Lenacapavir

Neue Spritze schützt fast zu 100 Prozent vor HIV

 Dennis Lenz

Neue Spritze schützt fast zu 100 Prozent vor HIV
(Symbolbild) Der Wirkstoff Lenacapavir muss nur zweimal im Jahr gespritzt werden und verhinderte in Zulassungsstudien HIV-Infektionen nahezu vollständig. Nach der Zulassung läuft nun die Einführung in Ländern mit besonders vielen Neuinfektionen an. Fachleute sprechen vom größten Fortschritt im Kampf gegen das Virus seit Jahrzehnten. (Foto: © Forschung und Wissen)

Rund vier Jahrzehnte nach Beginn der Aids-Pandemie steht der HIV-Prävention ein historischer Sprung bevor. Der Wirkstoff Lenacapavir schützt mit nur zwei Injektionen pro Jahr und verhinderte Infektionen in großen Studien nahezu zu 100 Prozent. Nach dem Start nationaler Programme in mehreren afrikanischen Ländern wurden binnen weniger Monate fast 200.000 Injektionen verabreicht. Bis 2028 sollen mindestens drei Millionen Menschen die Schutzspritze erhalten.

HIV zählt trotz aller medizinischen Fortschritte weiterhin zu den größten Gesundheitsproblemen der Welt, denn jedes Jahr infizieren sich global über eine Million Menschen neu mit dem Virus. Zwar lässt sich eine Infektion heute mit Medikamenten so gut kontrollieren, dass Betroffene eine nahezu normale Lebenserwartung haben, heilbar ist sie jedoch nicht. Umso wichtiger ist die Vorbeugung, die sogenannte Präexpositionsprophylaxe, kurz PrEP. Bisher mussten gefährdete Menschen dafür täglich eine Tablette einnehmen, was in der Praxis oft scheitert, sei es durch Vergesslichkeit, fehlenden Zugang zu Medikamenten oder die Angst vor Stigmatisierung, wenn andere die Tabletten entdecken. Genau an diesen Schwachstellen setzt der neue Wirkstoff an, der den Schutz von der täglichen Disziplin entkoppelt und auf zwei Arzttermine pro Jahr reduziert.

Lenacapavir gehört zu einer neuen Medikamentenklasse, den Kapsid-Inhibitoren. Der Wirkstoff greift die Proteinhülle des Virus an, das Kapsid, und stört damit gleich mehrere Schritte seines Vermehrungszyklus. Als Depotspritze unter die Haut verabreicht, hält eine Dosis etwa sechs Monate vor. In den zulassungsrelevanten PURPOSE-Studien mit tausenden Teilnehmern zeigte das Präparat eine Wirksamkeit nahe 100 Prozent, in einer großen Studie mit über 2.000 jungen Frauen im südlichen Afrika trat in der Lenacapavir-Gruppe keine einzige Infektion auf. Die Fachwelt kürte den Wirkstoff daraufhin zum Durchbruch des Jahres, Mitte 2025 folgte die erste Zulassung zur HIV-Prävention in den USA. Der Ansatz ergänzt damit andere Präventionsstrategien, zu denen auch eine Prophylaxe gegen weitere Geschlechtskrankheiten gehört.

Wie die HIV-Schutzspritze jetzt Millionen erreicht

Seit Anfang 2026 läuft die Einführung in den am stärksten betroffenen Ländern. Erste Lieferungen erreichten neun afrikanische Staaten, darunter Kenia, Nigeria, Sambia und Simbabwe, im Juni 2026 startete Südafrika sein nationales Programm in zunächst 360 Gesundheitseinrichtungen, wie die Weltgesundheitsorganisation in einer Mitteilung würdigte. Das Land trägt mit rund acht Millionen Infizierten und etwa 160.000 Neuinfektionen pro Jahr eine der höchsten HIV-Lasten der Welt. Bis zur Internationalen Aids-Konferenz im Juli 2026 wurden in Afrika bereits fast 200.000 Injektionen verabreicht, wobei die Nachfrage das Angebot mancherorts schon übersteigt. Bemerkenswert ist, dass ein großer Teil der Empfänger zuvor nie eine Prophylaxe genutzt hatte, die Spritze also Menschen erreicht, die von Tabletten nicht erreicht wurden.

Drei Millionen Menschen bis 2028

Getragen wird die Einführung von einer internationalen Partnerschaft, in der der Hersteller Gilead den Wirkstoff für einkommensschwache Länder zum Selbstkostenpreis abgibt. Im April 2026 weiteten die Vereinigten Staaten und der Globale Fonds ihr gemeinsames Programm aus und erhöhten das Ziel auf mindestens drei Millionen erreichte Menschen bis Ende 2028, wie der Globale Fonds mitteilte. Kritiker mahnen zugleich, dass der Bedarf um ein Vielfaches höher liegt und der Listenpreis in Industrieländern von über 28.000 US-Dollar pro Jahr den Zugang begrenzt. Dennoch gilt der Wirkstoff als realistische Chance, die Zahl der Neuinfektionen erstmals drastisch zu senken, während die Forschung parallel weiter an einer Heilung arbeitet und dafür etwa die Genschere Crispr gegen HIV erprobt.

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