Leere Konten

Fast jeder vierte Haushalt in Deutschland hat keine Rücklagen

 Dennis Lenz

Fast jeder vierte Haushalt in Deutschland hat keine Rücklagen
(Symbolbild) Trotz eines privaten Geldvermögens von über zehn Billionen Euro besitzt fast ein Viertel der Haushalte in Deutschland keinerlei finanzielle Reserven. Als Hauptgründe nennen Betroffene geringe Einkommen und gestiegene Lebenshaltungskosten. Zugleich sparen so viele Menschen wie nie zuvor, meist aus Vorsicht vor unsicheren Zeiten. Die Kluft zwischen den Haushalten wächst damit weiter. (Foto: © Forschung und Wissen)

Deutschland gilt als Land der Sparer und tatsächlich erreicht das private Geldvermögen Rekordwerte von über zehn Billionen Euro. Doch hinter der beeindruckenden Gesamtsumme verbirgt sich eine tiefe Spaltung. Fast jeder vierte Haushalt verfügt über keinerlei finanzielle Rücklagen. Wer zu dieser Gruppe gehört, kann eine kaputte Waschmaschine oder eine unerwartete Nachzahlung nicht aus eigener Kraft stemmen.

Die Zahlen stammen aus einer Erhebung der Direktbank ING und zeichnen ein Bild, das mit dem Klischee vom wohlhabenden Sparerland nur schwer zusammenpasst. Demnach geben 23,5 Prozent der Haushalte in Deutschland an, keine finanziellen Reserven zu besitzen. Als Ursachen nennen die Betroffenen vor allem ein geringes Einkommen und die deutlich gestiegenen Lebenshaltungskosten der vergangenen Jahre. Am Monatsende bleibt schlicht nichts übrig, das zurückgelegt werden könnte. Diese Erklärung deckt sich mit anderen Untersuchungen: Auch die aktuelle Anlagestudie der Commerzbank kommt zu dem Ergebnis, dass fast ein Drittel der Menschen in Deutschland nicht spart, und nennt als häufigsten Grund ebenfalls fehlenden finanziellen Spielraum am Ende des Monats. Sparen ist damit für Millionen Haushalte keine Frage der Disziplin, sondern der Möglichkeit.

Bemerkenswert ist zugleich die Gegenbewegung auf der anderen Seite der Statistik. Der Anteil der Haushalte ohne Ersparnisse ist langfristig gesunken, von über 30 Prozent im Jahr 2013 auf den heutigen Wert, und der Anteil der Haushalte mit Rücklagen stieg zuletzt erstmals über 70 Prozent. Ökonomen der ING führen diese Entwicklung allerdings weniger auf eine breite Verbesserung der finanziellen Lage zurück als auf ein ausgeprägtes Vorsichtssparen. Wer kann, legt angesichts wirtschaftlicher und politischer Unsicherheit mehr beiseite. Knapp 72 Prozent der Sparenden geben an, ihr Geld in erster Linie für unvorhergesehene Schwierigkeiten zurückzulegen. Erst danach folgen Urlaub mit gut 46 Prozent und größere Anschaffungen mit rund 43 Prozent als Sparmotive.

Ein Viertel ohne Sicherheitsnetz

Finanzexperten empfehlen üblicherweise eine Notreserve von drei bis sechs Monatsgehältern, um Einkommensausfälle oder plötzliche Ausgaben abzufedern. Von diesem Standard ist ein erheblicher Teil der Bevölkerung weit entfernt. Wer ohne Rücklagen lebt, gerät bei kleinen Schicksalsschlägen schnell in die Verschuldung, etwa über teure Dispokredite oder Ratenkäufe. Die Betroffenen zahlen damit für ihre fehlende Reserve doppelt: erst durch den finanziellen Engpass selbst, dann durch die Kosten der Überbrückung.

Die andere Hälfte sorgt großzügig vor

Wie gespalten die Lage ist, zeigt der Blick auf die gut versorgten Haushalte. Über die Hälfte der Sparer schätzt die eigenen Rücklagen als ausreichend ein, um ein halbes Jahr ohne Einkommen auszukommen. Rund 41 Prozent könnten nach eigener Einschätzung sogar ein Jahr oder länger überbrücken. Das gewaltige Finanzpolster der Deutschen, das die Bundesbank aus Bargeld, Bankeinlagen und Wertpapieren errechnet, konzentriert sich also bei einem Teil der Bevölkerung, während der andere Teil praktisch von Monat zu Monat lebt.

Einkommen erklärt nicht alles

Studien zum Sparverhalten zeigen, dass neben dem Einkommen auch Wissen und Gewohnheit eine Rolle spielen. Wer früh gelernt hat, feste Beträge automatisch zurückzulegen, spart auch bei kleinem Budget eher als jemand, der Rücklagen als unerreichbar empfindet. Zugleich warnen Sozialforscher davor, das Problem zu individualisieren: Bei stark gestiegenen Mieten, Energiepreisen und Lebensmittelkosten reicht das Einkommen vieler Haushalte rechnerisch nicht aus, um überhaupt einen Sparbetrag zu bilden. Details zum Sparverhalten der Deutschen liefert die Anlagestudie 2026 der Commerzbank.

Was die Kluft für die Zukunft bedeutet

Die ungleiche Verteilung der Reserven dürfte sich langfristig verstärken, denn wer Rücklagen besitzt, kann sie verzinst oder am Kapitalmarkt anlegen und so weiteres Vermögen aufbauen. Haushalte ohne Reserven verpassen diesen Effekt vollständig. Wie stark wirtschaftlicher Druck ganze Existenzen erfasst, zeigt sich derzeit auch bei Unternehmen, wie der Artikel Jede Stunde schließen 21 Firmen in Deutschland beschreibt.

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