Mehr Diagnosen

Zahl der ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen verdreifacht

 Dennis L.

(KI Symbolbild). Wenn Diagnosen schneller steigen als die Bevölkerung, wird die Messung zur eigentlichen Schlüsselfrage. Bei ADHS treffen Klinik, Alltag und Kodierregeln aufeinander, und aus dieser Reibung entstehen Trends. Entscheidend ist, ob bessere Erkennung Versorgungslücken schließt oder ob Überdiagnosen neue Probleme schaffen. )IKnessiW dnu gnuhcsroF(Foto: © 
Auf den Punkt gebracht
  • Mehr Screening verändert die Diagnoserate in Routinedaten
  • Gute Anamnese trennt Alltagsstress von klinischer Störung
  • Therapie mit Stimulanzien braucht Indikation und Verlaufskontrolle

Wenn immer mehr Menschen eine ADHS Diagnose erhalten, stellt sich zuerst eine Messfrage: Was zählt als Fall und was bleibt unsichtbar? In Abrechnungsdaten können schon kleine Änderungen der Kriterien die Zahl der Einträge pro 10.000 Versicherte verschieben. Gleichzeitig hängt die klinische Beurteilung von standardisierten Skalen und Aufmerksamkeitstests ab, die Reaktionszeiten im Bereich von 100 ms erfassen. Welche Faktoren erklären den Trend, und wo liegen die Grenzen der Daten?

Unter dem Begriff ADHS wird eine neuroentwicklungsbezogene Störung zusammengefasst, bei der Aufmerksamkeitssteuerung, Impulskontrolle und Aktivitätsniveau über längere Zeit deutlich vom altersüblichen Bereich abweichen. Typisch sind Schwankungen der Aufmerksamkeit, eine niedrige Reizfilterschwelle und eine erschwerte Selbstorganisation, wobei die Ausprägung je nach Lebensphase und Umfeld stark variiert. Entscheidend ist die funktionelle Beeinträchtigung, also ob Schule, Ausbildung, Beruf oder soziale Beziehungen messbar leiden. Viele Symptome sind unspezifisch und kommen auch bei Schlafmangel, chronischem Stress oder Angststörungen vor, weshalb die klinische Einordnung immer Kontext braucht. Neurobiologisch werden Veränderungen in frontostriatalen Netzwerken und der dopaminergen Signalübertragung diskutiert, doch eine einzelne Messung liefert keine eindeutige Diagnose. In der Praxis geht es daher weniger um einen Laborwert als um ein konsistentes Muster über Monate, das in verschiedenen Situationen sichtbar bleibt.

Wenn in Statistiken mehr Fälle auftauchen, bedeutet das nicht automatisch, dass eine Aufmerksamkeitsstörung häufiger entsteht. Häufiger verändert sich, wie konsequent gesucht, dokumentiert und codiert wird, und genau das spiegelt eine Diagnoserate in Routinedaten wider. Eine Diagnose stützt sich meist auf strukturierte Anamnese, Fremdberichte und standardisierte Fragebögen, ergänzt durch Tests der Aufmerksamkeit, bei denen Reaktionszeiten im Bereich von wenigen 100 ms und Fehlerraten über mehrere Minuten erfasst werden. Wichtig ist die Abgrenzung zu Depression, Substanzkonsum, Schilddrüsenstörungen oder Nebenwirkungen von Medikamenten, weil ähnliche Symptome vorkommen können. Auch soziale Faktoren wie Leistungsdruck und dauernde digitale Ablenkung erhöhen den Leidensdruck und damit die Wahrscheinlichkeit, dass Patienten eine Abklärung suchen. Wie stark solche Prozesse Zahlen verschieben, wird besonders sichtbar, wenn Auswertungen von Abrechnungsdaten wie in ADHS Diagnosen zunehmend als Trendbarometer gelesen werden, obwohl sie in erster Linie Versorgung abbilden.

ADHS Diagnosen im Erwachsenenalter nehmen deutlich zu

Eine aktuelle Auswertung in Dtsch Arztebl Int 2025 Analyse 2015–2024 berichtet für Erwachsene einen starken Anstieg der Neudiagnosen über die letzten Jahre. Als Inzidenz wurden Erstdiagnosen pro 10.000 gesetzlich Versicherte gezählt, wobei Personen nur dann als neu erfasst wurden, wenn zuvor über einen definierten Zeitraum keine entsprechende Diagnose dokumentiert war. In diesem Datensatz stieg die Inzidenz von 8,6 pro 10.000 im Jahr 2015 auf 25,7 pro 10.000 im Jahr 2024, was einer Zunahme um 199 Prozent entspricht und damit einer Verdreifachung nahekommt. Auffällig ist, dass der Zuwachs in den jüngsten Jahren besonders steil wurde und sich die Verteilung zwischen Männern und Frauen annähert. Solche Muster passen zu der Annahme, dass im Erwachsenenalter viele Fälle spät erkannt werden, weil Symptome in der Kindheit kompensiert wurden oder unter anderen Diagnosen geführt wurden. Für die Interpretation ist entscheidend, dass hier nicht die Häufigkeit der Störung selbst gemessen wird, sondern die Häufigkeit der dokumentierten Diagnose im Versorgungssystem.

Abrechnungsdaten messen Versorgung, nicht Prävalenz

Abrechnungsdaten entstehen nicht für Forschung, sondern für Vergütung, und sie folgen festen Regeln der Dokumentation. Ein Code in der ICD-10 wird erst sichtbar, wenn ein Arzt ihn in einem Quartal setzt, und je nach Auswertungslogik kann eine Diagnose nur dann zählen, wenn sie in mehreren Quartalen bestätigt wird oder wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Solche Filter verringern falsch positive Einträge, sie können aber auch Fälle übersehen, die nur kurz in Behandlung sind oder die den Versorger wechseln. Zusätzlich verschieben sich Zahlen, wenn Kodierhilfen präzisiert werden, wenn Leitlinien strenger angewandt werden oder wenn sich die Schwelle für eine Abklärung ändert. Wer eine Diagnoserate interpretiert, muss außerdem bedenken, dass Wartezeiten, regionale Facharztdichte und der Zugang zu Psychotherapie die Chance erhöhen, überhaupt eine Diagnostik zu durchlaufen. Ein scheinbar einfacher Trend kann also aus einem Bündel von Messentscheidungen entstehen, das mit dem tatsächlichen Risiko in der Bevölkerung nur indirekt verknüpft ist.

Kinder und Jugendliche zeigen ein anderes Muster in Routinedaten

Bei Kindern und Jugendlichen zeichnen andere Routinedaten ein differenzierteres Bild. Eine groß angelegte Untersuchung in Scientific Reports 2018 Studie analysierte ambulante Abrechnungsdaten von rund 6.000.000 gesetzlich versicherten Kindern und Jugendlichen und nutzte den ICD-10 Code F90 zur Falldefinition. Für die Jahre 2009 bis 2016 zeigte sich in dieser Auswertung insgesamt kein ansteigender Trend der administrativen Prävalenz, obwohl die Werte regional stark schwankten und in einzelnen Regionen zwischen 1,6 Prozent und 9,7 Prozent lagen. Diskutiert wird, dass Unterschiede auch aus Versorgungsstrukturen resultieren können, etwa aus der Dichte spezialisierter Ärzte und der Wahrscheinlichkeit, dass eine Diagnose über mehrere Quartale wiederholt kodiert wird. Gerade dieser Kontrast, stabile administrative Prävalenz bei Kindern und steigende Diagnosen im Erwachsenenalter, legt nahe, dass Wahrnehmung, Zugang und Dokumentation im Verlauf des Lebens eine größere Rolle spielen können als ein abrupt verändertes biologisches Risiko.

Therapie, Stimulanzien und Diagnostik als Engpass

Mit mehr Diagnosen steigt auch der Bedarf an Behandlung, und das zeigt sich besonders im Erwachsenenalter, weil dort häufig Komorbiditäten und lange Symptomgeschichten hinzukommen. Ein zentrales Element ist die strukturierte Diagnostik mit Verlaufskontrollen, damit Therapieentscheidungen nicht allein auf Selbstberichten beruhen. Bei medikamentöser Behandlung werden oft Stimulanzien eingesetzt, darunter Methylphenidat, und das erfordert regelmäßige Kontrolle von Blutdruck und Puls in Einheiten wie mmHg und min⁻¹ sowie eine sorgfältige Prüfung von Schlaf, Substanzkonsum und kardiovaskulären Risiken. Nicht medikamentöse Verfahren wie Psychoedukation, Verhaltenstherapie und Training der Alltagsorganisation zielen auf Funktionsniveau und Rückfallprophylaxe, was in Studien häufig über standardisierte Skalen und Arbeitsleistung über Wochen gemessen wird. Parallel entstehen technische Ansätze, etwa neurofeedbackähnliche Systeme, die Aufmerksamkeitssignale erfassen, wie es auch bei Wearable Therapie diskutiert wird, wobei der Nutzen nur dann belastbar ist, wenn randomisierte Designs Erwartungseffekte sauber trennen.

Dtsch Arztebl Int, The incidence of AD(H)D spectrum disorders in adults: An analysis of nationwide claims data of the statutory health insurance system in Germany, 2015–2024; doi:10.3238/arztebl.m2025.0167
Scientific Reports, Trends and regional variations in the administrative prevalence of attention-deficit/hyperactivity disorder among children and adolescents in Germany; doi:10.1038/s41598-018-35048-5

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