Die deutsche Wirtschaft wächst 2026 stärker als erwartet, doch der Aufschwung hat eine auffällige Quelle. Nach der Herbstprognose des DIW Berlin gehen rund 70 Prozent des Wachstums in diesem Jahr auf öffentlichen Konsum und öffentliche Investitionen zurück. Private Investitionen und Konsum tragen dagegen deutlich weniger bei. Das wirft die Frage auf, wie stabil eine Erholung ist, die vor allem vom Staat getragen wird.
Lange sah es für die deutsche Wirtschaft im Jahr 2026 düster aus. Noch im Juni rechnete das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung mit einem Mini-Wachstum von 0,5 Prozent. Hinzu kam der Energiepreisschock infolge des Iran-Kriegs, der vor allem energieintensive Branchen unter Druck setzte. Doch die erste Jahreshälfte verlief besser als befürchtet. Am 2. September 2026 legte das DIW Berlin seine Herbstprognose vor und rechnet nun für 2026 mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,2 Prozent. Für 2027 erwartet das Institut 1,0 Prozent, für 2028 noch 0,7 Prozent. Damit hat es seine Prognose für das laufende Jahr mehr als verdoppelt. Als Gründe nennt das DIW unerwartet starke Exporte im Frühsommer und einen Energiepreisschock, der geringer ausfiel als zunächst befürchtet. Andere Institute sehen die Lage ähnlich: Nach Berichten vom 20. September hob auch das IW Köln seine Prognose auf 1,2 Prozent an, das ifo-Institut erwartet sogar 1,4 Prozent.
Die positive Schlagzeile verdeckt allerdings einen Befund, der die Debatte über die Wirtschaftspolitik neu befeuert. DIW-Präsident Marcel Fratzscher sprach zwar von einer möglichen Trendwende zu stärkerem Wachstum in den kommenden zwei Jahren. Zugleich machte er deutlich, dass die Konjunktur ihre derzeitige Dynamik vor allem der öffentlichen Hand verdankt. Rund 70 Prozent des Wirtschaftswachstums in diesem Jahr gehen nach den Berechnungen des Instituts auf öffentlichen Konsum und öffentliche Investitionen zurück. Für eine Volkswirtschaft, deren Stärke traditionell auf privaten Unternehmen und dem Export beruht, ist das eine bemerkenswerte Verschiebung. Sie berührt eine der umstrittensten Fragen der deutschen Wirtschaftspolitik: Soll der Staat mit höheren Ausgaben und neuen Schulden die Wirtschaft stützen, oder verdrängt er damit private Initiative und belastet künftige Generationen? Die Zahlen des DIW liefern beiden Seiten Argumente, denn sie zeigen zugleich, dass die staatlichen Impulse wirken und dass die private Wirtschaft allein noch nicht in Schwung kommt.
Woher die staatlichen Impulse stammen, schlüsselt das DIW auf. Eine wichtige Rolle spielen Investitionen aus dem Sondervermögen für Klimaschutz und Infrastruktur sowie höhere Ausgaben für Verteidigung. Hinzu kommen steigende staatliche Ausgaben für Gesundheit, Pflege und Rente, die als öffentlicher Konsum in die Rechnung eingehen. Die zusätzlichen finanzpolitischen Impulse beziffert das Institut für die Jahre 2026 bis 2028 auf 33, 23 und 4 Milliarden Euro. In der Pressemitteilung des DIW zur Herbstprognose 2026 beschreibt das Institut die Erholung als fragil. Die Zahlen zeigen auch, warum: Der Rückenwind aus den öffentlichen Kassen ist 2026 am stärksten und flaut danach deutlich ab. Übernimmt die private Nachfrage bis dahin nicht, fehlt der Konjunktur ab 2028 ein wesentlicher Antrieb.
Als größte Schwachstelle der Konjunktur benennt das DIW die private Binnennachfrage. Insbesondere die privaten Investitionen reichen nach Einschätzung von Fratzscher weiterhin nicht aus, um die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit Deutschlands nachhaltig zu stärken. Unternehmen investieren zurückhaltend, obwohl sich die Stimmung zuletzt aufgehellt hat. Für das dritte Quartal erwartet das DIW keine weitere Zunahme der Wirtschaftsleistung. Das Muster ist in der Wirtschaftsforschung gut bekannt: Staatliche Ausgaben können die Nachfrage kurzfristig stabilisieren, weil sie weniger stark von den Erwartungen der Privatwirtschaft abhängen. Ob daraus ein selbsttragender Aufschwung wird, hängt aber davon ab, ob Unternehmen und Haushalte nachziehen. Genau an diesem Punkt setzen die Kritiker einer staatlich getragenen Konjunktur an. Sie verweisen darauf, dass ein großer Teil der Impulse aus Krediten finanziert wird und die Frage offenbleibt, wie tragfähig ein Wachstum ist, das zu mehr als zwei Dritteln aus öffentlichen Kassen stammt.
Neben der schwachen privaten Nachfrage nennt das DIW konkrete Belastungen für das zweite Halbjahr. Hohe Energiepreise und Niedrigwasser auf wichtigen Wasserstraßen bremsen insbesondere energieintensive Branchen wie die Chemie- und Metallindustrie. Niedrige Pegel auf Flüssen wie dem Rhein zwingen Schiffe, mit weniger Ladung zu fahren, was Transporte verteuert und Lieferketten verlangsamt. Zudem dürften die Belastungen aus dem Energiepreisschock nach Einschätzung des Instituts erst mit Verzögerung vollständig sichtbar werden. Vor allem die hohen Gaspreise bleiben ein Risiko für das Winterhalbjahr. Der Energiepreisschock ist Teil einer größeren Umwälzung der Energieversorgung, in der nach einer IRENA-Bilanz erneuerbare Energien weltweit 480 Milliarden Dollar an fossilen Brennstoffkosten erspart haben. Für die deutsche Industrie bleibt die Abhängigkeit von fossilem Gas aber eines der größten Risiken für die kommenden Monate.
Auch international bleibt das Umfeld unsicher. Für die Weltwirtschaft erwartet das DIW für 2026 und 2027 jeweils ein Wachstum von 3,2 Prozent, für 2028 von 3,4 Prozent. Als größte Risiken nennt das Institut eine weitere Eskalation des Iran-Kriegs, neue Handelskonflikte und ein mögliches Nachlassen des derzeitigen Investitionsbooms rund um künstliche Intelligenz. Jeder dieser Faktoren könnte die exportabhängige deutsche Wirtschaft direkt treffen, deren Überraschungserfolg im Frühsommer ja gerade auf starken Ausfuhren beruhte. Die Prognose steht damit auf zwei Beinen, die beide nicht fest verankert sind: auf staatlichen Ausgaben, die ab 2027 zurückgehen, und auf Exporten, die von Entwicklungen außerhalb Deutschlands abhängen. Für die Wirtschaftspolitik ergibt sich daraus eine unbequeme Aufgabe. Sie muss die Zeit, die ihr die öffentlichen Impulse verschaffen, nutzen, damit private Investitionen anspringen, bevor der staatliche Rückenwind nachlässt.
Die Zahl von 70 Prozent lässt sich unterschiedlich lesen, und genau das macht sie so umstritten. Befürworter staatlicher Investitionen sehen in ihr den Beleg, dass das Sondervermögen und die höheren Ausgaben wirken und eine Rezession verhindert haben. Aus ihrer Sicht zeigt die Prognose, dass der Staat in einer Schwächephase die Nachfrage stützen kann und muss. Kritiker lesen dieselbe Zahl als Warnsignal. Für sie belegt sie, dass die private Wirtschaft trotz der Hilfen kaum wächst und die Erholung auf geliehenem Geld beruht, das künftige Haushalte belastet. Beide Deutungen stützen sich auf dieselben Daten. Unstrittig ist nach der Prognose des DIW nur, dass die deutsche Wirtschaft nach Worten der DIW-Konjunkturchefin Geraldine Dany-Knedlik noch immer auf etwas wackligen Beinen steht. Ob aus der staatlich getragenen Erholung ein breiter Aufschwung wird, entscheidet sich in den kommenden Quartalen an einer einzigen Frage: ob Unternehmen wieder investieren.