Ein Team aus Wuhan hat 16 Menschen mit Multipler Sklerose und verwandten Autoimmunerkrankungen des Nervensystems mit einer einzigen Infusion behandelt, nach der die therapeutischen Zellen im Körper selbst entstanden. Statt Zellen zu entnehmen und wochenlang im Labor umzubauen, übernahm ein verändertes Virus diese Aufgabe im Blut. Nach rund sechs Monaten Beobachtung besserten sich Beweglichkeit, Denkleistung und Erschöpfung bei den Betroffenen mit MS. Die Ergebnisse stammen aus einer laufenden Phase-1-Studie.
Bei Autoimmunerkrankungen richtet sich das Immunsystem gegen körpereigenes Gewebe. Eine zentrale Rolle spielen dabei B-Zellen, die Antikörper gegen die eigenen Strukturen herstellen, bei Multipler Sklerose etwa gegen Bestandteile der Nervenhüllen. Die CAR-T-Zelltherapie greift genau hier an: T-Zellen des Immunsystems werden mit einem künstlichen Rezeptor ausgestattet, der ein Oberflächenmerkmal der B-Zellen erkennt, und räumen diese daraufhin gründlich ab. Wachsen die B-Zellen anschließend nach, beginnen sie nach den bisherigen Beobachtungen wieder von vorn, ohne die krankmachenden Antikörper zu bilden. Fachleute sprechen von einem Neustart des Immunsystems. Entwickelt wurde das Verfahren gegen Blutkrebs, seit einigen Jahren wird es bei Autoimmunerkrankungen erprobt.
Der Aufwand ist allerdings erheblich. Im üblichen Ablauf werden dem Patienten über mehrere Stunden T-Zellen aus dem Blut gefiltert, in ein spezialisiertes Labor transportiert, dort genetisch verändert und vermehrt und nach Wochen zurückgegeben. Davor steht meist eine Chemotherapie, die Platz für die neuen Zellen schafft und das Immunsystem vorübergehend stark schwächt. Das begrenzt die Behandlung auf wenige Zentren, macht sie teuer und schließt Menschen aus, deren Zustand einen solchen Ablauf nicht zulässt. Die naheliegende Alternative lautet, den Umbau direkt im Körper vorzunehmen, und daran arbeiten weltweit mehrere Gruppen und Unternehmen.
Genau diesen Weg ging das Team um den Neurologen Dai-Shi Tian am Tongji-Klinikum der Huazhong-Universität für Wissenschaft und Technik in Wuhan. Die Teilnehmer bekamen eine einzelne Infusion mit veränderten Lentiviren, die auf ihrer Oberfläche Bindestellen für T-Zellen tragen. Diese Viren fanden im Blut ihre Zielzellen, schleusten dort den Bauplan für den künstlichen Rezeptor ein und machten sie so zu CAR-T-Zellen. Wie die in im New England Journal of Medicine veröffentlichten Ergebnisse zeigen, nahm die Zahl dieser Zellen im Blut über die Zeit zu, statt direkt nach der Gabe abzufallen. Behandelt wurden Menschen mit Multipler Sklerose sowie mit Erkrankungen, die Muskelschwäche und Muskelentzündungen verursachen oder Gehirn, Rückenmark und Sehnerven angreifen.
Die Beobachtungen laufen über etwa ein halbes Jahr. In dieser Zeit sank die Zahl der B-Zellen deutlich, ebenso die Menge der gegen körpereigenes Gewebe gerichteten Antikörper. Die nachwachsenden B-Zellen bildeten diese Antikörper nach Angaben der Autoren nicht erneut, was sie als Hinweis auf einen Neustart des Immunsystems werten. Bei den Teilnehmern mit Multipler Sklerose verbesserten sich motorische Fähigkeiten und kognitive Leistungen, zudem ging die Erschöpfung zurück, die für viele Betroffene zu den belastendsten Beschwerden zählt. Bei den Erkrankungen mit Muskelbeteiligung stiegen die Werte für Muskelkraft, und Entzündungszeichen nahmen ab. Eine begleitende Chemotherapie war nicht nötig.
Für Fachleute liegt die Bedeutung weniger in den Einzelwerten als im Verfahren. Fällt die Zellentnahme weg, entfällt auch der Transport in ein Speziallabor, die wochenlange Herstellung und ein großer Teil der Kosten. David Simon von der Charité in Berlin ordnet die Arbeit als überzeugende Machbarkeitsstudie für die Herstellung im Körper ein und verweist darauf, dass dieser Weg schneller und günstiger ist als die Produktion im Labor. Der Immunologe Bing Du von der Ostchinesischen Normaluniversität in Shanghai hält die Ergebnisse für vergleichbar mit denen der herkömmlichen Variante. Damit rückt eine Behandlung in Reichweite, die theoretisch in jeder größeren Klinik gegeben werden könnte, ähnlich wie andere Therapien, deren Verabreichung vereinfacht wurde, etwa die zweimal jährlich gespritzte HIV-Prophylaxe.
Die Einschränkungen sind erheblich und werden von den Beteiligten selbst benannt. Es handelt sich um eine Phase-1-Studie mit 16 Teilnehmern, ohne Vergleichsgruppe und ohne Verblindung, weshalb sich Placeboeffekte und natürliche Krankheitsschwankungen nicht sauber trennen lassen. Der Studienleiter selbst bezeichnet die Befunde als vielversprechende Signale, nicht als Beleg für Wirksamkeit oder für eine dauerhaft wiederhergestellte Immuntoleranz. Offen bleibt zudem die Sicherheit über längere Zeiträume: Lentiviren bauen ihr Erbgut fest in die Zielzelle ein, was theoretisch das Risiko unerwünschter genetischer Veränderungen birgt, und die Folgen einer über Monate reduzierten B-Zell-Zahl für die Infektabwehr müssen weiter beobachtet werden. Wie lange die Besserung anhält, ist nach sechs Monaten nicht zu beurteilen.
Nötig sind größere, kontrollierte Studien, die den Effekt gegen eine Scheinbehandlung oder gegen bestehende Therapien prüfen, sowie Nachbeobachtungen über Jahre. Parallel arbeiten andere Gruppen an einer Variante, bei der statt eines Virus Fetttröpfchen die Bauanleitung als Boten-RNA in die T-Zellen bringen; dabei bleibt der Rezeptor nur vorübergehend bestehen, was das Risiko dauerhafter Veränderungen senkt, aber möglicherweise wiederholte Gaben erfordert. Für Multiple Sklerose gilt zusätzlich eine Besonderheit: Anders als bei seltenen, schwer behandelbaren Autoimmunerkrankungen stehen hier zugelassene Medikamente zur Verfügung, sodass ein neues Verfahren sich an einem etablierten Standard messen lassen muss. Dass sich vorhandene Wirkstoffe manchmal auch für ganz andere Zwecke eignen, zeigt etwa der Befund, dass ein Osteoporose-Wirkstoff Bandscheibenschäden bremst. Eine Zulassung für den Einsatz bei Autoimmunerkrankungen gibt es bislang weder für die herkömmliche noch für die neue Variante.
New England Journal of Medicine, In Vivo CAR T Cells in Neurologic Autoimmune Diseases; doi:10.1056/NEJMc2603114