Freier Fall

Zucken beim Einschlafen trifft rund 70 Prozent aller Menschen

 Dennis Lenz

Zucken beim Einschlafen trifft rund 70 Prozent aller Menschen
(Symbolbild). Kurz vor dem Einschlafen ruckt der Körper, ein Bein schnellt hoch, und für einen Moment stellt sich das Gefühl ein, ins Leere zu fallen. Zucken beim Einschlafen kennen die meisten Erwachsenen, etwa jeder Zehnte erlebt es sogar täglich. Im Schlaflabor dauert die Muskelzuckung weniger als eine Viertelsekunde und fällt mit einem charakteristischen Ausschlag im EEG zusammen. Was in diesem Moment im Gehirn geschieht, beschrieb erstmals eine Messreihe aus den 1950er Jahren. (Foto: © Forschung und Wissen)

Der Körper liegt still, die Gedanken driften ab, und plötzlich schnellt ein Bein hoch. Zucken beim Einschlafen reißt viele Menschen genau in dem Moment zurück, in dem sie die Kontrolle über den eigenen Körper abgeben. Dazu kommt häufig ein kurzer Sturz ins Nichts, manchmal ein Lichtblitz oder ein Knall, den niemand sonst im Raum hört. Messungen im Schlaflabor zeigen, dass dieser Ruck kürzer ausfällt als ein Wimpernschlag.

In der Fachsprache heißt das Phänomen hypnische Zuckung, gebräuchlich sind auch die Begriffe Einschlafmyoklonus und Schlafstart. Gemeint ist eine plötzliche, unwillkürliche Muskelzuckung, die am Übergang von Wachheit zu Schlaf auftritt und einzelne Körperabschnitte oder den ganzen Körper erfasst. Die Bewegung folgt keinem festen Muster, sie kann ein Bein nach oben schnellen lassen, den Nacken ruckartig strecken oder den Oberkörper anheben. Schätzungen aus schlafmedizinischen Übersichten gehen davon aus, dass 60 bis 70 Prozent aller Menschen die Erscheinung kennen, unabhängig von Alter und Geschlecht, und dass etwa zehn Prozent sie täglich erleben. In der internationalen Klassifikation der Schlafstörungen wird sie ausdrücklich nicht als Krankheit geführt, sondern als normale Begleiterscheinung des Einschlafens.

Das Einschlafen ist kein Schalter, der umgelegt wird, sondern eine Übergabe zwischen zwei Systemen, die einige Minuten dauert. Wachheit wird von Zellgruppen im Hirnstamm und im Zwischenhirn aufrechterhalten, die den Kortex mit Botenstoffen versorgen und die Muskelspannung auf Betriebsniveau halten. Beim Einschlafen fahren diese Zentren ihre Aktivität zurück, während schlaffördernde Zellverbände sie aktiv hemmen. Gleichzeitig sinkt der Muskeltonus, die Atmung wird flacher, die Reaktion auf Geräusche nimmt ab, und im EEG lösen langsamere Wellen den wachen Rhythmus ab. In dieser Phase liegen beide Zustände für kurze Zeit übereinander, und genau in diesem Fenster entsteht die Zuckung. Wer schon einmal beim Wegdämmern im Sitzen mit dem Kopf weggesackt ist, hat denselben Übergang in abgeschwächter Form erlebt.

Zwei Systeme, die sich nicht sauber ablösen

Zucken beim Einschlafen entsteht am Übergang von Wachheit zu Schlaf. Während die wachhaltenden Zentren im Hirnstamm zurückfahren und die Muskelspannung absinkt, überlappen sich beide Zustände für kurze Zeit. In dieser instabilen Phase entlädt sich ein Bewegungsimpuls unkontrolliert über die absteigenden Nervenbahnen, und Arme oder Beine zucken einmal kräftig.

Weil die Entladung nicht von einem geordneten Bewegungsplan ausgeht, fehlt ihr jede Zielrichtung. Elektromyografische Ableitungen zeigen, dass die beteiligten Muskeln in wechselnder Zusammensetzung feuern, häufig einseitig und ohne erkennbare Ausbreitung von einer Körperregion zur nächsten. Das unterscheidet die hypnische Zuckung von epileptischen Myoklonien, die einem festen Muster folgen und auch im Wachzustand oder aus dem Schlaf heraus auftreten. Bei der Einschlafzuckung ist der Zeitpunkt das entscheidende Merkmal: Sie tritt ausschließlich in der Übergangsphase auf, sie wiederholt sich pro Nacht meist nur ein- oder zweimal, und sie hinterlässt keine Verwirrtheit, keine Muskelschmerzen und keine Erinnerungslücke. Genau diese Kombination führt in der Schlafmedizin dazu, dass sie als gutartige Normvariante eingeordnet wird.

Im Schlaflabor dauert der Ruck weniger als eine Viertelsekunde

Die klassische Beschreibung stammt von dem Schlafforscher Ian Oswald, der Ende der 1950er Jahre Freiwillige beim Einschlafen mit EEG und Muskelableitungen aufzeichnete und die Zuckungen so erstmals systematisch dokumentierte. In heutigen Aufzeichnungen dauern die Muskelentladungen meist weniger als 250 Millisekunden. Im EEG fallen sie mit K-Komplexen und Vertexzacken zusammen, also mit steilen Ausschlägen, die für den Beginn des Leichtschlafs typisch sind. Begleitet wird der Ruck oft von einer kurzen Reaktion des vegetativen Nervensystems mit beschleunigtem Herzschlag, unregelmäßiger Atmung und Schweißbildung, wie die frühe Arbeit über plötzliche Körperzuckungen beim Einschlafen beschreibt.

Oswald hielt außerdem fest, dass die Zuckung nicht immer allein kommt. Manche Menschen berichten von einem hellen Lichtblitz hinter geschlossenen Lidern, andere von einem lauten Knall, einem Zischen oder einem Gefühl wie ein elektrischer Schlag, der durch den Körper läuft. Solche Varianten werden als sensorische Einschlafzuckungen geführt. Davon abzugrenzen ist das sogenannte Explodierende-Kopf-Syndrom, bei dem der Knall ohne begleitende Bewegung auftritt und als eigenständiges Phänomen beschrieben wird. Beide Erscheinungen gelten als harmlos, beide erschrecken Betroffene beim ersten Mal jedoch erheblich, weil sie ohne äußere Ursache mitten in einem ruhigen Zimmer auftreten.

Das Gefühl zu fallen entsteht erst nach der Bewegung

Verbreitet ist die Vorstellung, das Gehirn deute die sinkende Muskelspannung als Sturz und reiße den Körper deshalb zurück. Diese Erklärung wird gern mit baumbewohnenden Vorfahren begründet, die nachts nicht vom Ast fallen durften. Belegt ist sie nicht, denn ein solcher Reflex müsste sich in der Bewegungsrichtung zeigen, und genau das tut er nicht. Näher liegt die umgekehrte Reihenfolge: Zuerst entlädt sich der Bewegungsimpuls, dann liefert das Gehirn im Zustand zwischen Wachheit und Schlaf eine passende Deutung nach. Weil in dieser Phase bereits traumähnliche Bilder entstehen, verschmilzt der körperliche Ruck mit einer Szene, in der man stolpert, von einer Stufe tritt oder ins Leere greift.

Unwillkürliche Muskelkontraktionen sind im Körper ohnehin nichts Seltenes, sie folgen nur meist einem anderen Auslöser. Der Lidzucker entsteht durch Übermüdung des Muskels selbst, ein Wadenkrampf durch eine Fehlsteuerung im Muskel und seinen Sehnen, und beim Schluckauf feuert der Nerv, der das Zwerchfell versorgt, in einem Reflexbogen zwischen Zwerchfell und Hirnstamm. Wie hartnäckig dieser Bogen entgleisen kann, zeigt der längste dokumentierte Schluckauf der Medizingeschichte. Die Einschlafzuckung unterscheidet sich davon in einem Punkt grundlegend, denn sie hängt nicht an einem gereizten Nerv, sondern an einem Zustandswechsel im Gehirn.

Koffein, Schlafmangel und später Sport verstärken das Zucken

Ganz zufällig verteilt sich die Häufigkeit nicht. In schlafmedizinischen Übersichtsarbeiten tauchen immer dieselben Verstärker auf: Koffein und Nikotin am Abend, ausgeprägter Schlafmangel, unregelmäßige Zubettgehzeiten, anhaltender Stress sowie intensive körperliche Belastung kurz vor der Nachtruhe. Alle diese Faktoren halten die wachhaltenden Systeme aktiv, während der Körper bereits abschaltet, und verlängern damit genau jenes Zeitfenster, in dem sich beide Zustände überlagern. Eine Übersicht zu schlafbezogenen Bewegungsphänomenen ordnet die hypnische Zuckung entsprechend als physiologische Erscheinung ein, die durch solche Einflüsse zunimmt.

Häufen sich die Zuckungen so stark, dass sie das Einschlafen immer wieder unterbrechen, spricht die Schlafmedizin von verstärkten hypnischen Zuckungen, die in eine Einschlafinsomnie münden können. Abzugrenzen sind davon zwei andere Erscheinungen: das Restless-Legs-Syndrom mit seinem Bewegungsdrang in Ruhe, der sich durch Aufstehen bessert, und periodische Beinbewegungen, die in gleichmäßigen Abständen über Stunden im Schlaf auftreten. Für alle übrigen Fälle bleibt es bei einem Ruck, der niemanden gefährdet und der zugleich der letzte deutliche Beleg dafür ist, dass der wache Körper in diesem Moment noch nicht ganz abgetreten war.

Brain, Sudden bodily jerks on falling asleep; doi:10.1093/brain/82.1.92
Current Sleep Medicine Reports, Sleep-Related Movement Disorders, Hypnic Jerks; doi:10.1007/s40675-018-0104-9

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