Proteinriegel, Proteinjoghurt, Proteinkaffee: Kaum ein Nährstoff wird derzeit so intensiv beworben wie Protein. Eine neue Übersichtsarbeit, die mehr als 350 Einzelstudien an Menschen, Mäusen, Insekten und Hefen zusammenführt, kommt nun zu einem gegenläufigen Befund und verknüpft eine geringere Zufuhr mit einem verlangsamten Alterungsprozess. Die offizielle deutsche Empfehlung liegt bei 0,8 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag, viele Menschen liegen deutlich darüber. Im Zentrum der Analyse stehen dabei nicht nur Gramm, sondern einzelne Bausteine des Eiweißes.
Protein ist neben Fetten und Kohlenhydraten einer der drei energieliefernden Hauptnährstoffe und zugleich der einzige, der Stickstoff in den Körper bringt. Aufgenommenes Eiweiß wird im Verdauungstrakt in seine Grundbausteine zerlegt, die Aminosäuren. Zwanzig davon werden für den Aufbau körpereigener Strukturen benötigt, neun kann der menschliche Organismus nicht selbst herstellen und muss sie über die Nahrung aufnehmen. Aus diesen Bausteinen entstehen Muskelfasern, Enzyme, Antikörper, Transportmoleküle und Hormone. Weil Muskelmasse im Alter abnimmt und Kraftsport in den vergangenen Jahren stark an Popularität gewonnen hat, empfehlen viele Ratgeber inzwischen Mengen, die weit über den Referenzwerten der Fachgesellschaften liegen. Parallel dazu hat die Lebensmittelindustrie ganze Produktkategorien umgestellt und reichert Getränke, Müsli, Pudding und Fertiggerichte gezielt mit Eiweiß an, obwohl ein Mangel in Industrieländern selten ist.
In der Alternsforschung gilt seit Jahrzehnten ein anderer Zusammenhang als gesichert: Eine dauerhaft verringerte Kalorienzufuhr verlängert bei zahlreichen Organismen die Lebensspanne und senkt das Risiko altersassoziierter Erkrankungen. Praktisch scheitert dieser Ansatz jedoch daran, dass kaum jemand eine solche Diät über Jahre durchhält. Deshalb suchen Forschungsgruppen seit Längerem nach Stellschrauben, die dieselben Effekte auslösen, ohne die Energiemenge insgesamt zu senken. Ein zentraler Kandidat ist die sogenannte Proteinrestriktion, bei der ausschließlich der Eiweißanteil der Nahrung reduziert wird, während die Kalorienzahl gleich bleibt. Molekular laufen die Signale dabei über Nährstoffsensoren in der Zelle, die den Aufbau neuer Proteine steuern, sowie über das Leberhormon FGF21, das den Stoffwechsel bei knappem Eiweißangebot umstellt.
Die aktuelle Übersichtsarbeit ordnet die vorhandene Datenlage erstmals systematisch nach Wirkmechanismen und benennt mehrere wiederkehrende Muster. Eine reduzierte Eiweißzufuhr verbessert demnach die Insulinempfindlichkeit, senkt die Fettmasse bei gleicher Kalorienmenge, verringert oxidative Schäden in Zellen und erhält die Funktion von Geweben länger. In Modellorganismen von der Hefe bis zum Nagetier ließ sich die Lebensspanne auf diesem Weg verlängern, wie das Team um den Pathologen Dudley Lamming von der University of Wisconsin-Madison in seiner Auswertung in Cell Press Blue darlegt, wobei die Effekte bei männlichen Tieren häufig stärker ausfielen als bei weiblichen. Beim Menschen liegen bislang vor allem kontrollierte Studien zu Stoffwechselmarkern vor, nicht zur Sterblichkeit. Beobachtungsdaten großer Kohorten verknüpfen eine sehr hohe Eiweißzufuhr allerdings mit einem erhöhten Risiko für Diabetes, Krebs und Herz-Kreislauf-Sterblichkeit.
Der wichtigste inhaltliche Punkt der Analyse betrifft nicht die Menge, sondern die Zusammensetzung. Nach der Auswertung reicht es aus, einzelne Aminosäuren zu begrenzen, um einen Großteil der Effekte auszulösen. Am besten belegt ist das für Methionin, eine schwefelhaltige Aminosäure, die in tierischen Lebensmitteln wie Fleisch, Fisch und Eiern deutlich höher konzentriert ist als in Hülsenfrüchten oder Getreide. Hinzu kommen die verzweigtkettigen Aminosäuren Isoleucin und Valin, die in Nahrungsergänzungsmitteln für den Muskelaufbau gezielt zugesetzt werden. Wird nur ihre Zufuhr gesenkt, während die Gesamtproteinmenge weitgehend erhalten bleibt, zeigen sich in Tierversuchen ähnliche Verbesserungen bei Blutzucker, Körperfett und Entzündungsmarkern. Das erklärt auch, warum pflanzenbetonte Ernährungsmuster in epidemiologischen Auswertungen häufig günstiger abschneiden, ohne dass die absolute Eiweißmenge dort besonders niedrig wäre. Frühere Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass eine dauerhaft sehr eiweißreiche Ernährung die Blutgefäße belastet.
Die Autoren grenzen ihre Schlussfolgerung ausdrücklich ein. Für körperlich aktive Menschen ist der Nutzen von Protein für Muskelaufbau und Regeneration unbestritten, ebenso für ältere Personen mit beginnendem Muskelschwund, für Menschen nach Operationen und für Patienten mit chronischen Erkrankungen. Der Kritikpunkt richtet sich gegen die pauschale Botschaft, mehr sei grundsätzlich besser, obwohl der größte Teil der Bevölkerung überwiegend sitzend lebt und den zusätzlichen Bedarf gar nicht erzeugt. Sinnvoll wäre nach Ansicht der Forschungsgruppe eine Empfehlung, die neben dem Lebensalter auch das tatsächliche Aktivitätsniveau berücksichtigt. Offen bleibt, ab welcher Schwelle beim Menschen ein Nutzen in einen Nachteil kippt, denn Langzeitstudien mit harten Endpunkten fehlen bislang. Wie schwierig die Übertragung molekularer Befunde auf den Menschen ist, zeigen auch Arbeiten, die einzelne Blutproteine mit der Lebensspanne verknüpfen.
Cell Press Blue, The Hallmarks of Protein and Amino Acid Restriction in Aging and Longevity; doi:10.1016/j.cpblue.2026.100079