Ein zusätzliches Schuljahr senkt das Demenzrisiko, gerade bei Menschen mit hohem genetischem Risiko. Das zeigt eine Studie im Fachjournal PNAS mit Gesundheitsdaten von mehr als 100.000 Briten. Eine Schulreform von 1972 hielt Jugendliche dort ein Jahr länger im Unterricht. Bei ihnen sank der Anteil der Demenzdiagnosen bis zum Alter von 65 Jahren um 0,88 Prozentpunkte je Schuljahr.
Ein Pflichtschuljahr mehr senkte den Anteil der Demenzdiagnosen um 0,88 Prozentpunkte. Das berichtet ein Team um die Gesundheitsökonomin Silvia Barcellos von der University of Wisconsin–Madison und der University of Southern California am 23. Oktober 2026 im Fachjournal Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS). Die Forschenden werteten die Diagnosen bis Ende 2022 aus, also bis fast 50 Jahre nach dem ersten zusätzlichen Schuljahr. Dass Menschen mit mehr Bildung seltener an Demenz erkranken, war zwar bekannt. Ob die Schule selbst dafür verantwortlich ist, blieb aber offen, denn gebildetere Menschen unterscheiden sich auch in Einkommen, Elternhaus und Lebensstil. Gefördert wurde die Arbeit von den US-Gesundheitsinstituten NIH.
Im Jahr 1972 hob Großbritannien das Mindestalter für den Schulabgang in England, Schottland und Wales von 15 auf 16 Jahre an. Die Regel galt für alle, die am oder nach dem 1. September 1957 geboren wurden. Wer nur wenige Tage früher zur Welt kam, durfte die Schule weiterhin mit 15 Jahren verlassen. Durch die Reform stieg der Anteil der Jugendlichen, die mindestens bis 16 im Unterricht blieben, um 14 Prozentpunkte.
Für die Forschenden ist diese scharfe Grenze ein Glücksfall. Menschen, die nur Tage auseinander geboren wurden, unterscheiden sich in Herkunft, Elternhaus und Lebensumständen im Durchschnitt kaum. Der einzige systematische Unterschied ist die längere Pflichtschulzeit. Zeigen sich Jahrzehnte später Unterschiede bei der Gesundheit, lassen sie sich deshalb auf die Schule zurückführen und nicht auf andere Faktoren wie Wohlstand oder Familie.
„Wir wissen seit Langem, dass Menschen mit mehr Bildung seltener an Demenz erkranken. Aber es war schwierig herauszufinden, ob die Bildung selbst dafür verantwortlich ist“, sagt Barcellos. „Mit dieser Schulreform können wir die Wirkung der Bildung von vielen anderen Faktoren trennen, in denen sich Menschen unterscheiden.“
Die Forschenden werteten die medizinischen Daten von mehr als 100.000 Teilnehmern der UK Biobank aus. Diese große britische Gesundheitsstudie begleitet seit 2006 Hunderttausende Menschen und verknüpft ihre Angaben mit Krankenhausakten und Sterberegistern. Berücksichtigt wurden Demenzdiagnosen bis Dezember 2022. Zu diesem Zeitpunkt waren die ältesten Teilnehmer aus dem ersten Reformjahrgang 65 Jahre alt.
Wichtig war dem Team, die Diagnosen aus mehreren Quellen zu erfassen: aus der eigenen Krankengeschichte der Teilnehmer, aus Klinikakten und aus Sterberegistern. Viele Umfragestudien zu Demenz haben ein Problem, weil Erkrankte häufiger aussteigen oder Fragen nicht mehr beantworten können. Die Verknüpfung mit amtlichen Registern verhindert, dass gerade die Erkrankten aus den Daten verschwinden.
Das Ergebnis: Wer nach dem Stichtag geboren war und deshalb länger zur Schule gehen musste, erhielt seltener die Diagnose Alzheimer oder eine andere Form der Demenz. Rechnet man den Effekt auf ein volles zusätzliches Schuljahr hoch, sank der Anteil der Demenzfälle um 0,88 Prozentpunkte. Das klingt nach wenig, ist aber viel, denn bis zum 65. Lebensjahr ist Demenz noch selten. In einer früheren Fassung der Studie lag der Anteil der Diagnosen im Jahrgang vor der Reform bei nur rund einem halben Prozent.
Die UK Biobank hat auch das Erbgut ihrer Teilnehmer entschlüsselt. Daraus berechneten die Forschenden für jeden Menschen einen Wert für sein angeborenes Demenzrisiko. Er berücksichtigt viele kleine Genvarianten und auch das bekannte Risikogen APOE. Dieser Wert steht bei der Zeugung fest und kann durch die Schule nicht verändert werden.
Bei Menschen aus den Jahrgängen vor der Reform hing das Demenzrisiko deutlich mit diesem Genwert zusammen. Bei den Jahrgängen nach der Reform war dieser Zusammenhang wesentlich schwächer. Die zusätzliche Schulzeit senkte die Zahl der Demenzfälle vor allem bei Menschen mit hohem genetischem Risiko. Die Autoren schließen daraus, dass das erbliche Demenzrisiko nicht unveränderlich ist und sich durch Politik und Lebensumstände beeinflussen lässt.
„Diese Ergebnisse bestätigen, dass das Demenzrisiko von Faktoren abhängt, die über die Gene hinausgehen, und dass Veränderungen wie zusätzliche Schulbildung eine ererbte Anfälligkeit ausgleichen können“, sagt Richard Hodes, Direktor des US-Instituts für Altersforschung NIA. Koautor Leandro Carvalho von der University of Southern California ergänzt: „Für Menschen, die wissen, dass sie ein höheres genetisches Demenzrisiko haben, ist das ein hoffnungsvoller Befund. Gene prägen das Krankheitsrisiko, aber sie bestimmen nicht unbedingt das Ergebnis.“
Wie genau das zusätzliche Schuljahr wirkt, kann die Studie nicht klären. Sie liefert aber Hinweise. Die Reform erhöhte später das Haushaltseinkommen der Betroffenen und senkte die Zahl der Schlaganfälle und Herzinfarkte. Mehr Bildung kann zu besseren Jobs, geistig anspruchsvollerer Arbeit, höherem Einkommen und einem gesünderen Leben führen. All das gilt als Schutz für das Gehirn.
Fachleute sprechen außerdem von einer kognitiven Reserve. Gemeint ist, dass ein Gehirn, das früh viel gelernt hat, Schäden im Alter länger ausgleichen kann, bevor Gedächtnisprobleme auffallen. Welche dieser Erklärungen den größten Anteil hat, wollen die Forschenden in weiteren Studien herausfinden.
Bildung gehört schon länger zu den bekannten Schutzfaktoren. Eine internationale Expertenkommission kam 2024 zu dem Schluss, dass fast die Hälfte aller Demenzfälle auf vermeidbare Risiken zurückgeht. Eine geringe Bildung in der Kindheit gehört dazu, ebenso Bluthochdruck, Hörverlust, Rauchen und Einsamkeit. Auch soziale Kontakte können den Beginn einer Demenz verzögern. Die neue Studie liefert nun einen der bisher stärksten Belege dafür, dass Bildung tatsächlich eine Ursache ist und nicht nur ein Begleitumstand.
Die Forschenden mahnen zur Vorsicht bei der Größe des Effekts, darauf weisen auch die US-Gesundheitsinstitute NIH in ihrer Mitteilung hin. Weil Demenz bei Menschen unter 65 Jahren noch selten ist, sind die Schätzungen ungenau. Ob der Unterschied zwischen den Jahrgängen wächst oder schrumpft, wenn die Teilnehmer älter werden und Demenz häufiger wird, muss sich erst zeigen. Die Studie soll deshalb weitergeführt werden.
„Die Botschaft liegt weniger in den konkreten Zahlen als in der Art der Verbindung zwischen Bildung und Demenz“, sagt Barcellos. „Es gibt nur wenige vorbeugende Möglichkeiten, deshalb könnte schon eine einzige einen großen Unterschied machen.“
Zudem fallen die Ergebnisse nicht überall gleich aus. Eine Untersuchung aus Schweden, die eine dortige Verlängerung der Schulpflicht in den 1930er- bis 1950er-Jahren auswertete, fand keinen Effekt auf das Demenzrisiko. Die schwedische Reform wurde allerdings über 17 Jahre hinweg Schritt für Schritt eingeführt, was den Vergleich schwieriger macht. Auch eine 2026 im Fachjournal Social Science & Medicine erschienene Auswertung der englischen Altersstudie ELSA fand für die Reform von 1972 keinen statistisch nachweisbaren Rückgang des Demenzrisikos, wohl aber Hinweise auf eine schützende Wirkung der älteren Reform von 1947. Außerdem stammen die Daten der UK Biobank überwiegend von Menschen europäischer Herkunft, die im Schnitt gesünder sind als die Gesamtbevölkerung.
In Deutschland leben nach Schätzungen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft rund 1,8 Millionen Menschen mit Demenz, und die Zahl steigt mit der alternden Bevölkerung. Da es bisher keine Heilung gibt, rückt die Vorbeugung immer stärker in den Mittelpunkt. Die neue Studie zeigt, dass Schutz nicht erst im Alter beginnt. Entscheidungen über Schule und Bildung könnten sich noch Jahrzehnte später auf die Gesundheit des Gehirns auswirken, auch bei Menschen, deren Gene gegen sie arbeiten.
University of Wisconsin–Madison, University of Southern California und University of Michigan, Proceedings of the National Academy of Sciences, Education reduces dementia incidence and mitigates genetic risk; doi:10.1073/pnas.2529506123
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