Zimislecel

Neue Zelltherapie eröffnet bei Typ-1-Diabetes eine große Chance

 Dennis Lenz

Neue Zelltherapie eröffnet bei Typ-1-Diabetes eine große Chance
(Symbolbild). Bei Typ-1-Diabetes zerstört das Immunsystem die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse, sodass Betroffene ihr Insulin lebenslang von außen zuführen müssen. Eine im Labor gezüchtete Zelltherapie soll diese verlorene Funktion nun als einmalige Infusion ersetzen. Die im New England Journal of Medicine vorgestellten Daten deuten auf einen möglichen Wendepunkt in der Behandlung hin. (Foto: © Forschung und Wissen)

Eine im Labor gezüchtete Zelltherapie namens Zimislecel wird Patienten mit besonders schwerem Typ-1-Diabetes als einmalige Infusion über die Pfortader verabreicht und siedelt sich anschließend in der Leber an. Aus rund 0,8 Milliarden gezüchteten Inselzellen entstehen dort funktionsfähige Zellverbände, die den Blutzucker eigenständig registrieren und darauf reagieren. Im Fachjournal The New England Journal of Medicine berichten die beteiligten Forscher nun über zwölf behandelte Personen, deren Stoffwechsel sich innerhalb eines Jahres grundlegend wandelte. Was mit ihrer bislang lebensnotwendigen Insulintherapie geschah, markiert einen möglichen Wendepunkt in der regenerativen Medizin.

Beim Typ-1-Diabetes richtet sich das körpereigene Immunsystem irrtümlich gegen die insulinproduzierenden Betazellen in den Langerhans-Inseln der Bauchspeicheldrüse und zerstört sie nach und nach vollständig. Ohne diese Zellen kann der Organismus den Blutzucker nicht mehr eigenständig regulieren, weshalb Betroffene ihr Insulin dauerhaft von außen zuführen müssen, meist über mehrfache tägliche Injektionen oder eine Pumpe. Diese Insulintherapie hält den Stoffwechsel zwar am Leben, ahmt die feine Regelung eines gesunden Körpers jedoch nur unvollkommen nach. Besonders gefährdet sind Patienten mit schweren Unterzuckerungen und einer gestörten Wahrnehmung dieser Episoden, denn ein zu niedriger Blutzucker kann innerhalb kurzer Zeit lebensbedrohlich werden. Genau für diese schwer einstellbare Gruppe suchen Forscher seit Jahrzehnten nach einer Lösung, die die verlorene Funktion der Bauchspeicheldrüse dauerhaft ersetzt und die tägliche Kontrolle überflüssig macht.

Einen solchen Ansatz verfolgt die Zelltherapie Zimislecel, die das Unternehmen Vertex Pharmaceuticals aus im Labor vermehrten Stammzellen entwickelt hat. Aus diesen pluripotenten Ausgangszellen reifen unter kontrollierten Bedingungen vollständig ausdifferenzierte Inselzellen heran, die den Aufbau natürlicher Langerhans-Inseln nachbilden. Als einmalige Infusion gelangen sie über die Pfortader in die Leber, wo sie sich ansiedeln und ein neues, funktionsfähiges Gewebe bilden. Anders als bei der klassischen Transplantation von Spenderorganen lassen sich diese Zellen praktisch unbegrenzt herstellen, sodass der seit Jahren bestehende Mangel an geeigneten Spendern umgangen wird. Diese Form der Stammzelltherapie zählt zu den am intensivsten beobachteten Feldern der aktuellen Diabetesforschung, zu der auch weitere Meldungen rund um Diabetes laufend neue Erkenntnisse liefern. Damit die fremden Zellen nicht abgestoßen werden, benötigen die Behandelten begleitend Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken.

Wie die gezüchteten Inselzellen im Körper arbeiten

Nach der Infusion beginnen die verpflanzten Inselzellen, den Zuckergehalt des Blutes zu messen und bedarfsgerecht Insulin auszuschütten, so wie es eine gesunde Bauchspeicheldrüse tut. Als Nachweis dafür bestimmten die Forscher das C-Peptid, ein Molekül, das bei der körpereigenen Insulinbildung in gleichen Mengen freigesetzt wird und deshalb als verlässlicher Marker für eine echte Eigenproduktion gilt. In der im New England Journal of Medicine veröffentlichten Auswertung zur Studie mit Zimislecel ließ sich bei allen behandelten Personen eine solche glukoseabhängige Ausschüttung nachweisen, die über den gesamten Beobachtungszeitraum von einem Jahr stabil blieb. Die Teilnehmer erreichten dabei die Zielwerte der American Diabetes Association mit einem Langzeitzuckerwert unter sieben Prozent und verbrachten mehr als siebzig Prozent der Zeit im angestrebten Blutzucker-Bereich zwischen 70 und 180 Milligramm pro Deziliter. Damit übernahm das neue Gewebe messbar die Aufgabe, die das Immunsystem zuvor zerstört hatte.

Was die klinische Studie bei den zwölf Patienten zeigte

Zwölf Erwachsene mit schwer einstellbarem Typ-1-Diabetes erhielten die volle Dosis von rund 0,8 Milliarden Zellen als einzelne Infusion und wurden anschließend mindestens ein Jahr lang beobachtet. Alle zwölf blieben ab dem neunzigsten Tag frei von schweren Unterzuckerungen, dem eigentlichen Hauptziel der Untersuchung, und senkten ihren täglichen Insulinbedarf im Mittel um rund zweiundneunzig Prozent. Nach den offiziellen Angaben von Vertex Pharmaceuticals zur vorgestellten Datenlage benötigten zehn der zwölf Behandelten nach zwölf Monaten überhaupt kein zugeführtes Insulin mehr und erreichten damit eine vollständige Insulinunabhängigkeit. Die übrigen beiden Teilnehmer kamen mit einer deutlich reduzierten Menge aus. Für Menschen, die zuvor mit der am schwierigsten kontrollierbaren Form der Erkrankung gelebt hatten, bedeutet dieser Verlauf eine grundlegende Veränderung des Alltags ohne ständige Blutzuckerkontrolle und schmerzhafte Injektionen.

Der aktuelle Bericht ist der vorläufige Höhepunkt einer langen Entwicklung, die bereits vor einigen Jahren mit ersten Behandlungen unter der früheren Bezeichnung VX-880 begann und damals nur wenige Patienten umfasste. Schon diese frühen Ergebnisse, über die eine Meldung zur ersten geheilten Diabetes-Typ-1-Patientengruppe berichtete, deuteten das Potenzial des Verfahrens an, lieferten aber noch keine belastbare Grundlage für eine breite Anwendung. Erst die nun deutlich größere Gruppe mit einheitlicher voller Dosis und einer Nachbeobachtung von mindestens einem Jahr erlaubt eine fundiertere Einschätzung der Wirksamkeit. Der beobachtete Effekt fiel dabei bemerkenswert einheitlich aus, da sämtliche Teilnehmer eine funktionierende Eigenproduktion aufbauten. Diese Konstanz gilt in der Fachwelt als wichtiges Signal dafür, dass der Erfolg nicht auf Einzelfälle beschränkt bleibt, sondern auf einem reproduzierbaren biologischen Prinzip der Zelltherapie beruht.

Grenzen der Methode und der Weg zur Zulassung

Trotz der eindrücklichen Zahlen bleibt die Behandlung vorerst den schwersten Krankheitsverläufen vorbehalten. Ein zentraler Nachteil ist die notwendige dauerhafte Unterdrückung des Immunsystems, die Infektionen begünstigt und langfristige Risiken birgt. Während der Studie traten eine Häufung verminderter weißer Blutkörperchen sowie zwei Todesfälle auf, die nach Einschätzung der Forscher nicht auf die eigentliche Zelltherapie zurückgingen, sondern auf eine Hirnhautentzündung und eine weit fortgeschrittene neurologische Vorerkrankung. Die geringe Teilnehmerzahl und der kurze Beobachtungszeitraum begrenzen zudem die Aussagekraft. Parallel arbeiten mehrere Gruppen daran, künftig auf Immunsuppressiva verzichten zu können, etwa durch genetisch veränderte oder verkapselte Zellen, wie es auch eine Meldung über eine ohne fremde Spenderzellen geheilte Patientin zeigt. Die entscheidende Phase-3-Studie ist bereits angelaufen und soll rund fünfzig Personen umfassen, bevor Zulassungsanträge bei den Behörden in den USA und Europa folgen.

The New England Journal of Medicine, Stem Cell-Derived, Fully Differentiated Islets for Type 1 Diabetes; doi:10.1056/NEJMoa2506549

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