Gedächtnis

Wie man vergessene Erinnerungen wiederholt

Robert Klatt

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Auf den Punkt gebracht
  • Menschen vergessen Erinnerungen im Zeitverlauf zunehmend
  • Mit dem selektiven Abrufen lässt sich das Gedächtnis austricksen
  • Dies könnte zum Beispiel bei Zeugenbefragungen helfen

Das Gedächtnis des Menschen lässt sich austricksen. Dies könnte zum Beispiel bei Zeugenbefragungen helfen.

Regensburg (Deutschland). Das Erinnern beim Menschen folgt laut Studien einem bestimmten zeitlichen Ablauf. Bereits kurz nach dem Speichern der Informationen vergessen wir die ersten Details schon wieder. Danach flacht die Vergessenskurve merklich ab. Menschen erinnern sich an Informationen also immer schlechter, je länger diese zurückliegen. Ändern kann man dies, indem man Erinnerung auffrischt, also zum Beispiel in dem bereits gelernte Vokabeln wiederholt werden.

Das erneute Abrufen einer Information aus dem Gedächtnis verhindert demnach das zeitabhängige Vergessen. „Allerdings war unklar, ob diese Unterbrechung nur kurzlebig ist oder ob sie länger anhält und quasi die Uhr des Vergessens neu startet“, erklären Wissenschaftler der Universität Regensburg. Überdies zeigen Studien, dass das selektive Abrufen nicht nur die Erinnerung an die jeweilige Information stärkt, sondern auch an anderer Informationen, die im selben Zeitraum aufgenommen wurden.

Gedächtnistests mit 728 Probanden

Die Wissenschaftler Karl-Heinz Bäuml und Lukas Trißl haben deshalb das selektive Abrufen genauer untersucht, um herauszufinden, was dieses überraschende Phänomen auslöst. Laut ihrer Publikation im Fachmagazin PNAS führten sie dazu ein Experiment durch, bei dem 728 Probanden einen kurzen Text oder eine Liste mit 15 Wörtern auswendig lernen musste. Anschließend wurden die Probanden aus der Kontrollgruppe für einige Zeit abgelenkt, bevor die einen Gedächtnistest absolvierten. Je nach Untergruppe waren die Abstände zwischen dem Lernzeitpunkt und dem Test unterschiedlich lang.

Die andere Gruppe absolvierte zwischen dem Lernen und dem Test den Prozess des selektiven Abrufens. Sie konnten als Erinnerungshilfe die Anfangsbuchstaben von zehn der 15 Wörter sehen, die sie dann aus ihren Erinnerungen ergänzen sollten. Auch bei diesen Probanden erfolgte der Gedächtnistest mit einem Abstand zwischen 30 Minuten und drei Stunden.

Selektives Abrufen verbessert Gedächtnisleistung

Laut den Tests lässt die Erinnerung mit der Zeit bei allen Gruppen nach. Wie erwartet konnten sich die Probanden desto weniger an die Wörter erinnern, je länger das Lernen zurücklag. Es gab zwischen den Gruppen jedoch stark Unterschiede bei der Gedächtnisleistung. Probanden, die dank des selektiven Abrufens einen Teil der Wörter nochmal sehen konnten, erzielen die besten Ergebnisse. „Direkt nach dem selektiven Abrufen war die Erinnerung an die abgerufenen, aber auch die nicht abgerufenen Wörter verbessert“, erklären die Forscher

Das selektive Abrufen stärkt demnach die Gedächtnisleistung des Menschen und verzögert das Vergessen von Informationen im zeitlichen Verlauf. Kurz nach dem Zwischenabrufen waren die Erinnerung wieder so klar wie direkt nach dem Erlernen. Dieser Reset des Vergessens sorgte dafür, dass die Probanden auch nach Stunden noch eine deutlich bessere Gedächtnisleistungen erreichten als die Kontrollgruppe.

Zeitabhängiges Vergessen unterbrochen

„Dies demonstriert, dass das selektive Abrufen das zeitabhängige Vergessen unterbricht. Dieser anfängliche Erinnerungs-Booster ist mehr als nur eine kurzlebige Verbesserung des Gedächtnisses – er bewirkt einen Neustart des zeitabhängigen Vergessens für diese Information“, erklären die Autoren. Das erneute Aufrufen des Gelernten kann die Uhr des Vergessens also wieder zurücksetzen.

Dies zeigt laut den Forscher dafür, dass Gedächtnisinhalte leichter abgerufen werden können, wenn Menschen, die wiederholt aufrufen. Das Gehirn kann gespeicherte Daten besser finden, weil das wiederholte Aufrufen die Verknüpfungen, mit denen die Informationen ins Bewusstsein gerufen werden, stärkt. Bemerkbar wird dieser Effekt etwa beim ständigen Wiederholen von Vokabeln.

Nichtabgerufene Inhalte ebenfalls betroffen

Laut den Studiendaten betrifft dies nicht nur die selektiv abgerufenen Inhalte, sondern auch die übrigen Informationen, die zur gleichen Zeit erlernt wurden. Die Testpersonen konnten sich also nicht nur an die zehn Wörter, deren Anfangsbuchstaben ihnen erneut gezeigt wurden, besser erinnern, sondern auch an die übrigen Wörter, die nicht wiederholt worden sind.

Verantwortlich dafür könnte laut den Forscher ein zusätzlicher Erinnerungseffekt sein. „Vermutlich stellt selektiver Abruf den räumlich-zeitlichen Kontext, so wie er beim Einspeichern der Informationen vorlag, im Gedächtnis wieder her. Dieser reaktivierte Kontext fungiert dann als Schlüssel, um die scheinbar vergessenen Inhalte wieder zum Leben zu erwecken“, so Bäuml.

Bessere Ergebnisse bei Zeugenbefragungen

Die Studie bestätigt somit einige Alltagserfahrungen beim Lernen. Zudem liefern die Ergebnisse Hinweise darauf, wie man die Gedächtnisleistung erhöhen könnte. Es ist demnach besonders sinnvoll, kurz nach dem Lernen einen Teil der Informationen erneut abzurufen. Dadurch nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass man sich auch an die übrigen Lerninhalte später besser erinnert.

Laut den Forscher könnte dies etwa bei Zeugenbefragungen relevant sein. Um deren Ergebnisse zu verbessern, wäre es demnach sinnvoll, anfangs ein paar einfache Erinnerungen abzufragen. Die Zeugen sollen sich dadurch später besser an Details erinnern. „Die Befunde liefern damit auch eine post-hoc Rechtfertigung für die Vorgehensweise bei manchen Befragungs- und Interviewtechniken“, erklärt Bäuml.

PNAS, doi: 10.1073/pnas.2114377119

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