Reich und Arm

Vermögensungleichheit in Deutschland geht zuletzt zurück

 Dennis Lenz

Vermögensungleichheit in Deutschland geht zuletzt zurück
(Symbolbild) Deutschland gilt oft als Land mit besonders großer Vermögensungleichheit. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft kommt zu einem anderen Ergebnis: Die Höhe der Ungleichheit sei typisch für etablierte Wohlfahrtsstaaten und habe sich zuletzt eher rückläufig entwickelt. Eine wichtige Rolle spielen dabei Betriebsvermögen an der Spitze der Verteilung und der geringe Anteil an Wohneigentum. Die Studie entstand im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Kaum ein Thema löst in Deutschland so hitzige Gerechtigkeitsdebatten aus wie die Verteilung der Vermögen. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft kommt nun zu einem Ergebnis, das der verbreiteten Wahrnehmung widerspricht: Die Vermögensungleichheit in Deutschland ist typisch für etablierte Wohlfahrtsstaaten und hat sich zuletzt eher rückläufig entwickelt. Ausgerechnet der Sozialstaat erklärt dabei einen Teil ihrer Höhe. Die Studie ist allerdings nicht die einzige Sicht auf das Thema.

Die Vermögensverteilung ist regelmäßig Anlass für politische Auseinandersetzungen. Organisationen wie Oxfam verweisen auf wachsende Ungleichheit und fordern eine Vermögensteuer, während wirtschaftsnahe Institute vor Belastungen für Unternehmen warnen. Neue Zahlen liefert nun ein Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft, das die Ökonomen Martin Beznoska, Judith Niehues und Maximilian Stockhausen am 20. August 2026 vorgelegt haben. Die Studie entstand im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, eines Arbeitgeberverbands, was für die Einordnung der Ergebnisse von Bedeutung ist. Ihr zentrales Ergebnis lautet, dass die Höhe der Vermögensungleichheit in Deutschland typisch für etablierte Wohlfahrtsstaaten ist und sich zuletzt eher rückläufig entwickelt hat. Nach Auffassung der Autoren werden in den Gerechtigkeitsdebatten entscheidende Einflussfaktoren auf die Vermögensverteilung häufig ignoriert. Die Studie ordnet die Verteilung deshalb in den internationalen Kontext ein und untersucht, woraus sich die Vermögen in Deutschland zusammensetzen.

Um die Ergebnisse einzuordnen, hilft ein Blick auf das gängige Maß für Ungleichheit, den Gini-Koeffizienten. Er liegt zwischen null und eins: Bei null besäßen alle Menschen gleich viel, bei eins besäße eine einzige Person alles. Nach einer früheren Auswertung des IW auf Basis des UBS Global Wealth Report sank der Gini-Koeffizient der Nettovermögen in Deutschland zwischen 2008 und 2023 von 0,72 auf 0,68. Das bedeutet, dass die relative Vermögensungleichheit in diesem Zeitraum zurückgegangen ist, wenn auch von einem hohen Niveau aus. Gleichzeitig zeigt ein Vergleich mit den Nachbarländern, dass Deutschland keineswegs zu den Ländern mit einer besonders gleichmäßigen Verteilung gehört. Nach Angaben des IW beträgt das durchschnittliche Vermögen der Haushalte in Deutschland rund 450.000 Euro, mehr als in Frankreich, aber weniger als in Belgien oder Luxemburg. Im Vergleich zu diesen drei Nachbarstaaten ist das Vermögen hierzulande allerdings ungleicher verteilt.

Warum Sozialstaaten eine höhere Vermögensungleichheit zeigen

Der überraschendste Befund der Studie betrifft die Rolle des Sozialstaats. Im Ländervergleich zeigt sich nach dem IW-Gutachten zur Vermögensverteilung in Deutschland und Europa, dass gerade Länder mit einem ausgeprägten Wohlfahrts- und Sozialstaat ein höheres Maß an Vermögensungleichheit aufweisen. Der Grund liegt in der Art, wie Vermögen gemessen wird. Wer im Alter eine gesetzliche Rente erhält, im Krankheitsfall versichert ist und bei Arbeitslosigkeit Unterstützung bekommt, muss weniger privat vorsorgen. Diese Ansprüche tauchen in den üblichen Vermögensstatistiken aber nicht auf. Nach einer früheren Berechnung des IW reduziert sich die Vermögensungleichheit um mehr als ein Fünftel, wenn man die gesetzlichen Rentenansprüche berücksichtigt. Ein starker Sozialstaat kann die gemessene Ungleichheit demnach erhöhen, weil er private Vermögensbildung für einen Teil der Bevölkerung weniger notwendig macht.

Wohneigentum und Betriebsvermögen prägen die Verteilung

Zwei weitere Faktoren prägen nach der Studie die Verteilung. Zum einen haben Betriebsvermögen im obersten Bereich der Verteilung eine zentrale Bedeutung. Ein großer Teil der hohen Vermögen steckt nicht in frei verfügbarem Geld, sondern in Unternehmen, oft in Familienbetrieben des Mittelstands. Das macht die Debatte über eine Vermögensteuer besonders heikel, weil eine solche Steuer auf Firmenanteile zugreifen würde. Zum anderen spielt das Wohneigentum eine wichtige Rolle. In Deutschland wohnen im internationalen Vergleich besonders viele Menschen zur Miete. Wohneigentum ist in vielen Ländern der wichtigste Vermögensbaustein der Mittelschicht. Fehlt er, fällt ein großer Teil der Bevölkerung bei der Vermögensbildung zurück, auch wenn ihr Einkommen solide ist. Die geringe Bedeutung von Wohneigentum hierzulande erhöht nach Darstellung des IW deshalb die gemessene Vermögensungleichheit. Die vollständige Studie der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft ist beim Auftraggeber abrufbar.

Was die Gegenseite der Studie entgegenhält

Die IW-Studie steht in einer Debatte, in der andere Forscher zu deutlich kritischeren Befunden kommen. Andere Auswertungen zeigen, wie stark sich das Vermögen in Deutschland an der Spitze ballt. Nach einer Studie, über die dieses Magazin berichtet hat, besitzen 5000 Superreiche ein Viertel des deutschen Vermögens. Solche Zahlen stehen nicht zwingend im Widerspruch zur IW-Studie, denn beide betrachten unterschiedliche Ausschnitte. Ein leicht sinkender Gini-Koeffizient für die Gesamtbevölkerung und eine starke Konzentration an der äußersten Spitze können gleichzeitig zutreffen, zumal die Vermögen der Reichsten in Umfragen schwer zu erfassen sind. Kritiker der IW-Position verweisen zudem auf den Auftraggeber, einen Arbeitgeberverband mit klarer Haltung gegen eine Vermögensteuer. Das stellt die Berechnungen nicht grundsätzlich infrage, erklärt aber, warum die Studie vor allem jene Faktoren betont, die die Ungleichheit relativieren.

Was der Befund für die Debatte um eine Vermögensteuer bedeutet

Politisch zielt die Studie auf eine der umstrittensten Fragen der Steuerpolitik. Befürworter einer Vermögensteuer argumentieren mit der hohen Konzentration an der Spitze und der Notwendigkeit, große Vermögen stärker an der Finanzierung des Gemeinwesens zu beteiligen. Das IW hält dem entgegen, dass die Ungleichheit im internationalen Vergleich nicht außergewöhnlich sei und sich eher verringere. Bereits Anfang 2025 hatte IW-Ökonom Stockhausen eine Wiederbelebung der Vermögensteuer in der aktuellen Wirtschaftslage als gefährlichen Schritt bezeichnet, weil sie Unternehmen belasten und Investitionen blockieren würde. Aus der neuen Studie lässt sich zudem eine andere Stoßrichtung ableiten: Wer die Vermögensungleichheit verringern will, könnte beim Wohneigentum ansetzen und breiteren Bevölkerungsschichten den Erwerb von Immobilien erleichtern, statt große Vermögen zu besteuern. Welche Schlussfolgerung überzeugt, hängt letztlich weniger von den Zahlen ab als von der Frage, welche Verteilung eine Gesellschaft für gerecht hält.

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