Human-Challenge-Analyse

Umstrittene Studie – Freiwillige absichtlich mit Corona infiziert

Robert Klatt

In London werden junge Menschen absichtlich mit SARS-CoV-2 infiziert, um neues Wissen über das Virus zu erlangen. Dies soll bei der Impfstoffentwicklung helfen.

London (England). Wissenschaftler des Royal Free Hospital in London haben heute damit begonnen junge und gesunde Probanden in einer „sicheren und kontrollierten“ Umgebung mit SARS-CoV-2 zu infizieren. Es handelt sich laut der britischen Regierung dabei um die weltweit erste Studie dieser Art. Das in der Medizin umstrittene Experiment soll dabei helfen SARS-CoV-2 besser zu verstehen.

Human-Challenge-Analysen kamen in der Vergangenheit unter anderem bei der Entwicklung von Impfstoffen gegen Malaria und Grippe zum Einsatz. Bei diesen Studien erhielten die Probanden vor der absichtlichen Infektion jedoch einen potenziellen Wirkstoff. Bei der nun stattfindenden britischen Studie wird hingegen vor der Infektion mit SARS-CoV-2, die laut den Verantwortlichen mit der geringstmöglichen Dosis an Viren erfolgt, kein Hemmstoff und auch keine Impfung verabreicht.

In einem Kommentar lehnt der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) dieses Verfahren als unethisch ab. Eine ähnliche Studie wird demnach in Deutschland sehr wahrscheinlich nicht stattfinden.

Überwachung durch Mediziner und Wissenschaftler

Insgesamt sollen im Rahmen der Studie des Royal Free Hospital 90 Menschen zwischen 18 und 30 Jahren infiziert werden. Diese erhalten dafür eine öffentlich nicht bekannte Entschädigung. Um die Gesundheit der Probanden nicht unnötig zu gefährden, werden diese permanent von Wissenschaftlern und Mediziner überwacht.

Sprecherin des Ministeriums: „Die erste Gruppe von Freiwilligen hat nun am Royal Free Hospital in London mit der Virus-Charakterisierungsstudie begonnen. Das Human-Challenge-Programm wird die Entwicklung von Impfstoffen und Behandlungen gegen Covid-19 verbessern und beschleunigen.“

Entwicklung von Impfstoffen

Die Studie soll unter anderem herausfinden, wie das Immunsystem auf das Virus reagiert und über welche Wege infizierte Personen infektiöse Partikel an ihre Umgebung abgeben. Laut der britischen Regierung wird das durch die Studie erlangte Wissen eine essenzielle Rolle für die weitere Entwicklung von Impfstoffen haben.

In Folgestudien sollen dann Probanden mit neuen Wirkstoffen geimpft und anschließend mit SARS-CoV-2 infiziert werden, um deren Wirksamkeit zu prüfen. Dies ist im Vergleich zu bisherigen Verfahren deutlich effizienter. Bisher wurden Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 dadurch getestet, dass zehntausende Personen geimpft wurden, um dann zu prüfen, ob sich aus dieser Gruppe weniger Menschen infizieren als aus einer nicht geimpften Kontrollgruppe.

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