Immunsuppressiva nötig

Stammzellentherapie heilt Diabetes Typ 1-Patienten

Robert Klatt

Auf den Punkt gebracht
  • Ein 64-jähriger Mann mit schwerer Diabetes Typ 1 wurde mit einer Stammzellentherapie geheilt
  • Damit die Stammzellen nicht abgestoßen werden, muss der Mann sein Leben lang Immunsuppressiva einnehmen
  • Eine neue Version der Stammzellen soll diese Medikamente überflüssig machen

Diabetes Typ 1 konnte bisher nicht geheilt werden. Nun wurde ein 64-jähriger Mann mit einer besonders schweren Erkrankung mit einer Stammzellentherapie geheilt.

Boston  (U.S.A.). Die Medizin kann Menschen mit Diabetes Typ 1 bisher nicht heilen. Sie benötigen aufgrund der angeborenen Stoffwechselerkrankung deshalb ein Leben lang Insulin. Nun haben Wissenschaftler des Vertex Pharmaceuticals laut einer Publikation im Fachmagazin Diabetes erstmals einen Diabetes Typ 1-Patienten mit einer Stammzellentherapie erfolgreich behandelt.

Bei dem 64-jährigen Mann wurde Diabetes Typ 1 mit 24 Jahren diagnostiziert. Er musste seitdem täglich mit einer hohen Dosierung von 34 Einheiten Insulin behandelt werden. In seinem Leben durchlief der Proband zudem fünf lebensbedrohliche Zustände durch Unterzuckerung. Laut den Forschern wurde der Mann wegen der Schwere seiner Erkrankung als erstes Proband für die Stammzellentherapie ausgewählt.

270 Tage ohne Insulininjektionen

Der Mann kommt 270 Tage nach seiner Stammzellentherapie ohne Insulininjektionen aus. Anschließend nahm an der klinischen Studie eine 35-jährige Frau teil, bei der im Alter von elf Jahren Diabetes Typ 1 diagnostiziert wurde. Sie konnte durch die Stammzellentherapie ihre Insulindosis um 30 Prozent senken, kann aber nicht komplett auf das Hormon verzichten.

Zudem nahm an der Studie ein dritter Proband teil, bei dem die Dosis der Stammzellen verdoppelt wurde. Ergebnisse liegen jedoch noch nicht vor. Geplant sind außerdem Stammzellentherapien mit weiteren Probanden.

Keine Universaltherapie für Diabetes Typ 1

Um die Stammzellentherapie anwenden zu können, müssen Immunsuppressiva eingenommen werden. Diese Medikamente unterdrücken das eigene Immunsystem und verhindern so die Abstoßungsreaktionen der Stammzellen. Immunsuppressiva können jedoch zu starken Nebenwirkungen führen.

Aktuell sind deshalb aus medizinischer Sicht die regelmäßigen Insulininjektionen der lebenslangen Einnahme von Immunsuppressiva zu bevorzugen. Eine Ausnahme bilden Personen mit einer besonders schweren Diabetes Typ 1 sowie Menschen, die ohnehin Immunsuppressiva wegen einer Organtransplantation einnehmen müssen.

Stammzellen statt Inselzellen von Verstorbenen

Diabetes Typ 1-Patienten könnten bereits seit über zwei Jahrzehnten mit Inselzellen von Verstorbenen behandelt werden. Diese Therapie wird im klinischen Alltag jedoch selten eingesetzt, weil es nur wenig Spender gibt und weil der Empfänger lebenslang Immunsuppressiva einnehmen muss. Die nun von Vertex Pharmaceuticals vorgestellte Stammzellentherapie kann zumindest das Spenderproblem lösen, weil die dafür verwendeten Zellen sich praktisch unbegrenzt im Labor herstellen lassen.

Das Unternehmen erklärt überdies, dass auch das Abstoßungsproblem der Stammzellen mit der Bezeichnung VX-880 in Zukunft gelöst werden soll. Aktuell arbeiten die Wissenschaftler von Vertex Pharmaceuticals dazu an einer Möglichkeit, um die insulinproduzierenden Betazellen im Körper zu verkapseln. Dies würde die Abstoßungsreaktionen verhindern und somit die Einnahme der Immunsuppressiv überflüssig machen.

Diabetes, doi: 10.2337/db22-259-OR

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