgelegte Szene muss reproduzierbar unter kontrollierten Bedingungen erkannt werden.
Psychologisch berührt das Experiment zugleich ein bekanntes Problem subjektiver Sicherheit. Menschen können sich einer Wahrnehmung sehr sicher sein, obwohl objektive Tests keine entsprechende Genauigkeit zeigen; umgekehrt können einzelne passende Details enorm einprägsam wirken. Das verwandte Phänomen des Jamais-vu zeigt auf andere Weise, wie stark Vertrautheit und bewusste Wahrnehmung auseinanderdriften können. Beim brasilianischen Versuch bleibt deshalb allein die streng kontrollierte Wiederholung entscheidend.
Für eine belastbare Fortsetzung braucht das Team nun einen Aufbau, bei dem ungewöhnliche Tätigkeiten im Nebenraum nicht erst hinterher interessant werden. Ein Computer könnte vor jeder Sitzung verdeckt auswählen, welche Person wo sitzt, welchen Gegenstand sie benutzt und welche Handlung sie ausführt. Die Teilnehmer müssten ihre Eindrücke anschließend in einer festen Reihenfolge dokumentieren, bevor irgendein Kontakt mit den Forschern stattfindet. Erst dann lässt sich berechnen, ob korrekte Beschreibungen häufiger auftreten als bei zufälligen Zuordnungen und ob derselbe Effekt in unabhängigen Laboren erneut erscheint.
Damit erhält die verschlossene Tür eine präzise wissenschaftliche Funktion: Sie trennt nicht nur zwei Räume, sondern eine ungewöhnliche Anekdote von einem reproduzierbaren Experiment. Der nächste belastbare Schritt wäre kein spektakulärerer Bericht, sondern ein vorher registriertes Protokoll, das exakt festlegt, welche Handlung hinter der Tür als Treffer zählt und welche nicht.
EXPLORE, Assessing correspondence between subjective reports and visual targets during attempted out-of-body experiences; doi:10.1016/j.explore.2026.103506
University of Virginia Health System, Trial testing out-of-body experiences produces unexpected twist
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