Robert Klatt
Ein neues mathematisches Modell, das die Bevölkerungsentwicklung berechnet, zeigt, dass die Weltbevölkerung 2064 kollabieren könnte. Die Menschheit ist demnach deutlich anfälliger für Krisen wie den Klimawandel, als allgemein angenommen wird.
Mailand (Italien). Die Wissenschaft hat das kommende Wachstum der Weltbevölkerung bisher vor allem mit demografischen Modellen berechnet, die meistens einen exponentiellen oder logistischen Prozess untersuchen. Es gab aber auch schon deutlich andere Ansätze, darunter das sogenannte „Weltuntergangsszenario“, das Heinz von Foerster 1960 publiziert hat, laut dem mathematisch berechnet wurde, dass die Weltbevölkerung um 2026 gegen unendlich wachsen würde. Diese Entwicklung ist jedoch nicht eingetreten, unter anderem, weil die globale Geburtenrate signifikant gesunken ist.
Forscher der Universität Mailand (UniMi) haben nun ein nichtlineares „Rate-Feedback“-Modell für das Wachstum der Weltbevölkerung entwickelt. Diese relativ simple, nichtlineare Differenzialgleichung beschreibt die letzten 12.000 Jahre der Bevölkerungsentwicklung und zeigt, dass um 2064 ein Szenario eintreten könnte, bei dem die Weltbevölkerung kollabiert.
„Dies ist keine Prognose, sondern ein mathematisches Szenario, das verdeutlichen soll, wie empfindlich die Populationsdynamik auf abrupte ökologische oder gesellschaftliche Veränderungen reagieren kann.“
Die an der Gleichung beteiligten Wissenschaftler haben zuvor ungeordnete physikalische Systeme analysiert. Um diese mit der Mathematik erfassen zu können, haben sie nichtlineare Differenzialgleichungen verwendet, die nicht nur von den Teilchen und ihrer Position abhängen, sondern auch von den entsprechenden Ableitungen. Die Physiker konnten dadurch auch sehr komplexe Systeme modellieren, etwa Systeme mit Wachstumsraten, die sich plötzlich verändern.
Wie die Forscher erklären, verhält sich die Bevölkerungsentwicklung ähnlich wie ein solches physikalisches System. Sie haben deshalb die Bevölkerungszahlen der vergangenen 12 000 Jahre in ihre Gleichung eingefügt, um die kommende Entwicklung der Weltbevölkerung zu berechnen.
„Wir haben festgestellt, dass das Modell sowohl ›komprimierte exponentielle‹ Wachstumsphasen wie das rasante Wachstum im Industriezeitalter als auch das langsamere ›gestreckte exponentielle‹ Wachstumsregime, das das weltweite Bevölkerungswachstum seit etwa 1970 geprägt hat, erfolgreich nachbildet.“
Das Modell hat auf Basis der empirischen Daten die kommende Entwicklung der Weltbevölkerung simuliert. Dabei haben die Forscher unterschiedliche Krisenszenarien modelliert, etwa eine Pandemie und den Klimawandel. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Weltbevölkerung im schlimmsten Szenario um 2064 halbieren würde. Die Menschen sind demnach deutlich anfälliger für Krisen, als bisher angenommen wurde.
„Unter der bewusst konservativen Worst-Case-Annahme, dass die nachhaltige Tragfähigkeit der Erde plötzlich auf etwa zwei Milliarden Menschen sinken würde, sagt unser Modell einen raschen Rückgang der Weltbevölkerung vorher, wobei sich die Zahl der Menschen bis etwa zum Jahr 2064 möglicherweise halbieren könnte.“
Laut den Wissenschaftlern verläuft die Bevölkerungsentwicklung aktuell aber noch stabil.
Quellen:
Studie im Fachmagazin Chaos, Solitons & Fractals, doi: 10.1016/j.chaos.2026.118542