Einkaufsverhalten

55.000 Haushalte kaufen bei Inflation vor allem weniger statt billiger

 Dennis Lenz

55.000 Haushalte kaufen bei Inflation vor allem weniger statt billiger
(Symbolbild) Inflation verändert den Einkauf nicht nur über den Preis einzelner Produkte. Viele Haushalte reduzieren vor allem die Menge und planen ihre Besuche genauer. Bei niedrigen Einkommen fallen diese Anpassungen besonders stark aus. Die Untersuchung zeigt, wie sich steigende Kosten im Warenkorb bemerkbar machen. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Wenn Lebensmittelpreise steigen, greifen Haushalte offenbar zuerst zu einem anderen Mittel als zum Wechsel auf billigere Marken. Eine Untersuchung des deutschen Lebensmittelhandels zeigt, dass Menschen vor allem ihre Einkaufsmenge und die Zahl geplanter Besuche reduzieren. Besonders stark fällt diese Reaktion bei Haushalten mit niedrigen Einkommen aus. Die Ergebnisse machen sichtbar, wie sich Kaufkraftverlust direkt im Einkaufskorb niederschlägt.

Wer im Supermarkt vor dem Regal steht, kann auf höhere Preise auf verschiedene Weise reagieren: Eine günstigere Marke wählen, zum Discounter wechseln oder weniger Produkte in den Wagen legen. Welche dieser Möglichkeiten tatsächlich den größten Unterschied macht, haben Sarah Gelper, Lien Lamey und Els Breugelmans anhand langfristiger Einkaufsdaten aus Deutschland untersucht. Ihre Analyse erschien im Fachjournal Journal of Retailing; die Originalstudie zu Einkaufsverhalten und Inflation vergleicht, wie sich Preissteigerungen auf Menge, Einkaufsrhythmus und Preiswahl auswirken.

Die zentrale Erkenntnis widerspricht einer naheliegenden Vorstellung vom Sparen: Der Wechsel zu billigeren Produkten spielt eine deutlich kleinere wirtschaftliche Rolle als eine sorgfältigere Planung. Haushalte reduzieren vor allem die gekaufte Menge und vermeiden einen Teil ihrer vorher geplanten Einkaufsfahrten. Damit wird Inflation nicht nur auf dem Preisschild sichtbar, sondern auch daran, was am Ende im Korb fehlt.

Deutschland erfasst monatliche Einkäufe im Panel

Für die Untersuchung werteten die Ökonomen ein Haushaltspanel des deutschen Lebensmittelmarktes aus. Es enthält monatliche Angaben zu Einkaufsentscheidungen, Ausgaben und Einkommen und bildet damit nicht nur einzelne Befragungsantworten ab, sondern wiederkehrende Verhaltensänderungen. Im Durchschnitt gingen pro Jahr Daten von 20.728 Haushalten in die Auswertung ein; über den gesamten Beobachtungszeitraum kamen 56.065 unterschiedliche Haushalte zusammen.

Die Daten decken den Zeitraum von 2005 bis 2019 ab. In diesen Jahren bewegte sich die jährliche Verbraucherpreisinflation innerhalb der untersuchten Spanne zwischen minus 0,5 und 3,3 Prozent. Die Forscher konnten dadurch Phasen mit sinkenden Preisen ebenso berücksichtigen wie Jahre mit stärkerem Preisanstieg. Sie teilten die Haushalte außerdem in fünf Einkommensgruppen ein, um zu prüfen, ob Menschen mit unterschiedlichem finanziellen Spielraum auf dieselbe Preisentwicklung ähnlich reagieren.

Der deutsche Einzelhandel bot dafür einen vielfältigen Vergleich. Ein früherer Vergleich der Lebensmittelausgaben in der EU beschreibt den starken Wettbewerb im deutschen Lebensmittelhandel. Die Daten umfassten elf klassische Lebensmittelhändler und sieben Discounter. Zu den traditionellen Anbietern zählten unter anderem Rewe, Edeka und Globus, während Aldi, Lidl und Penny die Discountseite repräsentierten. Die Forschenden untersuchten sowohl die Menge der gekauften Waren als auch die Zahl geplanter und ungeplanter Einkaufsfahrten sowie den Anteil verschiedener Preisstufen und Handelsmarken.

Methodisch verglichen sie Veränderungen innerhalb des Haushaltspanels und berücksichtigten weitere Einflüsse, darunter regionale Preisänderungen, die allgemeine Kauflaune und jahresspezifische Unterschiede. Auf diese Weise sollte der Zusammenhang zwischen Inflation und Einkaufsverhalten besser von anderen Veränderungen getrennt werden. Die Analyse prüfte mehrere Einkaufsgrößen getrennt, statt einen einzigen Gesamtwert für das Sparverhalten zu bilden.

Aldi und Lidl verändern den Preis nur begrenzt

Der Wechsel zu günstigeren Produkten findet durchaus statt. Bei steigenden Preisen kaufen Haushalte häufiger bei Discountern und greifen in klassischen Supermärkten etwas öfter zu Handelsmarken. Diese Reaktionen fallen in der wirtschaftlichen Gesamtwirkung jedoch vergleichsweise klein aus. Der Rückgang der Ausgaben entsteht wesentlich stärker dadurch, dass weniger Waren gekauft und geplante Besuche seltener durchgeführt werden.

Das ist ein wichtiger Unterschied zwischen einem niedrigeren Preis pro Produkt und einer kleineren Einkaufsmenge. Wer eine Markenpackung durch eine preiswertere Alternative ersetzt, kann den Stückpreis senken und trotzdem eine ähnliche Menge mit nach Hause nehmen. Wer dagegen die Packung ganz weglässt oder nur noch einen Teil des üblichen Bedarfs einkauft, spart unmittelbar an der Menge. Genau diese zweite Anpassung prägte die beobachteten Reaktionen stärker.

Besonders deutlich zeigte sich die Veränderung bei geplanten Einkaufsfahrten. Ihre Zahl ging stärker zurück als die Zahl spontaner Besuche. Das passt zu einem Verhalten, bei dem Haushalte ihre Einkäufe stärker bündeln und vorher überlegen, was tatsächlich benötigt wird. Ungeplante Besuche lassen sich schwerer im Voraus vermeiden, weil sie häufig aus einem kurzfristig bemerkten Bedarf entstehen.

Die Ergebnisse bedeuten nicht, dass ein Einkaufszettel allein die Preissteigerung ausgleichen kann. Die Untersuchung misst Verhaltensänderungen, keine Methode, mit der sich ein Haushalt ohne Einschränkungen durch jede Inflationsphase steuern lässt. Wenn Menschen weniger kaufen, kann das eine bewusste Entscheidung zur Vermeidung von Verschwendung sein; es kann aber ebenso bedeuten, dass notwendige Waren aus finanziellen Gründen zurückbleiben.

Deutschland zeigt stärkere Kürzungen bei niedrigen Einkommen

Einkommensgruppen reagierten nicht gleich. Haushalte mit niedrigen Einkommen schränkten ihre Einkaufsplanung und die gekaufte Menge stärker ein als Haushalte mit höheren Einkommen. Beim Wechsel zu günstigeren Produkten unterschieden sich die Einkommensgruppen dagegen weniger deutlich. Der finanzielle Spielraum verändert somit vor allem, wie stark Menschen ihre Warenmenge anpassen, nicht allein, welche Marke sie wählen.

Für die Gruppe mit den geringsten Einkommen fiel die Verringerung der Einkaufsmenge in einer Größenordnung aus, die mit der Inflationsbelastung Schritt hielt. Die Forschenden beschreiben damit eine besonders harte Anpassung: Steigen die Preise, bleibt der verfügbare Betrag für Lebensmittel begrenzt, und die Haushalte kaufen entsprechend weniger. Ein Wechsel zu einer günstigeren Packung kann diesen Effekt nur teilweise auffangen.

Der Unterschied lässt sich durch die Bedeutung von Lebensmitteln im Haushaltsbudget erklären. Essen gehört zu den regelmäßig benötigten Ausgaben und lässt sich nur begrenzt aufschieben. Haushalte mit knappen Mitteln haben zugleich weniger Reserven, um höhere Kosten über Ersparnisse oder andere Einnahmen abzufedern. Wenn der Einkauf teurer wird, bleibt deshalb häufig nur die Möglichkeit, die Menge zu verringern oder einzelne Besuche auszulassen.

Frühere Untersuchungen zur haushaltsspezifischen Inflation in Deutschland haben bereits gezeigt, dass Preissteigerungen je nach Einkommen und Haushaltsform unterschiedlich stark zu Buche schlagen. Ein Vergleich der Inflationsbelastung von Familien mit niedrigem Einkommen macht deutlich, weshalb Lebensmittel und Energie für knappe Budgets besonders schwer wiegen. Die neue Analyse ergänzt diese Perspektive um die Frage, wie sich die Belastung im konkreten Einkaufsverhalten niederschlägt.

Deutschland kauft Marken und Warengruppen unterschiedlich

Die Haushalte kürzten nicht jede Warengruppe gleichmäßig. Bei alltäglichen, funktionalen Produkten fiel der Mengenrückgang stärker aus als bei Waren, die eher dem Genuss oder einem besonderen Wunsch dienen. Gleichzeitig hielten viele Käufer ihre Ausgaben für höherpreisige nationale Marken vergleichsweise stabil. Das spricht für eine selektive Anpassung: Nicht jedes Produkt wird durch die billigste Alternative ersetzt, und nicht jede Kategorie wird im gleichen Maß reduziert.

Ein Beispiel macht diese Aufteilung verständlich, ohne eine einzelne Einkaufsentscheidung als typisch für alle Haushalte auszugeben: Bei Grundbedarf können Käufer Mengen oder Einkaufshäufigkeit zurücknehmen, während sie sich bestimmte Markenprodukte weiterhin leisten. Die Analyse beschreibt solche Unterschiede auf Ebene der beobachteten Warengruppen. Sie belegt nicht, dass jeder Haushalt dieselben Prioritäten setzt oder dass ein bestimmtes Produkt in jedem Geschäft gleich behandelt wird.

Auch die Art des Händlers spielt eine Rolle. Die ergänzenden Auswertungen deuten darauf hin, dass traditionelle Supermärkte einen wichtigen Teil der Anpassung auffangen, während Discounter und große Verbrauchermärkte weniger stark als Ausweichkanal dienen. Damit wird das Verhalten komplexer als ein einfacher Wechsel von einem teuren Laden zu einem billigen. Kunden können in ihrem bisherigen Geschäft weniger kaufen, statt den Einkaufsort vollständig zu verändern.

Für Händler ist diese Unterscheidung wirtschaftlich relevant. Wenn Kunden vor allem die Menge reduzieren, hilft ein niedrigerer Preis einzelner Produkte nur begrenzt dabei, den gesamten Warenabsatz zu stabilisieren. Hersteller hochwertiger Marken können zugleich davon profitieren, dass Käufer bestimmte Produkte trotz knapperem Budget beibehalten. Die Studie beschreibt solche Zusammenhänge als Hinweise für Handel und Markenanbieter, nicht als Garantie für die Entwicklung eines einzelnen Unternehmens.

Deutschland begrenzt den Blick auf heutige Preise

Die Veröffentlichung liefert einen detaillierten Blick auf das Verhalten deutscher Verbraucher, doch die Daten enden vor den starken Preisschüben der folgenden Jahre. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht einfach als aktuelle Messung der Einkaufsgewohnheiten im Jahr 2026 lesen. Sie zeigen vielmehr, welche Anpassungsmuster im untersuchten Zeitraum mit steigender Inflation verbunden waren. Ob sich deren Stärke unter den jüngeren Preis- und Einkommensbedingungen verändert hat, muss eine neue Untersuchung klären.

Hinzu kommt, dass Deutschland einen besonders ausgeprägten Discount- und Handelsmarkenmarkt besitzt. Die Forschenden weisen selbst darauf hin, dass sich die Ergebnisse nicht ohne Prüfung auf Länder mit anderen Einkaufsstrukturen übertragen lassen. In Staaten, in denen Discounter eine kleinere Rolle spielen oder Haushalte andere Einkaufswege nutzen, können die verfügbaren Reaktionen anders ausfallen.

Auch die statistische Methode setzt Grenzen. Die Auswertung zeigt Zusammenhänge zwischen Inflation und Veränderungen im Einkauf, sie beobachtet aber keine zufällig zugewiesene Preissteigerung für einzelne Haushalte. Regionale Preisbewegungen, Konjunktur und weitere Faktoren werden berücksichtigt, dennoch lässt sich aus einer solchen Panelanalyse nicht jede individuelle Kaufentscheidung eindeutig auf einen einzigen Auslöser zurückführen. Die Ergebnisse sind daher als belastbare Muster im untersuchten Datensatz zu verstehen, nicht als universelles Gesetz des Sparens.

Die Autorinnen und Autoren sehen weiteren Forschungsbedarf für andere Länder und Zeiträume. Besonders aufschlussreich wäre ein Vergleich mit den Jahren nach der Pandemie, in denen Lebensmittelpreise, Lieferketten und Einkommen unter anderen Bedingungen standen. Erst solche Daten könnten zeigen, ob Haushalte weiterhin vor allem ihre Mengen und geplanten Einkäufe reduzieren oder inzwischen stärker auf andere Marken, Händler und Einkaufsformen ausweichen.

Sarah Gelper, Lien Lamey und Els Breugelmans, Journal of Retailing, „Planning better over buying cheaper: How households adjust grocery shopping to inflation across income groups“; doi:10.1016/j.jretai.2026.10.002

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