Neue Seuchen entstehen vor allem dort, wo Menschen, Nutztiere und zerstückelte Natur aufeinandertreffen. Das zeigt eine weltweite Auswertung von 58.319 Ausbrüchen von 32 Infektionskrankheiten. Das Risiko ist in Mosaiklandschaften am höchsten, in denen Dörfer und Weiden an zerschnittene Wälder grenzen. Langfristig abnehmende Niederschläge verstärken den Effekt, vor allem bei Krankheiten, die Mücken und Zecken übertragen.
Neu auftretende Infektionskrankheiten gelten als ein Kennzeichen des Anthropozäns, des vom Menschen geprägten Erdzeitalters. Viele Erreger stammen ursprünglich aus Wildtieren und springen über Nutztiere oder direkten Kontakt auf den Menschen über, andere werden von Stechmücken oder Zecken übertragen. Dass die Zerstörung von Lebensräumen und der enge Kontakt zwischen Menschen, Wildtieren und Nutztieren solche Sprünge begünstigen, gilt unter Fachleuten als weitgehend gesichert. Wie stark diese Faktoren aber die Landkarte der Ausbruchsrisiken weltweit prägen, war bislang nur für wenige gut untersuchte Krankheiten bekannt. Ein internationales Team um den Epidemiologen Rory Gibb vom University College London, die Geografin Sadie Ryan von der University of Florida und den Biologen Colin Carlson von der Georgetown University hat diese Frage nun systematisch untersucht. Ihre Ergebnisse erschienen am 23. September im Fachjournal Nature. Die Autoren sprechen von einem deutlichen menschlichen Fingerabdruck auf der globalen Verbreitung neu auftretender Infektionskrankheiten.
Die Forscher trugen 58.319 Einträge über Ausbruchsereignisse von 32 Krankheiten zusammen, darunter Dengue-Fieber, Borreliose und verschiedene von Tieren übertragene Viruserkrankungen. Für jeden Ort bestimmten sie 16 mögliche Einflussfaktoren aus fünf Bereichen, darunter Landnutzung, Zustand der Ökosysteme, Klima, Nutztierdichte und soziale Bedingungen. Die Orte der Ausbrüche seit 1980 verglichen sie mit Vergleichsorten, die nach der Bevölkerungsdichte gewichtet waren. Entscheidend war dabei, dass die Forscher Verzerrungen bei der Erfassung berücksichtigten, wie die in Nature veröffentlichte Studie beschreibt. Denn Ausbrüche werden nicht überall gleich gut entdeckt und gemeldet: Wo es wenige Ärzte und Labore gibt, bleiben viele Erkrankungen unerkannt, und wo besonders viel geforscht wird, erscheinen Regionen gefährlicher, als sie womöglich sind. Ohne diese Korrektur würde die Landkarte der Risiken eher die Verteilung von Gesundheitssystemen abbilden als die tatsächliche Gefahr.
Über viele Krankheiten hinweg zeigte sich ein gemeinsames Muster: Das Ausbruchsrisiko ist dort am höchsten, wo Menschen und Nutztiere neben Wäldern und stark zerstückelten Ökosystemen leben. Gemeint ist etwa ein Wald, der in viele kleine Waldstücke zerteilt ist, die von Weiden, Feldern und Siedlungen getrennt werden. An den Rändern solcher Waldinseln kommen Menschen, Nutztiere und Wildtiere besonders häufig miteinander in Kontakt. Gleichzeitig verändert die Zerstückelung die Lebensgemeinschaften: Arten, die Störungen gut vertragen, darunter viele Nagetiere und Stechmücken, profitieren, während empfindlichere Arten verschwinden. Einige dieser anpassungsfähigen Arten sind wichtige Träger von Krankheitserregern. Wie sehr menschliche Eingriffe in die Umwelt zu neuen Problemen führen können, zeigt auch eine Untersuchung, nach der Ozonschutz-Kältemittel zum neuen Umweltproblem werden.
Als zweiter wichtiger Faktor erwies sich ein langfristiger Rückgang der Niederschläge. Zusammen mit der Mosaiklandschaft verstärkt er das Risiko vor allem bei Krankheiten, die von Blutsaugern übertragen werden, etwa Dengue-Fieber, Borreliose und von Tieren stammende Viren, die Mücken oder Zecken verbreiten. Trockenheit kann Menschen und Tiere an wenigen Wasserstellen zusammenbringen, Menschen dazu veranlassen, Wasser in offenen Behältern zu speichern, in denen Mücken brüten, und das Verhalten von Wildtieren verändern. Die Forscher betonen jedoch, dass die entscheidenden Faktoren je nach Krankheit erheblich variieren. Es gibt kein einheitliches Rezept, das für alle Erreger gilt. Wie Gibb und Kollegen laut einem Bericht von Technology Networks betonen, müsse die Vorbeugung deshalb auf die jeweilige Krankheit und Region zugeschnitten werden. Pauschale Maßnahmen würden dem vielschichtigen Zusammenspiel von Umwelt, Klima und Gesellschaft nicht gerecht.
Ein zentrales Ergebnis betrifft die Erfassung selbst. Nach Angaben der Forscher sind Ausbruchsrisiken weltweit allgegenwärtig, doch Entdeckung und Daten sind durch Ungleichheiten beim Zugang zur Gesundheitsversorgung begrenzt. In Regionen, in denen Menschen kaum Ärzte erreichen, werden Ausbrüche seltener erkannt und gemeldet. Das bedeutet, dass gerade in den Gebieten mit hohem Risiko die Überwachung oft am schwächsten ist. Für die Pandemievorsorge ist das ein Problem, weil sich neue Erreger unbemerkt ausbreiten können, bevor sie in den Gesundheitssystemen reicherer Länder auffallen. Die Autoren sehen in ihren Karten deshalb auch ein Werkzeug, um gezielt dort Überwachungssysteme aufzubauen, wo das Risiko hoch und die Erfassung schwach ist. Epidemien haben die Menschheit seit jeher begleitet, wie auch archäologische Funde zeigen, etwa Kalkschichten im Pont du Gard, die auf eine Seuche im antiken Nîmes deuten.
Auch wenn viele der untersuchten Krankheiten vor allem in den Tropen auftreten, betreffen die Befunde auch Europa. Borreliose, die von Zecken übertragen wird, gehört zu den untersuchten Krankheiten und ist in Deutschland weit verbreitet. Mit dem Klimawandel breiten sich zudem Mückenarten nach Norden aus, die Dengue-Fieber und andere Viruserkrankungen übertragen können. Landschaften, in denen Wälder, Weiden und Siedlungen eng verzahnt sind, gibt es auch in Mitteleuropa. Die Studie legt nahe, dass Landnutzung und Naturschutz Teil der Gesundheitsvorsorge sein sollten. Intakte, zusammenhängende Ökosysteme könnten das Risiko für Ausbrüche senken, während ihre Zerstückelung es erhöht. Die Autoren betonen, dass ihre Analyse Zusammenhänge zeigt und nicht jeden einzelnen Ausbruch erklärt. Sie liefert aber eine globale Grundlage, um Risiken besser einzuschätzen und Vorsorge dort zu verstärken, wo sie am dringendsten gebraucht wird.
Nature, The anthropogenic fingerprint on emerging infectious diseases; doi:10.1038/s41586-026-11058-6