Bildung im Vergleich

Pisa-Studie misst in Deutschland die niedrigsten Werte aller Zeiten

 Dennis Lenz

Pisa-Studie misst in Deutschland die niedrigsten Werte aller Zeiten
(Symbolbild) Die neue Pisa-Studie bescheinigt den 15-Jährigen in Deutschland die niedrigsten Kompetenzwerte seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2000. In Naturwissenschaften, im Lesen und in Mathematik liegen die Ergebnisse sogar unter dem Niveau des einstigen Pisa-Schocks. Rund ein Fünftel der Jugendlichen erreicht in keinem der drei Bereiche ausreichende Grundfähigkeiten. Geleitet wurde der deutsche Teil der weltweit größten Schulleistungsstudie vom Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien an der Technischen Universität München. (Foto: © Forschung und Wissen)

Die Jugendlichen in Deutschland erzielen in der neuen Pisa-Studie die niedrigsten Ergebnisse, die jemals im Rahmen der Erhebungen gemessen wurden. In Naturwissenschaften, im Lesen und in Mathematik liegen die Werte sogar unter denen des Jahres 2000, als der sogenannte Pisa-Schock das Land aufrüttelte. Rund ein Fünftel der 15-Jährigen verfügt in keinem der drei Bereiche über ausreichende Basiskompetenzen. Zugleich hängt der Bildungserfolg so stark von der familiären Herkunft ab wie in kaum einem anderen Industriestaat.

Die Pisa-Studie gilt als die größte Bildungsstudie der Welt. Unter dem Kürzel Pisa, das für Programme for International Student Assessment steht, prüft die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in regelmäßigen Abständen, wie gut 15-Jährige gegen Ende ihrer Pflichtschulzeit alltagsnahe Aufgaben im Lesen, in Mathematik und in den Naturwissenschaften lösen können. An der aktuellen Erhebung unter dem Titel PISA 2025 beteiligten sich weltweit rund 760.000 Schüler in 91 Staaten und Regionen. In Deutschland wurden rund 6.700 repräsentativ ausgewählte Jugendliche an etwa 250 Schulen aller Schularten getestet, wie die Technische Universität München in ihrer Pressemitteilung zur neuen Pisa-Studie mitteilt, deren Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien (ZIB) den deutschen Teil der Untersuchung leitet.

Der Blick zurück macht die Dimension der aktuellen Zahlen deutlich. Als im Jahr 2001 die Ergebnisse der ersten Erhebung erschienen, löste das mittelmäßige Abschneiden der deutschen Schüler eine intensive Debatte aus, die als Pisa-Schock in die Bildungsgeschichte einging. Es folgten Reformen, mehr Vergleichsarbeiten und ein spürbarer Aufwärtstrend, der Deutschland über Jahre deutlich über den OECD-Durchschnitt hob. Seit etwa einem Jahrzehnt kehrt sich diese Entwicklung jedoch um. Bereits die 2023 veröffentlichten Resultate der vorherigen Runde galten als historisch schwach und wurden vor allem mit den Folgen der Pandemie erklärt. Offen blieb damals, ob es sich um einen vorübergehenden Einbruch oder um einen dauerhaften Abwärtstrend handelt. Die neuen Daten liefern darauf nun eine klare und ernüchternde Antwort.

Niedrigste Werte in der Geschichte der Pisa-Studie

Die 15-Jährigen in Deutschland erreichen in den Naturwissenschaften im Schnitt 486 Punkte, im Lesen 465 Punkte und in Mathematik 464 Punkte. Damit liegen alle drei Werte nicht nur unter denen der vorherigen Erhebung, sondern auch unter dem Niveau der allerersten Pisa-Studie vor 25 Jahren. Es sind die niedrigsten Ergebnisse, die jemals im Rahmen der Untersuchung in Deutschland gemessen wurden. Studienleiter Samuel Greiff von der Technischen Universität München betont, dass die aktuellen Resultate keinen kurzfristigen Ausreißer mehr darstellen, sondern einen eindeutigen Abwärtstrend bestätigen, der sich über das gesamte vergangene Jahrzehnt erstreckt. Getestet wurde im Jahr 2025, der inhaltliche Schwerpunkt lag diesmal auf den Naturwissenschaften. Ergänzend wurde erhoben, wie gut Jugendliche mit digitalen Werkzeugen komplexe Probleme strukturieren und lösen können, wobei Deutschland ebenfalls nur durchschnittlich abschneidet.

Deutschland rutscht auf den OECD-Durchschnitt ab

In den Naturwissenschaften liegt Deutschland damit erstmals seit 2006 nicht mehr über dem OECD-Durchschnitt, in Mathematik und im Lesen bewegen sich die Werte wie schon zuvor auf dem Mittelwert der Industriestaaten. Zwar sinken die Leistungen derzeit in vielen Teilnehmerländern, was Fachleute unter anderem mit den Nachwirkungen der Pandemie und weiteren internationalen Krisen erklären. In Deutschland fällt der Rückgang allerdings besonders deutlich aus. Die Spitzenwerte erzielen die Schüler der chinesischen Regionen Peking, Shanghai, Jiangsu und Zhejiang mit 597 Punkten in den Naturwissenschaften und 612 Punkten in Mathematik, während Singapur mit 535 Punkten die höchste Lesekompetenz erreicht. Auch mehrere OECD-Staaten mit vergleichbaren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen schneiden klar besser ab, darunter Estland, Kanada, die Schweiz und Österreich. Frankreich und die Niederlande liegen dagegen etwa gleichauf mit Deutschland.

Jeder fünfte Jugendliche ohne ausreichende Basiskompetenzen

Besonders alarmiert zeigen sich die Forscher über den wachsenden Anteil junger Menschen ohne grundlegende Fähigkeiten. Der vollständige Berichtsband der Studie gliedert die Testergebnisse in sechs Kompetenzstufen, wobei Jugendliche unterhalb der Stufe II als nicht ausreichend vorbereitet auf Ausbildung, Beruf und Alltag gelten. Rund ein Drittel der 15-Jährigen verfehlt diese Schwelle im Lesen und in Mathematik, in den Naturwissenschaften betrifft es etwa ein Viertel. Rund ein Fünftel der Jugendlichen verfügt in keinem der drei Bereiche über ausreichende Basiskompetenzen, wobei sich dieser Anteil im Lesen und in Mathematik seit 2015 verdoppelt hat. Gleichzeitig schrumpft die Leistungsspitze. Der Anteil der Schüler auf den höchsten Kompetenzstufen sank in Mathematik von 13 auf 8 Prozent, im Lesen von 12 auf 7 Prozent und in den Naturwissenschaften von 11 auf 9 Prozent. Nur noch 3 Prozent erreichen in allen drei Bereichen das oberste Niveau.

Die Verluste ziehen sich damit durch das gesamte Leistungsspektrum und beschränken sich nicht auf einzelne Gruppen. Der Befund deckt sich mit anderen aktuellen Erhebungen, denn schon der IQB-Bildungstrend hatte einen deutlichen Einbruch in Mathematik und den naturwissenschaftlichen Fächern dokumentiert. Dass nun auch der internationale Vergleich denselben Trend bestätigt, nimmt der Debatte das Argument, es handle sich um ein Problem einzelner Messverfahren. Die Forscher sprechen stattdessen von einem strukturellen Muster, das sich über verschiedene Studien, Jahrgänge und Fächer hinweg konsistent zeigt und das ohne gezielte Gegenmaßnahmen weiter fortschreiten dürfte.

Herkunft entscheidet stärker als in fast jedem anderen Staat

Ein zweiter Befund wiegt aus Sicht des Forschungsteams mindestens ebenso schwer. Betrachtet man den sozioökonomischen Status, das Geschlecht und den Zuwanderungshintergrund der Jugendlichen gemeinsam, erweist sich die wirtschaftliche und soziale Lage der Familie mit Abstand als wichtigster Faktor für den Kompetenzerwerb. Der Zusammenhang zwischen naturwissenschaftlichen Leistungen und sozialer Herkunft hat in Deutschland weiter zugenommen und erreicht den höchsten Wert seit Beginn der Erhebungen. Nur 2 Prozent der Schüler aus benachteiligten Familien erwerben hohe Kompetenzen, bei Jugendlichen aus privilegierten Elternhäusern sind es rund 25 Prozent. In kaum einem anderen Staat fällt diese Kopplung derart stark aus, sie ist etwa dreimal so ausgeprägt wie in Kanada und doppelt so stark wie in Dänemark oder Norwegen. Für die Bildungsgerechtigkeit stellt Deutschland damit im internationalen Vergleich ein Negativbeispiel dar, während andere Länder zeigen, dass sich Bildungserfolg und familiäre Voraussetzungen deutlich besser entkoppeln lassen.

Frühe Förderung soll den Abwärtstrend stoppen

Das Pisa-Team leitet aus den Ergebnissen konkrete Empfehlungen ab. Da die meisten Lernprobleme bereits vor der Einschulung entstehen, plädieren die Forscher für frühe Diagnostik und verbindliche Förderung im Vorschulalter, wobei vor allem die Kenntnis der Unterrichtssprache als Schlüssel zu allen anderen Fächern gilt. Zudem sollte die Lernentwicklung datenbasiert begleitet werden, etwa durch regelmäßige kurze Tests nach kanadischem Vorbild, mit denen Lehrkräfte den Fortschritt nahezu in Echtzeit verfolgen können. Schulen mit vielen benachteiligten Kindern sollen gezielt mehr Ressourcen erhalten, weil zusätzliche Mittel dort die größte Wirkung entfalten. Wie stark der Erfolg solcher Maßnahmen von den Lehrkräften selbst abhängt, zeigte zuletzt auch eine Untersuchung zur MINT-Förderung an deutschen Schulen. Die Forscher betonen, dass die Ergebnisse Anlass zur Sorge geben, aber kein Schicksal sind, denn nach dem ersten Pisa-Schock hatte Deutschland selbst bewiesen, dass sich Bildungssysteme verändern können. Weitere Resultate zur Englischkompetenz und zum Lernen in der digitalen Welt sollen 2027 folgen.

Waxmann, PISA 2025. Bildung im Spannungsfeld von Innovation und Transformation; doi:10.31244/9783818852009

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