Gleiche Tagesenergie

Wer morgens mehr isst, hat weniger Hunger

 Dennis Lenz

Wer morgens mehr isst, hat weniger Hunger
(Symbolbild) Ein großes Frühstück kann bei einer kalorienreduzierten Ernährung den Hunger über den Tag verringern. In der Aberdeen-Studie wurde dafür Energie vom Abend auf den Morgen verlagert. Der gemessene Energieverbrauch und der Gewichtsverlust änderten sich durch diese Aufteilung nicht. Ob der ruhigere Appetit das Durchhalten über viele Monate erleichtert, muss weiter untersucht werden. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Bei 30 Erwachsenen dämpft ein großes Frühstück den Hunger über den Tag, während die tägliche Kalorienmenge beim Vergleich gleich bleibt. Gewichtsverlust und Energieverbrauch unterscheiden sich im kontrollierten Versuch nicht zwischen den Ernährungsplänen; der mögliche Vorteil liegt im leichteren Durchhalten einer Diät. Messungen im Magen und im Blut liefern Hinweise, weshalb eine üppige Morgenmahlzeit auf den Appetit nachwirken kann.

In der Big Breakfast Study haben 30 ansonsten gesunde Erwachsene mit Übergewicht oder Adipositas gegensätzlich verteilte Mahlzeiten im Alltag erprobt. Die Untersuchung aus dem Jahr 2022 entstand unter Leitung der Ernährungswissenschaftlerin Alexandra Johnstone am Rowett Institute der Universität Aberdeen, gemeinsam mit Kollegen um Jonathan Johnston in Surrey. Jeder Teilnehmer durchlief beide Ernährungspläne, deren Reihenfolge ausgelost wurde. Dieses randomisierte Crossover-Design erlaubt den Vergleich einer Person mit sich selbst und verringert damit den Einfluss individueller Unterschiede beim Stoffwechsel.

Im morgendlichen Plan entfielen auf Frühstück, Mittagessen und Abendessen 45, 35 und 20 Prozent der vorgesehenen Tagesenergie; der andere vertauschte die äußeren Anteile. Zu jeder Variante gehörten weiterhin sämtliche Hauptmahlzeiten, nur ihre Größe änderte sich entsprechend dem Versuchsplan für den jeweiligen Tagesabschnitt. Beide Diäten waren kalorienreduziert und sollten innerhalb einer Person dieselbe Energiemenge liefern, mit vergleichbaren Anteilen an Eiweiß, Kohlenhydraten und Fett. Der Versuch prüfte damit eine Umverteilung des vorhandenen Essens, kein zusätzliches Frühstück neben einer unverändert großen Mahlzeit am Abend.

Aberdeen kontrolliert auch die Reste auf dem Teller

Das Ernährungsteam stellte sämtliche Speisen und Getränke bereit und gab den Freiwilligen vorbereitete Mahlzeiten aus einem wechselnden Wochenplan mit nach Hause. Bei regelmäßigen Besuchen im Institut holten die Teilnehmer ihr Essen ab und ließen zugleich ihr Körpergewicht auf einer Waage kontrollieren. Für die Aufzeichnungen zu Hause erhielten sie eine kalibrierte Küchenwaage, mit der sie auch übrig gebliebene Portionen abwiegen sollten. Zusätzlich verzehrte Lebensmittel mussten ebenfalls ins Protokoll, damit Abweichungen vom ausgehändigten Speiseplan bei der späteren Auswertung berücksichtigt werden konnten.

Die tatsächlich verzehrte Energie lag im Tagesmittel bei 1.736 Kilokalorien mit großem Frühstück und bei 1.749 Kilokalorien mit großem Abendessen. Zwischen diesen Werten bestand kein statistisch nachweisbarer Unterschied; die persönlichen Portionen orientierten sich jeweils am zuvor gemessenen Ruheumsatz des Teilnehmers. Manche Freiwillige schafften ihre besonders großen Mahlzeiten nicht vollständig, sodass der tatsächliche Abstand zwischen den Portionsgrößen kleiner ausfiel als geplant. Gerade diese Reste machten sichtbar, wie sich die sorgfältig entworfenen Menüs beim Essen außerhalb des Instituts praktisch umsetzen ließen.

100 Millimeter Skala erfassen den Hunger im Alltag

Für die Appetitmessung markierten die Teilnehmer mit einem Stift ihre Empfindungen auf einer Skala, deren Enden gegensätzliche Zustände beschrieben. In der letzten Woche jeder Ernährungsphase geschah das an drei aufeinanderfolgenden Tagen stündlich vom Aufwachen bis zum Zubettgehen. Erfragt wurden unter anderem Hunger, Essenslust, Sättigung und die Menge, die sich jemand in diesem Moment noch zu essen vorstellen konnte. Am Labortesttag folgten die Angaben in kürzeren Abständen, sodass sich auch der Verlauf unmittelbar nach der Morgenmahlzeit genauer verfolgen ließ.

Mit dem morgendlichen Schwerpunkt lagen die durchschnittlichen Tageswerte für Hunger, Essenslust und die vorgestellte zusätzliche Essensmenge signifikant niedriger. Diese Messung beruht auf Selbstauskünften und beschreibt, wie die Teilnehmer ihren Appetit über die unterschiedlichen Stunden des Tages hinweg erlebten. Für Johnstone liegt darin ein möglicher praktischer Nutzen: Eine sättigendere Tagesaufteilung könne helfen, eine vorgegebene kalorienreduzierte Ernährung leichter einzuhalten. Ob die Freiwilligen bei völlig freier Essenswahl tatsächlich weniger gegessen hätten, wurde mit den eng vorgegebenen Menüs nicht untersucht.

Maastricht misst den Energieverbrauch mit markiertem Wasser

Den gesamten Energieverbrauch erfasste das Team mit doppelt markiertem Wasser, das die Teilnehmer tranken und dessen Spuren später in Urinproben untersucht wurden. Darin enthaltene stabile Wasserstoff- und Sauerstoffisotope lassen sich analytisch verfolgen und ermöglichen über die berechnete Kohlendioxidproduktion Rückschlüsse auf den Verbrauch. Die Proben wurden am NUTRIM-Institut in Maastricht ausgewertet, während die Freiwilligen zwischen den Untersuchungsterminen weiter ihrem normalen Alltag nachgingen. So erfasste die Methode längere Zeiträume außerhalb des Labors und beschränkte sich nicht auf die Stunden direkt nach einer Mahlzeit.

Für ergänzende Atemmessungen lagen die Probanden auf einem Bett unter einer belüfteten Haube, sollten sich möglichst wenig bewegen und wach bleiben. Aus Sauerstoffaufnahme und Kohlendioxidabgabe bestimmte das Team ihren Ruheumsatz; Beschleunigungssensoren dokumentierten zusätzlich, wie aktiv sie sich durch den Tag bewegten. Weder beim täglichen Gesamtverbrauch noch beim Ruheumsatz zeigte sich ein statistisch nachweisbarer Vorteil der morgendlichen Verteilung gegenüber der abendlichen. Nach der größeren Testmahlzeit fiel zwar der absolute Verdauungsaufwand höher aus, doch eine solche Momentaufnahme ersetzt keine Messung des ganzen Tages.

Auf der Waage verloren die Teilnehmer durchschnittlich 3,33 Kilogramm mit dem großen Frühstück und 3,38 Kilogramm mit dem großen Abendessen. Ein zusätzlicher Abnehm-Vorteil wurde damit nicht gemessen; auch die erfassten Veränderungen der Körperzusammensetzung ließen sich nicht durch die Tagesverteilung unterscheiden. Kalorien zählen morgens nicht weniger. Die Originalarbeit in Cell Metabolism liefert damit einen kontrollierten Vergleich für diese Ernährungspläne, ohne gleiche Effekte für jede denkbare Essenszeit zu beweisen.

Ein Omelett liefert Aberdeen Hinweise zur Magenentleerung

Zu den besonderen Testmahlzeiten gehörte ein Omelett mit Schinken, Käse, Pilzen und Frühlingszwiebeln, begleitet von Toast, Chutney und einem Glas Milch. Für einen Atemtest wurde eine markierte Substanz in das Omelett eingebracht, mit deren Hilfe sich die Magenentleerung abschätzen ließ. Nach dem größeren Frühstück sprach der Verlauf dafür, dass der Magen seinen Inhalt langsamer an den Darm weitergab als nach der kleineren Portion. Die berechnete Halbentleerungszeit der großen Mahlzeit lag außerhalb des Beobachtungsfensters und war deshalb eine Modellschätzung, kein vollständig beobachteter Zeitpunkt.

Auch Blutproben ergänzten das Bild: Zwei Stunden nach dem größeren Frühstück war das mit Hunger verbundene Hormon Ghrelin stärker unterdrückt. Gleichzeitig lagen unter anderem die Konzentrationen von PYY und GLP-1 höher, Botenstoffen, die an der Regulation von Sättigung beteiligt sind. Die Autoren führen einen erheblichen Teil dieser Unterschiede auf die größere Nahrungsmenge zurück, die der Körper am Morgen verarbeiten musste. Längere Magenfüllung und veränderte Hormonsignale kommen als Erklärung infrage; wie stark Portionsgröße, Tageszeit und persönliche Rhythmen beitragen, bleibt mechanistisch ungeklärt.

4 Wochen beantworten noch keine Langzeitfrage

So lange dauerte jeder Ernährungsabschnitt, wodurch mögliche Folgen über Monate oder die Stabilität eines später erreichten Körpergewichts außerhalb des Versuchs lagen. Die kleine Stichprobe bestand zudem aus gewohnheitsmäßigen Frühstückern; Menschen mit Diabetes und besonders ausgeprägten Schlafrhythmen waren durch die Auswahlkriterien ausgeschlossen. Daraus lässt sich keine allgemeine Vorgabe für Personen ableiten, die morgens bisher nichts essen oder nachts arbeiten und tagsüber schlafen. Ebenso wenig beantwortet der Vergleich Fragen zum Einfluss hochverarbeiteter Lebensmittel auf das Abnehmen, weil der Verarbeitungsgrad der Kost hier nicht gezielt verändert wurde.

Zwischen den Ernährungsphasen lag eine siebentägige Pause mit auf Gewichtserhalt ausgelegtem Essen, deren Länge die Autoren selbst als mögliche Schwäche nennen. Einflüsse der ersten Phase könnten dadurch nicht vollständig abgeklungen sein, bevor die Teilnehmer zur jeweils anderen Verteilung ihrer Mahlzeiten wechselten. Außerdem war die Portionsgröße für jeden sichtbar, sodass Erwartungen beim Ausfüllen der Appetitskalen nicht durch eine vollständige Verblindung ausgeschlossen werden konnten. Nicht gemeldete Abweichungen von den Menüs ließen sich im häuslichen Alltag ebenfalls nicht lückenlos kontrollieren, und spezielle Stoffwechseltests fanden nur nach dem Frühstück statt.

19 Teilnehmer vergleichen Eiweiß mit Ballaststoffen

Eine verwandte Arbeit im British Journal of Nutrition untersucht eine andere Frage: Welche Rolle spielt die Zusammensetzung einer Ernährung mit ausgeprägter Morgenmahlzeit? In diesem Versuch von Claire Fyfe und ihren Kollegen absolvierte jeder Teilnehmer sowohl eine eiweißreiche als auch eine ballaststoffreiche Variante. Bei beiden lag der Schwerpunkt der täglichen Energie am Morgen; verändert wurde die Zusammensetzung der gesamten Kost, nicht ausschließlich die des Frühstücks. Entsprechend ergänzt diese Untersuchung die Frage nach dem Essenszeitpunkt um die Art der Lebensmittel, ohne den früheren Vergleich zu wiederholen.

Unter der eiweißreichen Ernährung fiel der subjektive Appetit geringer aus, während die Waage bei der ballaststoffreichen Variante den größeren Gewichtsverlust anzeigte. Dort sank das Gewicht im Mittel um 4,87 Kilogramm, gegenüber 3,87 Kilogramm bei der anderen Kost, bei vergleichbarer täglicher Energieaufnahme. Unterschiede in der fettfreien Masse erschweren dabei die Deutung, wie viel des zusätzlichen Rückgangs tatsächlich auf verlorenes Körperfett entfiel. Auch dieser Versuch war klein und kurz angelegt; fast alle Teilnehmer waren Männer, was die Übertragbarkeit auf Frauen zusätzlich begrenzt.

Stuhlproben eröffneten außerdem einen Blick auf das Darmmikrobiom und die Verwertung von Nahrung, einen weiteren Aspekt der unterschiedlichen Kost. Unter ballaststoffreicher Ernährung waren die relativen Anteile von Bifidobakterien sowie der Butyrat bildenden Gattungen Faecalibacterium und Roseburia höher als unter eiweißreicher Kost. Unter eiweißreicher Kost war zudem die Vielfalt der Darmbakterien geringer, während sich ihre insgesamt nachgewiesene Menge zwischen den Ernährungsformen nicht signifikant unterschied.

Cell Metabolism, Timing of daily calorie loading affects appetite and hunger responses without changes in energy metabolism in healthy subjects with obesity; doi:10.1016/j.cmet.2022.08.001

British Journal of Nutrition, Big breakfast diet composition impacts on appetite control and gut health: a randomised weight loss trial in adults with overweight or obesity; doi:10.1017/S000711452610645X

Mit KI-Unterstützung erstellt

Keine Neuigkeit aus der Forschung verpassen

Wählen Sie Forschung und Wissen bei Google als bevorzugte Quelle oder folgen Sie uns per RSS-Feed.

 Bevorzugte Quelle bei Google  RSS-Feed
Spannend & Interessant
VGWortpixel