Seuchenschutz Afrika

Zugelassene Ebola-Impfstoffe zielen nicht auf das Virus im Kongo

 Dennis Lenz

Zugelassene Ebola-Impfstoffe zielen nicht auf das Virus im Kongo
(Symbolbild, KI-generiert) Eine Mutter hält ihr Kleinkind, während eine Impfhelferin es in den Oberarm impft. In der Studie Tumaini erhalten im Osten des Kongo Kontaktpersonen von Ebola-Erkrankten ab einem Jahr zuerst den Impfstoff Ervebo. Er ist gegen das Zaire-Ebolavirus zugelassen, ob er auch vor dem Bundibugyo-Virus schützt, soll die Studie zeigen. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Gegen Ebola sind Impfstoffe wie Ervebo zugelassen, doch sie wurden gegen eine andere Ebola-Art entwickelt. Im Kongo wütet das Bundibugyo-Virus: Laut WHO gibt es 9.704 bestätigte Fälle und 4.687 Tote, fast jeder zweite Erkrankte stirbt. Seit dem 23. Oktober 2026 impfen Forscher des INRB und der Universität Antwerpen in Bunia Kontaktpersonen von Erkrankten in der Studie Tumaini, zuerst mit Ervebo, danach mit zwei eigens entwickelten Impfstoffen.

Die Studie startet mitten in einer Epidemie, die außer Kontrolle zu geraten droht. Die Weltgesundheitsorganisation WHO zählt 4.687 Tote und gibt die Sterblichkeit unter den bestätigten Fällen mit 48,3 Prozent an. Allein in den 24 Stunden bis zum 20. Oktober kamen 67 neue Fälle hinzu. Betroffen sind inzwischen 66 Gesundheitszonen in acht Provinzen. Weil es weder einen zugelassenen Impfstoff noch eine spezifische Therapie gibt, bleiben den Helfern bisher nur Isolation, Kontaktverfolgung, sichere Bestattungen und Aufklärung. Die Impfstudie soll nun klären, ob es ein weiteres Werkzeug gibt, das Menschenleben retten kann.

Organisiert wird Tumaini vom kongolesischen Institut National de Recherche Biomédicale (INRB) und dem Global Health Institute der Universität Antwerpen. Finanziert wird die Studie von der Impfstoff-Allianz CEPI, unterstützt von der WHO, der afrikanischen Gesundheitsbehörde Africa CDC, Ärzte ohne Grenzen, dessen Forschungszentrum Epicentre und dem Institut für Tropenmedizin in Antwerpen. „Es gibt noch immer keinen zugelassenen Impfstoff gegen das Bundibugyo-Virus, und den Preis für dieses Fehlen zahlt der Kongo jeden Tag, mit verlorenen Leben und mit Gesundheitspersonal, das ohne Schutz zur Arbeit geht“, sagt CEPI-Chef Richard Hatchett in einer gemeinsamen Mitteilung der Studienpartner.

Der größte Bundibugyo-Ausbruch der Geschichte

Ebola ist nicht ein einzelnes Virus, sondern eine Gruppe verwandter Erreger. Die bekannteste Art ist das Zaire-Ebolavirus, das die verheerende Epidemie in Westafrika von 2013 bis 2016 und die meisten Ausbrüche im Kongo verursacht hat. Das Bundibugyo-Virus wurde dagegen erst 2007 bei einem Ausbruch im gleichnamigen Distrikt in Uganda entdeckt. Ein zweiter Ausbruch folgte 2012 im Kongo. Damals starben nach WHO-Angaben etwa 30 beziehungsweise 50 Prozent der Erkrankten. Als natürliches Reservoir gelten Flughunde, von denen das Virus über Wildtiere auf Menschen überspringen kann. Von Mensch zu Mensch verbreitet es sich über Blut und andere Körperflüssigkeiten, besonders bei der Pflege Kranker und bei traditionellen Bestattungen.

Der aktuelle Ausbruch wurde am 15. Mai 2026 offiziell ausgerufen, wenige Tage später stufte ihn die WHO als gesundheitliche Notlage internationaler Tragweite ein. Laut dem jüngsten Lagebericht der WHO ist es der größte Ebola-Ausbruch, der je im Kongo verzeichnet wurde, unabhängig von der Virusart. Weltweit ist er nach Angaben der Studienpartner der zweitgrößte Ebola-Ausbruch überhaupt. Epizentrum ist die Provinz Ituri mit 7.040 bestätigten Fällen und 3.271 Toten. In Nord-Kivu wurden 2.146 Fälle und 1.199 Tote gemeldet, dort liegt die Sterblichkeit sogar bei 55,9 Prozent. Einzelne Fälle wurden auch in Uganda, Frankreich, Kenia und Nigeria bestätigt. In Kenia erkrankten bis zum 20. Oktober neun Menschen, alle aus dem Umfeld eines Mannes, der über Uganda eingereist und gestorben war. Am 23. Oktober meldeten die kenianischen Behörden nach Berichten mehrerer Nachrichtenagenturen einen zweiten Todesfall.

Besonders beunruhigend ist, wie viele Menschen außerhalb von Behandlungszentren sterben. Von den 482 Todesfällen, die seit dem vorherigen WHO-Bericht vom 8. Oktober hinzukamen, ereigneten sich 307 in den Gemeinden. Das bedeutet, dass viele Erkrankte nie rechtzeitig versorgt werden und das Virus womöglich unbemerkt weitergeben. Auch die Kontaktverfolgung hinkt hinterher: Von 30.130 Kontaktpersonen konnten die Teams zuletzt nur 79,7 Prozent täglich aufsuchen, angestrebt sind mindestens 95 Prozent. Wie Ebola-Viren im Körper überdauern, untersuchen Forscher auch an Miniaturgehirnen aus dem Labor, die zeigen, wie das Ebola-Virus im Gehirn überlebt.

So funktioniert die Ringimpfung

Tumaini setzt auf das Prinzip der Ringimpfung. Wird ein neuer Ebola-Fall bestätigt, bilden seine Kontaktpersonen einen Ring: Menschen, die mit dem Patienten im selben Haushalt lebten, ihn nach Beginn der Symptome besuchten, ihn ohne Schutzausrüstung pflegten oder bei einer Beerdigung mit dem Leichnam in Berührung kamen. Diese Menschen tragen das höchste Ansteckungsrisiko. Statt eine ganze Region zu impfen, schützt man gezielt die Personen, über die sich das Virus als Nächstes ausbreiten würde. Gleichzeitig lässt sich in diesen Ringen am schnellsten messen, ob ein Impfstoff wirkt, weil dort überhaupt Infektionen auftreten.

Die Studie ist streng kontrolliert. Laut dem Eintrag im Studienregister ClinicalTrials.gov werden innerhalb jedes Rings einzelne Personen per Los einer von zwei Gruppen zugeteilt. Die eine erhält am ersten Tag den Ebola-Impfstoff und an Tag 29 eine Impfung gegen Typhus, die andere bekommt die beiden Impfungen in umgekehrter Reihenfolge. So erhält jeder Teilnehmer am Ende einen Ebola-Impfstoff, und dennoch lassen sich die beiden Gruppen vergleichen. Weder die Teilnehmer noch die Ärzte wissen, wer was bekommen hat. Entscheidend ist, wie viele Menschen in jeder Gruppe zwischen dem 10. und dem 29. Tag nach der Impfung nachweislich an Bundibugyo-Ebola erkranken. Geplant sind 3.620 Teilnehmer ab einem Jahr, auch Schwangere sind einbezogen.

Das Vorbild stammt aus Guinea. Dort wurde Ervebo im Jahr 2015 gegen das Zaire-Ebolavirus in einer Ringimpfstudie getestet, damals allerdings mit ganzen Ringen, die sofort oder drei Wochen später geimpft wurden. Das Ergebnis war spektakulär: Unter den sofort geimpften Kontaktpersonen erkrankte ab dem zehnten Tag nach der Zuteilung niemand, in der Vergleichsgruppe dagegen 23 Menschen. Dieser Erfolg ebnete Ervebo den Weg zur Zulassung in Europa und den USA im Jahr 2019. Dass bei Tumaini nun einzelne Personen statt ganzer Ringe ausgelost werden, soll schneller zu belastbaren Daten führen.

Warum zuerst ein Impfstoff gegen eine andere Ebola-Art?

Ervebo enthält ein für Menschen harmloses Nutztiervirus, das ein Oberflächenprotein des Zaire-Ebolavirus trägt und so das Immunsystem trainiert. Gegen das Bundibugyo-Virus ist seine Schutzwirkung nicht belegt. Tierversuche und erste Immundaten deuten zwar auf einen gewissen Kreuzschutz hin, wie stark dieser beim Menschen ist, weiß aber niemand. Der Vorteil: Ervebo ist sicher, gut untersucht und in großen Mengen verfügbar. Seit September wird der Impfstoff deshalb bereits in einer separaten Studie namens BRAVO an bis zu 20.000 Helfer an vorderster Front in Ituri und Nord-Kivu verabreicht, allerdings ohne ausgeloste Vergleichsgruppe. Die WHO empfiehlt, Ervebo gegen Bundibugyo nur im Rahmen von Studien einzusetzen.

Tumaini ist als adaptive Plattformstudie angelegt. Das heißt, dass neue Impfstoffkandidaten jederzeit hinzukommen und erfolglose ausscheiden können, ohne dass eine komplett neue Studie aufgesetzt werden muss. Vorbereitet werden bereits zwei Impfstoffe, die speziell gegen das Bundibugyo-Virus entwickelt wurden: ein mRNA-Impfstoff des Herstellers Moderna und ein Vektorimpfstoff der Universität Oxford, den das Serum Institute of India produziert. Beide könnten nach Einschätzung von Ko-Studienleiter Jean-Pierre Van geertruyden Anfang November hinzukommen. Damit erfolgreiche Impfstoffe schnell in großer Menge bereitstehen, hat die Impfallianz Gavi bis zu 40 Millionen US-Dollar für die Vorbereitung der Produktion zugesagt.

„Wenn das gelingt, hätten wir zum ersten Mal klare Belege dafür, dass ein Impfstoff gegen das Bundibugyo-Virus wirkt“, sagt Chikwe Ihekweazu, Leiter des WHO-Programms für Gesundheitsnotfälle. Das wäre ein großer Fortschritt, der die Reaktion auf diesen und künftige Ausbrüche verändern könnte. Studienleiter Hugo Kavunga vom INRB betont: „Unsere Priorität ist herauszufinden, welche Impfstoffe die gefährdeten Menschen sicher und wirksam schützen können.“

Grenzen und offene Fragen

Ob die Studie rechtzeitig Ergebnisse liefert, hängt vom Verlauf der Epidemie ab. Mit Wirksamkeitsdaten zu den neuen Impfstoffen rechnet Van geertruyden laut Science erst im Februar oder März 2027, das Studienregister nennt April 2027 als voraussichtlichen Abschluss der Hauptauswertung. Ebbt der Ausbruch vorher ab, treten zu wenige Infektionen auf, um die Wirkung zu messen. Für diesen Fall bestimmt das Institut für Tropenmedizin, welche Immunreaktionen mit einem Schutz einhergehen. „So können wir Impfstoffe, die spät oder sogar erst nach dem Ausbruch verfügbar werden, mit diesen schützenden Immunreaktionen vergleichen, damit vielversprechende Kandidaten nicht übersehen werden“, erklärt Wim Adriaensen vom Institut für Tropenmedizin in Antwerpen.

Auch die Typhus-Impfung in der Vergleichsgruppe hat einen Haken. Sie könnte das Immunsystem allgemein anregen und so einige Menschen in der Kontrollgruppe ebenfalls etwas schützen, wodurch der Nutzen des Ebola-Impfstoffs kleiner erscheinen würde, als er ist. Darauf wies der an der Planung beteiligte Biostatistiker Ira Longini von der University of Florida gegenüber dem Fachmagazin Science hin. Hinzu kommen die Bedingungen vor Ort: In Ituri und Nord-Kivu herrschen bewaffnete Konflikte, Gebiete mit Kämpfen in den vorangegangenen sieben Tagen sind von der Studie ausgeschlossen. Zudem stehen nach Angaben der WHO-Einsatzleitung gegenüber Science rund 40 Prozent der neu entdeckten Fälle auf keiner Kontaktliste, was Ringe unvollständig macht. Ein Impfstoff allein wird den Ausbruch deshalb nicht beenden. Wie Krankheitserreger aus der Natur überhaupt auf Menschen überspringen, untersucht die Forschung ebenfalls, etwa mit Blick auf zerstückelte Landschaften als Brutstätten neuer Seuchen.

Parallel läuft eine Therapiestudie, die den Antikörpercocktail MBP134 und das antivirale Medikament Remdesivir bei Erkrankten testet und laut Science bereits mehr als 600 Patienten aufgenommen hat. Für die Menschen in den Ringen um jeden neuen Fall bietet Tumaini schon jetzt eine Chance auf Schutz, selbst wenn noch niemand weiß, wie groß er ist. Epicentre-Forschungsleiterin Valérie Briand hebt hervor, dass Kinder in manchen Regionen besonders stark betroffen sind: Die Einbeziehung von Schwangeren und Kindern sei ein wichtiger Schritt für Gruppen, die in klinischen Studien sonst oft fehlen.

CEPI, First participant vaccinated in pivotal Phase 2/3 Bundibugyo vaccine trial in DRC

Weltgesundheitsorganisation, Disease Outbreak News: Ebola disease caused by Bundibugyo virus, Democratic Republic of the Congo, Kenya and Nigeria

ClinicalTrials.gov, A Phase 2/3 Randomized, Controlled, Adaptive Platform Trial to Evaluate the Efficacy, Safety, and Immunogenicity of Vaccine Candidates Against Bundibugyo Virus Disease (BVD) in Contacts of Cases; NCT07842107

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