Gehirnentwicklung gestört

ADHS-Diagnosen bei Kindern und Erwachsenen nehmen zu

Robert Klatt

Kind mit Aufmerksamkeitsdefizit (ADHS) )kcotS ebodAsekzif(Foto: © 

Die erhöhte Sensibilisierung von Ärzten und Patienten führt dazu, dass ADHS-Diagnosen bei Kindern und Erwachsenen deutlich zunehmen. Trotzdem ist die „Dunkelziffer“ noch immer hoch.

London (England). Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) äußert sich durch Symptome wie fehlende Aufmerksamkeit, eine hohe Impulsivität, eine geringe Selbstregulation und bei manchen Menschen zusätzlich durch eine starke körperliche Unruhe (Hyperaktivität). Die Medizin hat ADHS lange als Verhaltensproblem bezeichnet, das keinen körperlichen Ursprung hat. Inzwischen ist jedoch bekannt, dass ADHS eine neuronale Entwicklungsstörung ist, die durch eine komplexe Entwicklungsverzögerung im Selbstmanagementzentrum des Gehirns verursacht wird.

Die Krankheit wird bei Jungen etwa viermal öfter diagnostiziert als bei Mädchen. Eltern, die vermuten, dass ihre Kinder unter der neuronalen Entwicklungsstörung leiden, nutzen zur Diagnose oft einen ADHS-Test. Ärzte erklären jedoch, dass die Ergebnisse solcher Onlinetests nicht immer korrekt sind und durch Facharzt überprüft werden sollten. 

Zunahme an ADHS-Diagnosen

Laut ADHS Deutschland e. V. leiden laut aktuellen Prävalenzschätzungen etwa fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren an ADHS. Unterschiedliche Studie zeigen jedoch, dass die Anzahl der ADHS-Diagnosen sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen deutlich zunimmt.

Eine der bisher größten Studien zur Diagnose von ADHS haben Forscher des University College London (UCL) um Dr. Doug McKechnie erstellt. Laut ihrer Publikation im Fachmagazin BJPsych Open haben die Wissenschaftler Gesundheitsdaten von sieben Millionen Menschen im Alter von drei bis 99 Jahren aus den IQVIA Medical Research Datenbank aus dem Zeitraum zwischen 2000 und 2018 analysiert. Bei 35.877 Menschen (0,51 %) lag eine ADHS-Diagnose vor und 18.518 Menschen (0,26 %) nahmen verschreibungspflichtige Medikamente gegen ADHS ein.

ADHS-Häufigkeit bei Kindern und Erwachsenen

Obwohl der Anteil der Personen mit einer ADHS-Diagnose relativ gering ist, zeigen die analysierten Gesundheitsdaten deutlich, dass ADHS häufiger bei Kindern als bei Erwachsenen diagnostiziert wurde und häufiger bei Jungen und Männern als bei Mädchen und Frauen. Am höchsten war der Anteil der ADHS-Diagnosen (1,4 %) und der Einnahme von ADHS-Medikamenten (0,6 %) im Jahr 2000 bei Jungen im Alter von 10 bis 16 Jahren. Im Jahr 2018 waren die Anteile mit 3,5 Prozent bzw. 2,4 Prozent bereits deutlich höher.

„ADHS-Diagnosen und Verschreibungen für ADHS-Medikamente durch einen Hausarzt sind im Laufe der Zeit häufiger geworden. Während ADHS am wahrscheinlichsten im Kindesalter diagnostiziert wird, werden zunehmend Menschen zum ersten Mal im Erwachsenenalter diagnostiziert. Wir wissen nicht genau, warum dies geschieht, aber es könnte sein, dass ADHS besser erkannt und diagnostiziert wird.“ 

Am höchsten war der relative Anstieg der ADHS-Diagnosen aber bei Erwachsenen. Im untersuchten Zeitraum hat der Anteil der ADHS-Diagnosen bei Männern im Alter von 18 bis 29 Jahren von 0,01 Prozent auf 0,56 Prozent gestiegen.

Daten zu ADHS-Diagnosen aus Deutschland

Eine bundesweite Auswertung der Krankenkassendaten aus dem Zeitraum von 2009 bis 2014 zeigt auch für Deutschland eine ähnliche Entwicklung. Die Häufigkeit von ADHS-Diagnosen bei Menschen unter 18 Jahren ist in diesem Zeitraum von 5,0 Prozent auf 6,1 Prozent gestiegen. Am höchsten war der Anteil bei 9-jährigen Jungen (13,9 Prozent) und am geringsten bei 18- bis 69-Jährigen (0,4 %). Außerdem nahm auch in Deutschland die Verordnung von ADHS-Medikamenten bei Erwachsenen zu, während sie bei Kindern trotz der höheren Anzahl an Diagnosen abnahm.

Laut Forschern liegt die ADHS-Diagnosehäufigkeit bei Erwachsenen aber noch immer deutlich unter der Prävalenz, die in epidemiologischen Studien ermittelt wurde. Es gibt demnach noch eine hohe „Dunkelziffer“ an nicht diagnostizierten ADHS-Fällen bei Erwachsenen, die bisher trotz der erhöhten Sensibilisierung bei Patienten und Ärzten nicht erkannt wurde.

BJPsych Open, doi: 10.1192/bjo.2023.512

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