Die Mütterrente wurde gerade erst ausgeweitet, nun rechnen Ökonomen vor, wie sie wieder halbiert werden könnte. Das ifo-Institut schlägt vor, die Mütterrente über vier Jahre auf 50 Prozent ihres heutigen Niveaus zu senken und die Renten künftig an die Inflation statt an die Löhne zu koppeln. Zusammen mit Kürzungen beim Elterngeld und bei Subventionen ließe sich der Bundeshaushalt bis 2030 um jährlich bis zu 60 Milliarden Euro entlasten. Wen die Pläne am stärksten treffen würden, ist klar zu erkennen.
Der Bundeshaushalt steht unter Druck. In der Finanzplanung der kommenden Jahre klaffen Milliardenlücken, und die Staatsverschuldung steigt. Einen besonders großen Anteil an den Ausgaben des Bundes haben die Sozialleistungen: Mit 37 Prozent sind sie der mit Abstand größte Ausgabenblock. Ein wesentlicher Teil davon fließt in die gesetzliche Rentenversicherung, die der Bund jedes Jahr mit hohen Zuschüssen stützt. Nach einer früheren Untersuchung des ifo-Instituts fließt im Bundeshaushalt 2026 ein Drittel aller veranschlagten Steuereinnahmen in die Rentenversicherung, insgesamt 127,8 Milliarden Euro. Vor diesem Hintergrund hat das ifo-Institut im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, einer wirtschaftsnahen Organisation, berechnet, wo sich im Bundeshaushalt sparen ließe. Das Zwischenergebnis stellten die Ökonomen Mitte Juni 2026 in Berlin vor. Es enthält Vorschläge, die an sensible Stellen des Sozialstaats rühren, und hat entsprechend heftige Reaktionen ausgelöst, weil sie Millionen Rentner und Familien direkt betreffen würden.
Die Mütterrente ist dabei ein besonders heikler Punkt. Sie ist keine eigenständige Rente, sondern die Anrechnung von Erziehungszeiten auf die gesetzliche Rente. Wer beruflich zurückstecken musste, um Kinder zu erziehen, erhält dafür Rentenpunkte gutgeschrieben. Pro Kind und Jahr Erziehungszeit sind das nach Angaben von t-online derzeit 42,52 Euro brutto im Monat, angerechnet werden können bis zu drei Jahre pro Kind. Die Leistung wurde von der Bundesregierung gerade erst ausgeweitet. Umso brisanter ist der Vorschlag, sie nun schrittweise zu halbieren. Die Ökonomen argumentieren mit der Lage der öffentlichen Finanzen: Ohne Konsolidierung drohten Nettokreditaufnahme und Staatsschulden in den kommenden Jahren stark zu steigen. Kritiker verweisen dagegen darauf, dass die Einschnitte vorwiegend Familien und Rentner treffen würden, während andere Gruppen weitgehend verschont blieben.
Das ifo-Institut hat vier Szenarien durchgerechnet. Laut der Pressemitteilung des ifo-Instituts zu den Sparmöglichkeiten im Bundeshaushalt ließe sich die Finanzsituation des Bundes bis 2030 um jährlich bis zu 60 Milliarden Euro verbessern. Rund 54 Milliarden Euro entfielen auf Änderungen bei der Rentenversicherung, beim Elterngeld und bei den Subventionen. Weitere sechs Milliarden Euro ließen sich durch einen stärkeren Fokus auf produktivitätssteigernde Investitionen erreichen, verbunden mit Bürokratieabbau und dem Abbau von Finanzhilfen, die alte Strukturen konservieren. Den größten einzelnen Posten bilden dabei die Subventionen. Würden alle noch nicht genehmigten Finanzhilfen des Bundes über vier Jahre um 60 Prozent gekürzt, müsste der Bund rund 31 Milliarden Euro weniger ausgeben. ifo-Präsident Clemens Fuest betont, dass nur ein konsolidierter Haushalt verhindern könne, dass Nettokreditaufnahme und Staatsschulden in den nächsten Jahren enorm ansteigen.
Der tiefste Eingriff betrifft die Rentenversicherung. Bislang folgen die Renten in Deutschland im Wesentlichen der Entwicklung der Löhne. Steigen die Löhne stärker als die Preise, profitieren auch die Rentner von diesem realen Zuwachs. Das ifo-Institut hat ein Szenario berechnet, in dem die Renten stattdessen nur noch an die Inflation gekoppelt werden. Rentner würden ihre Kaufkraft damit zwar erhalten, an steigenden Reallöhnen aber nicht mehr teilhaben. Ähnliches hatte im Mai 2026 bereits der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung empfohlen, die sogenannten Wirtschaftsweisen. In demselben Szenario wird die Mütterrente über vier Jahre auf die Hälfte ihres heutigen Niveaus gesenkt. Beide Maßnahmen zusammen würden im Jahr 2030 rund 20 Milliarden Euro im Vergleich zu den bisher geplanten Ausgaben einsparen. Wie stark einzelne Rentner betroffen wären, hängt davon ab, wie weit Löhne und Preise in den kommenden Jahren auseinanderlaufen.
Auch beim Elterngeld sehen die Ökonomen Einsparmöglichkeiten. Bislang liegt die Einkommensgrenze, bis zu der Eltern Anspruch auf Elterngeld haben, bei 175.000 Euro. Das ifo-Institut schlägt vor, diese Grenze für Paare und Alleinerziehende auf 50.000 Euro abzusenken. Nach Darstellung der Studie würde der Kreis der Anspruchsberechtigten dadurch deutlich eingeschränkt und die Leistung stärker auf Haushalte mit niedrigen Einkommen konzentriert. Der Bund könnte so rund drei Milliarden Euro im Jahr einsparen. Der Vorschlag berührt eine Grundsatzfrage der Familienpolitik. Das Elterngeld wurde ursprünglich als Lohnersatzleistung eingeführt, die es auch Eltern mit mittleren und höheren Einkommen erleichtern soll, nach der Geburt eines Kindes eine Zeit lang weniger zu arbeiten. Eine Absenkung auf 50.000 Euro würde viele Doppelverdiener-Paare mit durchschnittlichen Einkommen aus dem Anspruch herausfallen lassen. Befürworter sehen darin eine gezieltere Verwendung knapper Mittel, Gegner eine Abkehr vom ursprünglichen Ziel der Leistung.
Nach der Rechnung der Auftraggeber hätten die Vorschläge spürbare Folgen für die Staatsfinanzen. In ihrer Mitteilung der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft zur ifo-Studie heißt es, die Nettokreditaufnahme würde von 200 auf 140 Milliarden Euro sinken und die Staatsschuldenquote um 2,4 Prozentpunkte auf 74 Prozent der Wirtschaftsleistung fallen. INSM-Geschäftsführer Thorsten Alsleben sieht in den Zahlen nicht nur einen Weg zur Haushaltskonsolidierung, sondern auch Spielraum für Steuersenkungen. Genau hier setzt die Kritik an: Die Einsparungen bei Rentnern und Familien könnten nach dieser Lesart auch dazu dienen, Entlastungen an anderer Stelle zu finanzieren. Dass die Studie im Auftrag einer wirtschaftsnahen Initiative entstanden ist, gehört deshalb zur Einordnung. An den Rechenergebnissen selbst ändert der Auftraggeber nichts, wohl aber an der Frage, welche Sparoptionen überhaupt geprüft wurden und welche nicht.
Hinter der Debatte steht ein strukturelles Problem. Die Ausgaben für die Rente wachsen, weil die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen und weniger Beitragszahler nachrücken. Der Bundesrechnungshof hat berechnet, dass allein die Stabilisierung des Rentenniveaus den Bund bis 2031 rund 25 Milliarden Euro kostet und bis 2040 mit rund 150 Milliarden Euro belastet. Für junge Menschen stellt sich damit die Frage, wie viel sie für die Renten der Älteren zahlen und was sie selbst im Alter erwarten können. Die Bundesregierung setzt dafür unter anderem auf private Vorsorge von Kindesbeinen an, etwa mit der geplanten Frühstartrente, bei der 10 Euro im Monat bei 7 Prozent Rendite auf 53.000 Euro anwachsen könnten. Die ifo-Vorschläge setzen dagegen bei den heutigen Leistungen an. Sie sind keine beschlossenen Maßnahmen, sondern Berechnungen, und die vollständige Studie wurde für September 2026 angekündigt.