Im öffentlichen Dienst fehlen nach Angaben des Deutschen Beamtenbunds 631.000 Beschäftigte, ein neuer Höchststand beim Personalmangel. Eine Rechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft stellt dieser Zahl eine fast gleich große gegenüber: Würden alle Teilzeitkräfte auf Vollzeit aufstocken, entstünden rechnerisch 634.000 zusätzliche Vollzeitstellen. Die größten Reserven liegen in Schulen und Kitas. Doch die Gegenüberstellung hat einen Haken.
Ob im Bürgeramt, in der Schule oder in der Kita: Fehlendes Personal im öffentlichen Dienst spüren viele Menschen im Alltag unmittelbar. Termine sind schwer zu bekommen, Unterricht fällt aus, Kitagruppen werden verkleinert. Der Deutsche Beamtenbund hat Ende August 2026 eine neue Zahl vorgelegt. Nach einer Abfrage bei seinen Mitgliedsgewerkschaften fehlen im öffentlichen Dienst 631.000 Beschäftigte, nach 600.000 im Vorjahr. Allein in den Kommunalverwaltungen seien es 112.000, in den Kitas 97.000. Die Zahl ist politisch wirksam, weil sie eine einfache Folgerung nahelegt: mehr Aufgaben, mehr Bedarf, also mehr Einstellungen und höhere Ausgaben. Wichtig für die Einordnung ist, dass es sich um eine Erhebung des Verbands bei seinen Gewerkschaften handelt und nicht um eine amtliche Statistik. Kurz nach dem Beamtenbund legte das Institut der deutschen Wirtschaft eine Berechnung vor, die das Problem von der anderen Seite betrachtet und nicht nach fehlenden Köpfen fragt, sondern nach ungenutzter Arbeitszeit.
Der Ausgangspunkt dieser Rechnung ist die hohe Teilzeitquote im öffentlichen Dienst. Viele Beschäftigte, insbesondere Frauen, arbeiten in Schulen, Kitas und Verwaltungen mit reduzierter Stundenzahl. Das hat oft gute Gründe, von der Kinderbetreuung über die Pflege von Angehörigen bis zur eigenen Gesundheit. Für die Personalplanung bedeutet es aber, dass die Zahl der Beschäftigten allein wenig über das tatsächlich verfügbare Arbeitsvolumen aussagt. Der IW-Ökonom Björn Kauder hat deshalb auf Basis der Personalstatistik des Statistischen Bundesamts berechnet, wie viel zusätzliche Arbeitszeit im vorhandenen Personal steckt. Die Frage lautet nicht, wie viele Menschen fehlen, sondern wie viele Vollzeitstellen rechnerisch entstünden, wenn die bereits Beschäftigten mehr Stunden arbeiteten. Dafür rechnet er Teilzeitstellen in sogenannte Vollzeitäquivalente um. Das Ergebnis trifft einen wunden Punkt in einer Debatte, in der Teilzeit abwechselnd als Recht, als Notwendigkeit oder als verschenktes Potenzial beschrieben wird.
Würden alle Teilzeitbeschäftigten bei Bund, Ländern und Kommunen auf Vollzeit aufstocken, entstünden nach der Rechnung des IW 634.000 zusätzliche Vollzeitäquivalente. Allein bei Ländern und Kommunen wären es 614.000. Rechnerisch entspricht das fast genau der Lücke, die der Beamtenbund beklagt. Veröffentlicht hat das Institut die Berechnung am 1. September 2026 im Kurzbericht zu den Potenzialen durch mehr Vollzeit im öffentlichen Dienst. Die Zahlen lassen sich allerdings nicht unmittelbar gleichsetzen. Der Beamtenbund nennt fehlende Beschäftigte, das IW berechnet zusätzliches Arbeitsvolumen. Zudem handelt es sich bei den 634.000 Stellen um eine theoretische Obergrenze, die nur erreicht würde, wenn ausnahmslos alle Teilzeitkräfte ihre Stunden aufstockten. Kauder selbst hält eine vollständige Umstellung in der Praxis nicht für realistisch und nennt einen vorsichtigeren Maßstab.
Besonders aufschlussreich wird die Rechnung, wenn man sie nach Aufgabenbereichen aufschlüsselt. An Schulen beziffert das IW das theoretische Potenzial auf 153.000 Vollzeitäquivalente, was einer Steigerung des Arbeitsvolumens um knapp 20 Prozent entspräche. In Kitas liegt die Reserve bei 54.400 Vollzeitstellen, in den Kommunalverwaltungen bei 41.800. An Hochschulen ergeben sich rechnerisch 16.000 zusätzliche Vollzeitstellen, bei der Polizei 10.800. Die größten ungenutzten Reserven liegen damit genau in den Bereichen, in denen der Personalmangel öffentlich am lautesten beklagt wird. Gerade in Schulen ist der Mangel an Lehrkräften seit Jahren ein Dauerthema, und Bildungsstudien wie die jüngste Auswertung, nach der die Pisa-Studie in Deutschland die niedrigsten Werte aller Zeiten misst, verstärken den Druck auf die Schulen zusätzlich. Die IW-Rechnung zeigt, dass ein Teil der Lösung in den Stundenplänen der vorhandenen Lehrkräfte stecken könnte.
Die Reserven sind regional sehr ungleich verteilt. Die größten absoluten Potenziale gibt es in Bayern mit rechnerisch 129.800 Vollzeitäquivalenten, in Nordrhein-Westfalen mit 115.100 und in Baden-Württemberg mit 111.300. In Baden-Württemberg, Bayern und Rheinland-Pfalz ließe sich das Arbeitsvolumen im öffentlichen Dienst um 19 bis 21 Prozent steigern, wenn alle Vollzeit arbeiteten. In Niedersachsen und Schleswig-Holstein liegt das Potenzial mit knapp 16 Prozent leicht über dem Bundesdurchschnitt. In den ostdeutschen Ländern ist die Reserve deutlich kleiner, in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern beträgt sie nur rund acht Prozent. Das liegt nach Einschätzung des IW auch daran, dass die Kinderbetreuung im Osten traditionell besser ausgebaut ist und mehr Frauen in Vollzeit arbeiten. Im Westen spielt zudem der Wohlstand eine Rolle. Nach Kauders Worten sind die Einkommen dort hoch genug, dass sich viele Beschäftigte Teilzeit leisten können.
Weil eine vollständige Umstellung auf Vollzeit unrealistisch ist, nennt Kauder einen vorsichtigeren Vergleichsmaßstab. Würden alle Länder das Niveau Sachsen-Anhalts erreichen, des Landes mit der höchsten durchschnittlichen Arbeitszeit im öffentlichen Dienst, blieben rund 294.000 zusätzliche Vollzeitäquivalente. Das ist weniger als die Hälfte der theoretischen Obergrenze, aber immer noch fast die Hälfte der vom Beamtenbund genannten Lücke. Die Beamtenbund-Zahl selbst beruht nach der Mitteilung des Beamtenbunds zum Personalmangel auf einer Eigenerhebung bei den Mitgliedsgewerkschaften und nicht auf einer amtlichen Statistik. Beide Zahlen haben also ihre Grenzen. Gemeinsam zeigen sie, dass die Debatte über den Personalmangel ohne einen Blick auf die Arbeitszeit unvollständig bleibt. Eine einfache Lösung ergibt sich daraus aber nicht, denn ob Beschäftigte ihre Stunden aufstocken können, hängt stark von ihren Lebensumständen ab.
Der größte Hebel liegt nach Einschätzung des IW bei der Kinderbetreuung. Die Betreuungslücke ist im Westen deutlich größer, und ausgerechnet in den Kitas fehlen selbst Fachkräfte besonders stark. Daraus entsteht ein Kreislauf: Weil Kitaplätze fehlen, arbeiten Eltern in Teilzeit, darunter auch Erzieherinnen und Lehrkräfte, die selbst Kinder haben. Weil sie in Teilzeit arbeiten, fehlt wiederum Personal in Kitas und Schulen. Mehr Vollzeit im öffentlichen Dienst setzt deshalb voraus, dass die Gründe für Teilzeit wegfallen oder sich Mehrarbeit finanziell lohnt. Kritiker der IW-Rechnung verweisen darauf, dass Teilzeit häufig keine freie Wahl ist, sondern eine Folge von Betreuungspflichten und hoher Arbeitsbelastung. Befürworter sehen in der Rechnung dagegen einen Anlass, Anreize für längere Arbeitszeiten zu schaffen, bevor zusätzliche Stellen geschaffen werden. Einig sind sich beide Seiten in einem Punkt: Ohne verlässliche Kinderbetreuung bleibt ein großer Teil der Reserve unerreichbar.