289 Tonnen

Zentralbanken kaufen Gold in Rekordtempo trotz fallender Preise

 Dennis Lenz

Zentralbanken kaufen Gold in Rekordtempo trotz fallender Preise
(Symbolbild) Gold gilt seit Jahrhunderten als Krisenwährung, doch derzeit greifen vor allem staatliche Akteure zu. Während private Anleger Goldfonds verkaufen und die Schmucknachfrage einbricht, füllen Notenbanken weltweit ihre Tresore in historischem Tempo. Der aktuelle Bericht des World Gold Council legt offen, welche Länder am stärksten zukaufen. Dahinter steckt ein Kalkül, das weit über die Geldanlage hinausgeht. (Foto: © Forschung und Wissen)

Zentralbanken haben im zweiten Quartal 2026 netto 289 Tonnen Gold gekauft, so viel wie noch nie in einem zweiten Quartal seit Beginn der Aufzeichnungen. Das geht aus dem aktuellen Bericht des World Gold Council hervor. Bemerkenswert ist der Zeitpunkt: Der Goldpreis verzeichnete gleichzeitig seinen stärksten Quartalsrückgang seit rund einem Jahrzehnt. Warum die mächtigsten Finanzinstitutionen der Welt ausgerechnet jetzt zugreifen, verrät viel über die Lage der Weltwirtschaft.

Gold spielt in den Bilanzen von Zentralbanken eine Sonderrolle. Anders als Staatsanleihen oder Devisen hat das Edelmetall kein Gegenparteirisiko: Es kann nicht ausfallen, nicht eingefroren und nicht durch die Politik eines fremden Staates entwertet werden. Genau diese Eigenschaften haben seit dem Einfrieren russischer Devisenreserven im Jahr 2022 weltweit an Gewicht gewonnen. Viele Notenbanken, vor allem in Schwellenländern, verringern seither schrittweise ihre Abhängigkeit vom US-Dollar und schichten einen Teil ihrer Reserven in physisches Gold um. In den vergangenen Jahren summierten sich die offiziellen Zukäufe regelmäßig auf mehr als 1.000 Tonnen pro Jahr, ein Niveau, das es zuvor seit Jahrzehnten nicht gegeben hatte. Der neue Quartalsbericht zeigt nun, dass dieser Trend selbst einem fallenden Markt standhält.

Denn für private Investoren war das Frühjahr 2026 ein Wechselbad. Im Januar hatte der Goldpreis ein Allzeithoch erreicht, nach Ausbruch des Kriegs im Nahen Osten Ende Februar folgte eine weitere scharfe Rallye. Seither hat das Edelmetall jedoch rund ein Fünftel an Wert verloren, unter anderem weil ein stärkerer US-Dollar und gestiegene Zinserwartungen an den Terminmärkten auf den Kurs drückten. Börsengehandelte Goldfonds verzeichneten im zweiten Quartal Abflüsse von 45 Tonnen, weil viele Anleger in den fallenden Markt hinein verkauften. Die Schmucknachfrage brach angesichts der immer noch hohen Preise um 17 Prozent auf 278 Tonnen ein, den schwächsten Wert seit der Corona-Pandemie. Umso mehr sticht heraus, wer gegen den Strom kaufte.

Rekordquartal für die Goldnachfrage der Notenbanken

Nach den am 30. Juli veröffentlichten Zahlen erwarben Zentralbanken und andere offizielle Institutionen zwischen April und Juni netto 289 Tonnen Gold, ein Plus von 62 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal und Bestwert für ein zweites Quartal in der Datenreihe. Wie der World Gold Council in seinem Bericht Gold Demand Trends darlegt, folgte der Kaufschub auf ein ungewöhnlich schwaches erstes Quartal, dessen Schätzung nach neuen Daten drastisch von 244 auf nur 57 Tonnen nach unten korrigiert wurde. Über das gesamte Halbjahr kamen die Notenbanken damit auf 345 Tonnen, den niedrigsten Halbjahreswert seit 2022. Die Dynamik im zweiten Quartal zeigt nach Einschätzung der Analysten jedoch, dass die grundlegende Nachfrage intakt bleibt und die Institutionen Preisrückgänge gezielt zum Einstieg nutzen.

Polen kauft mehr als jedes andere Land

Größter Käufer war erneut die polnische Notenbank, die ihre Bestände um 51 Tonnen aufstockte und sich damit ihrem erklärten Ziel von 700 Tonnen Goldreserven nähert. Chinas Zentralbank folgte mit 33 Tonnen, dem größten Quartalszukauf seit Ende 2023, dahinter lagen Usbekistan mit 16 und Kasachstan mit 15 Tonnen. Auf der Verkäuferseite standen vor allem Russland, das 22 Tonnen abgab und damit Berichten zufolge Löcher im Staatshaushalt stopft, sowie die Türkei mit 4 Tonnen. In einer begleitenden Umfrage des Verbands erklärten zudem 45 Prozent der befragten Zentralbanken, ihre eigenen Goldreserven in den kommenden zwölf Monaten weiter erhöhen zu wollen. Privatanleger suchen derweil auch abseits des Edelmetalls nach krisenfesten Anlagen, etwa in Bitcoin, das derzeit technisch gegen künftige Quantencomputer abgesichert wird.

Was hinter dem Kaufrausch steckt

Ökonomen führen die anhaltende Goldnachfrage der Staaten auf ein Bündel von Motiven zurück. An erster Stelle steht die geopolitische Unsicherheit: Wer Gold im eigenen Tresor lagert, ist gegen Sanktionen und eingefrorene Auslandskonten weitgehend immun. Hinzu kommt die Sorge um die langfristige Kaufkraft der großen Papierwährungen in einer Welt wachsender Staatsschulden. Trotz des Preisrückgangs erreichte der Wert der weltweiten Goldnachfrage im ersten Halbjahr mit rund 380 Milliarden US-Dollar einen Rekord, bei einer Menge von 2.522 Tonnen und einem Zuwachs von 2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Für die zweite Jahreshälfte erwartet der World Gold Council eine weiterhin robuste, aber ungleich verteilte Nachfrage, getragen vor allem von Investoren in Asien und den Tresoren der Notenbanken.

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