53 Prozent der befragten Firmen spüren mehr Belastung durch Bürokratie in Deutschland, wie Bild über eine Forsa-Auswertung berichtet. Weitere 45 Prozent sehen beim Aufwand für Vorschriften und Bürokratie nach eigener Einschätzung keine Veränderung im Vergleich zu zuvor. Warum milliardenschwere Entlastungsbilanzen so wenig über den Papierkram im Betrieb verraten können, zeigt ein genauer Blick in die Rechnung.
Beim Nationalen Normenkontrollrat beruht ein großer Teil der bilanzierten Entlastung auf gestrichenen Heizungsanforderungen, deren Kosten vielfach erst noch entstanden wären. Ein Betrieb kann damit von künftigen Kosten entlastet werden, während für bereits anfallende Meldungen weiterhin Personal gebraucht wird. Auf dem Schreibtisch oder am Bildschirm zählt für den zuständigen Mitarbeiter, wie lange er Daten zusammentragen und Formulare bearbeiten muss. Zugleich weist der Rat für die jährlichen Bürokratiekosten der Unternehmen einen Anstieg aus.
Hinter der Unternehmensbefragung steht die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, die Forsa mit ihrem regelmäßig erhobenen Arbeitgeberbarometer beauftragt. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger fordert auf dieser Grundlage schnellere Reformen und weniger bürokratische Hindernisse für die Betriebe. Der Verband vertritt Arbeitgeberinteressen und bringt die Ergebnisse ausdrücklich in die wirtschaftspolitische Debatte ein. Bild veröffentlichte die zusätzliche Auswertung zur veränderten Belastung; die öffentliche BDA-Ergebnisseite dokumentiert weitere Antworten zu den Problemen der Unternehmen.
Vom 28. August bis zum 29. September 2026 befragte Forsa insgesamt 1.006 repräsentativ ausgewählte Unternehmen der Privatwirtschaft in Deutschland. Zur untersuchten Gruppe gehören Betriebe mit mindestens zehn Beschäftigten, vom kleineren Unternehmen bis zum großen Arbeitgeber. Das Barometer wird vierteljährlich erhoben und erfasst Einschätzungen zur wirtschaftlichen Lage, zur Personalplanung sowie zu Belastungen im Betriebsalltag. Die Ergebnisse beziehen sich damit auf diese Unternehmensgruppe; Soloselbstständige und Firmen unterhalb der Beschäftigtengrenze werden von der Stichprobe nicht abgedeckt.
Öffentlich beschrieben ist eine repräsentative Unternehmensbefragung, bei der die Teilnehmer unter anderem vorgelegte Problembereiche nach ihrer Bedeutung für den eigenen Betrieb bewerten. Angaben zu telefonischen oder digitalen Interviews, zur Gewichtung und zum genauen Vergleichszeitraum der Veränderungsfrage fehlen in den zugänglichen Veröffentlichungen. Die 53-Prozent-Angabe beschreibt den Anteil der Firmen, die eine stärkere Belastung wahrnehmen, und enthält keine Messung zusätzlicher Arbeitsstunden. Wie viele Euro oder Minuten ein einzelner Betrieb mehr aufwenden muss, müsste eine gesonderte Erhebung klären.
In der direkt veröffentlichten BDA-Auswertung beurteilen 86 Prozent Vorschriften und bürokratische Anforderungen als großes oder sehr großes Problem für ihr Unternehmen. Dahinter folgen die Unsicherheit über wirtschafts- und sozialpolitische Richtungsentscheidungen mit 76 Prozent sowie hohe Arbeitskosten mit 74 Prozent. Sozialversicherungsabgaben belasten nach dieser Bewertung 71 Prozent, während 61 Prozent den Arbeits- und Fachkräftemangel als großes oder sehr großes Problem einstufen. Fehlende Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung erreicht 45 Prozent und betrifft damit ebenfalls einen erheblichen Teil der befragten Betriebe. Diese Antworten beschreiben die Schwere gegenwärtiger Probleme; die zusätzlich berichtete 53-Prozent-Angabe bezieht sich auf eine wahrgenommene Veränderung.
Für seinen Berichtszeitraum von Juli 2025 bis Juni 2026 bilanziert der Normenkontrollrat rund 6,8 Milliarden Euro weniger jährlichen Erfüllungsaufwand für Bürger, Wirtschaft und Verwaltung zusammen. Parallel steigen die jährlichen Bürokratiekosten um rund 1,3 Milliarden Euro, wie die Universität Potsdam zur Arbeit des Normenkontrollrats berichtet. Dort lehrt die Verwaltungswissenschaftlerin Sabine Kuhlmann, die dem Gremium als stellvertretende Vorsitzende angehört und an der Bilanz mitwirkt. Als wesentlichen Treiber des Kostenanstiegs nennt der Rat die nationale Umsetzung europäischer Vorgaben zur Nachhaltigkeitsberichterstattung. Die beiden Summen erfassen unterschiedliche Ausschnitte gesetzlicher Pflichten und lassen sich deshalb nur mit ihrer jeweiligen Abgrenzung sinnvoll beurteilen.
Muss ein Buchhalter Daten für eine vorgeschriebene Meldung zusammentragen, erfasst das Statistische Bundesamt die dafür benötigte Arbeitszeit als Bürokratiekosten. Mit jeder weiteren Meldepflicht braucht der Betrieb Zeit, um Informationen zu beschaffen, zu prüfen und an die zuständige Stelle zu übermitteln. Verlangt eine Vorschrift den Einbau eines Luftfilters in einer Fabrik, rechnet die Behörde diese Anschaffung zum umfassenderen Erfüllungsaufwand, der über Informationspflichten hinausgeht. Entfällt eine künftige Anschaffung, sinkt der veranschlagte Betrag, während der Buchhalter weiterhin Meldungen für bestehende Pflichten bearbeiten kann.
Auch eine Sonderfrage des ifo Instituts aus dem Juli 2026 rückt Bürokratie und Regulierung an die Spitze der Standortprobleme. Für diese Auswertung ordnete das Institut 4.449 frei formulierte Antworten aus Industrie, Bau, Handel und Dienstleistungen nach Themen. Vorgegebene Antwortkategorien gab es bei der Frage nach den größten Problemen des Standorts Deutschland für das jeweilige Unternehmen nicht. Bürokratie und Regulierung nannten 50 Prozent der antwortenden Firmen, Energiekosten 27 Prozent und Arbeitskosten 22 Prozent; Mehrfachnennungen waren möglich.
Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo-Befragungen, beschreibt zwei wirtschaftliche Folgen: Beschäftigte sind mit Verwaltung gebunden, und aufwendige Verfahren können Investitionen unrentabel machen. Sobald Genehmigungen und Dokumentation in die Kalkulation einfließen, kann ein zuvor attraktives Vorhaben für einen Betrieb seinen wirtschaftlichen Reiz verlieren. Die ifo-Zahl misst dabei die Bedeutung eines Standortproblems, während die 53 Prozent aus der Forsa-Auswertung eine Veränderung der Belastung beschreiben. Für eine Zeitreihe wären übereinstimmende Fragen, Vergleichszeiträume und Unternehmensgruppen nötig; beide Erhebungen beleuchten hier unterschiedliche Seiten des betrieblichen Alltags.
Wie weit die Folgen über einzelne Formulare hinausreichen können, veranschaulicht eine ifo-Modellrechnung zu den wirtschaftlichen Kosten der Bürokratie, die auf internationalen Erfahrungen mit Reformen beruht. Darin simulieren die Ökonomen einen Abbau, der Deutschland beim betrachteten Bürokratieindex auf das niedrige Niveau von Schweden gebracht hätte. Als mögliche Größenordnung nennen sie bis zu 146 Milliarden Euro zusätzliche Wirtschaftsleistung pro Jahr, wobei direkte und indirekte Folgen einfließen. Die Summe beschreibt ein berechnetes Wachstumsszenario; für die tatsächliche Kostenbilanz einzelner Firmen bleiben ihre konkreten Pflichten und Arbeitsabläufe maßgeblich.
Am Arbeitsplatz entscheidet sich eine spürbare Entlastung daran, welche Angaben ein Mitarbeiter noch zusammentragen und an welche Stelle er sie übermitteln muss. Weniger Sucharbeit und doppelte Eingaben sind beispielsweise mögliche Ansatzpunkte für digitale Werkzeuge im Büro, sofern die Abläufe dafür sinnvoll organisiert werden. Wie groß der Zeitgewinn tatsächlich ausfällt, lässt sich an der Dauer der einzelnen Arbeitsschritte und ihrer Häufigkeit prüfen. Für den Buchhalter am Schreibtisch lässt sich dieser Unterschied konkret beobachten: Wie lange dauert die nächste vorgeschriebene Meldung, und welche Unterlagen muss er dafür erneut öffnen?
Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und Forsa, BDA-Arbeitgeberbarometer.
Universität Potsdam, Update für Staat und Verwaltung – Normenkontrollrat mit Professorin Sabine Kuhlmann übergibt Jahresbericht an Justizminister.
Statistisches Bundesamt, Bürokratiekostenindex; Methode.
ifo Institut, Jedes zweite Unternehmen sieht Bürokratie als größtes Standortproblem; Bürokratie in Deutschland kostet jährlich 146 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung.
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