Gnitzen als Überträger

Rindervirus Shamonda infiziert in Frankreich erstmals einen Menschen

 Dennis Lenz

Rindervirus Shamonda infiziert in Frankreich erstmals einen Menschen
(Symbolbild) Das Shamonda-Virus wird von Gnitzen übertragen, blutsaugenden Mücken der Gattung Culicoides, die meist nur ein bis drei Millimeter groß werden. Seit dem Sommer 2026 breitet sich der Erreger erstmals in Europa bei Rindern, Schafen, Ziegen und Pferden aus, auch in Deutschland. In Frankreich wurde er nun erstmals bei einem stark immungeschwächten Menschen nachgewiesen. Für die Allgemeinbevölkerung sehen die Behörden derzeit kein Gesundheitsrisiko. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

In Frankreich ist das Shamonda-Virus erstmals bei einem Menschen nachgewiesen worden. Der Erreger war bisher nur als Tiervirus bekannt, das vor allem Rinder befällt und von winzigen Gnitzen übertragen wird. Der stark immungeschwächte Patient wurde in Lyon wegen einer schweren Erkrankung behandelt und ist Anfang Oktober gestorben. Ob das Virus seinen Tod verursacht oder dazu beigetragen hat, wird noch untersucht. Für die Allgemeinbevölkerung sehen die französischen Behörden derzeit kein Gesundheitsrisiko.

Die französischen Ministerien für Landwirtschaft und Gesundheit haben den Fall am Donnerstag in einer gemeinsamen Mitteilung zum ersten Nachweis des Shamonda-Virus beim Menschen bekannt gemacht. Behandelt wurde der Patient an den Hospices Civils de Lyon, dem Universitätsklinikum der Stadt. Nach Angaben der Behörden handelt es sich um die weltweit erste dokumentierte Infektion eines Menschen mit diesem Erreger. Das ist bemerkenswert, denn das Virus zirkuliert seit Jahrzehnten bei Tieren in Afrika und Asien, ohne dass dort jemals ein menschlicher Fall beschrieben wurde. Bislang galt es deshalb als nicht auf Menschen übertragbar. Die französischen Behörden haben die Weltgesundheitsorganisation WHO und das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten ECDC informiert.

Der Fall fällt in ein Jahr, in dem sich das Virus erstmals in Europa ausgebreitet hat. Seit dem Sommer 2026 wird es bei Nutztieren in zahlreichen Ländern nachgewiesen, auch in Deutschland. Die Untersuchungen in Frankreich laufen nach dem sogenannten One-Health-Ansatz, bei dem Fachleute für die Gesundheit von Menschen, Tieren und Umwelt gemeinsam ermitteln.

Was über den Fall in Lyon bekannt ist

Viele Details zum Patienten haben die Behörden nicht veröffentlicht. Bekannt ist, dass sein Immunsystem stark geschwächt war und er wegen einer schweren Grunderkrankung im Krankenhaus behandelt wurde. Vor seinem Tod traten Komplikationen im Gehirn auf. Nach den bisherigen Untersuchungen hängen diese Komplikationen sehr wahrscheinlich mit der Infektion durch das Shamonda-Virus zusammen. Ob das Virus aber tatsächlich zum Tod geführt oder ihn nur mit verursacht hat, ist nach Angaben des ECDC zum ersten menschlichen Shamonda-Fall noch offen. Ebenso ungeklärt ist, wie genau sich der Patient angesteckt hat.

Nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen gehen die Behörden davon aus, dass der Patient durch den Stich einer infizierten Gnitze im Osten Frankreichs infiziert wurde. In dieser Region hatten Tiere im Frühjahr und Sommer 2026 das Virus in sich getragen. Welche Gnitzenart beteiligt gewesen sein könnte, ist nach Angaben des ECDC noch unbekannt. Hinweise darauf, dass sich das Virus direkt von Mensch zu Mensch verbreitet, haben die Behörden nicht genannt. Die französischen Ministerien sprechen ausdrücklich von einem außergewöhnlichen Fall bei einem stark immungeschwächten Menschen.

Das Shamonda-Virus stammt ursprünglich aus Afrika

Das Shamonda-Virus gehört zur Gattung der Orthobunyaviren und dort zur sogenannten Simbu-Serogruppe. Entdeckt wurde es Mitte der 1960er Jahre in Nigeria. Später tauchte es vereinzelt bei Rindern in West-, Ost- und Südafrika sowie in Japan auf. Rinder gelten als die wichtigsten Wirte, doch auch Schafe, Ziegen und Pferde können sich anstecken. Bei den meisten erwachsenen Rindern verläuft die Infektion laut dem Friedrich-Loeffler-Institut mild bis mäßig und geht vorüber. Typisch sind Fieber, Durchfall und ein Rückgang der Milchleistung.

Gefährlicher ist das Virus für ungeborene Tiere. Infiziert sich ein trächtiges Muttertier, das noch keine Immunität besitzt, in einer empfindlichen Phase der Trächtigkeit, kann der Erreger die Plazenta passieren. Die Folge können Fehlgeburten, Totgeburten oder schwere Fehlbildungen bei Kälbern und Lämmern sein. Wie häufig das beim Shamonda-Virus vorkommt, ist noch nicht abschließend untersucht. Einen Impfstoff gegen das Virus gibt es derzeit nicht.

Eng verwandt ist das Shamonda-Virus mit dem Schmallenberg-Virus. Dieses Virus hatte das Friedrich-Loeffler-Institut im November 2011 in Blutproben von Rindern mit Fieber und verminderter Milchleistung entdeckt. Benannt wurde es nach dem Ort Schmallenberg im Sauerland, aus dem die Proben stammten. Innerhalb kurzer Zeit breitete es sich über weite Teile Europas aus und führte zu missgebildeten Lämmern und Kälbern. Beide Viren werden heute derselben Virusart zugeordnet. Für Menschen gilt das Schmallenberg-Virus als ungefährlich.

Winzige Gnitzen übertragen den Erreger

Gnitzen sind blutsaugende Mücken der Gattung Culicoides, die meist nur ein bis drei Millimeter groß werden. Viele Menschen kennen sie als lästige Plagegeister an warmen Abenden, deren Stiche heftig jucken. Die Insekten übertragen auch andere Tierseuchen, etwa die Blauzungenkrankheit bei Wiederkäuern und das Schmallenberg-Virus. Saugt eine Gnitze Blut bei einem infizierten Rind, kann sie den Erreger beim nächsten Stich an ein anderes Tier weitergeben. Eine direkte Übertragung von Tier zu Tier spielt nach bisherigem Wissen keine relevante Rolle.

Gerade die Übertragung durch so kleine Insekten macht die Bekämpfung schwierig. Gnitzen lassen sich kaum vollständig fernhalten, und klassische Bekämpfungsmaßnahmen reichen laut dem Friedrich-Loeffler-Institut nicht aus, um Infektionen sicher zu verhindern. Andererseits hängt ihre Aktivität stark vom Wetter ab. In Europa sind die meisten Arten vom Frühjahr bis in den Herbst aktiv. Mit den sinkenden Temperaturen geht die Aktivität der meisten Gnitzenarten nach Angaben des ECDC derzeit zurück. In Deutschland kann die Saison je nach Witterung bis etwa Ende November dauern, am aktivsten sind die Insekten üblicherweise zwischen Juli und Oktober.

Warum Menschen bisher verschont blieben

Viren der Simbu-Serogruppe gelten in der Regel nicht als Erreger, die von Tieren auf Menschen überspringen. Nach bisherigem Kenntnisstand stellen sie kein relevantes Infektionsrisiko für Menschen dar. Eine bekannte Ausnahme ist das Oropouche-Virus aus Süd- und Mittelamerika, das ebenfalls zu dieser Gruppe gehört, von Gnitzen übertragen wird und dort immer wieder fieberhafte Erkrankungen beim Menschen auslöst. Der Fall aus Lyon zeigt nun, dass unter besonderen Umständen auch das Shamonda-Virus einen Menschen infizieren kann. Dass zuvor in Jahrzehnten kein einziger Fall bekannt wurde, spricht dafür, dass solche Infektionen selten sind oder bei gesunden Menschen unbemerkt bleiben. Welche dieser Möglichkeiten zutrifft, lässt sich bisher nicht sagen.

Eine wichtige Rolle spielt vermutlich die Immunschwäche des Patienten. Nach Angaben des ECDC war er wegen seiner schweren Erkrankung deutlich anfälliger für Infektionen und Komplikationen als die Allgemeinbevölkerung. Ein intaktes Immunsystem kann viele Erreger früh abwehren, bevor sie sich im Körper stark vermehren. Fehlt diese Abwehr, können auch Viren, die sonst kaum Beschwerden auslösen, schwere Verläufe verursachen. Hinzu kommt, dass Zoonosen, also von Tieren auf Menschen übertragene Krankheiten, häufig zunächst als Einzelfälle auffallen. So wurde etwa auch die erste Infektion eines Menschen mit der Vogelgrippe-Variante H3N8 als einmalige Übertragung eingestuft.

Auffällig ist eine Parallele aus der Tiermedizin. Im Spätsommer 2026 hatte das Friedrich-Loeffler-Institut das Virus bei einem Pferd aus Rheinland-Pfalz nachgewiesen, das vor seinem Tod zentralnervöse Störungen zeigte. Im Gehirn des Tieres fand sich eine hohe Viruslast, was einen Zusammenhang mit den Symptomen wahrscheinlich macht. Damit unterscheidet sich das Shamonda-Virus vom Schmallenberg-Virus, bei dem solche Störungen nicht beobachtet werden.

Auch in Deutschland zirkuliert das Virus bei Tieren

In Europa fielen erste kranke Tiere ab Juni 2026 auf, Ende Juli wurde das Virus identifiziert. Inzwischen ist es laut ECDC bei Nutztieren in Belgien, Deutschland, Frankreich, Irland, Italien, Liechtenstein, Luxemburg, den Niederlanden, Österreich, Portugal, der Schweiz, Spanien und auf der Kanalinsel Jersey nachgewiesen. In Deutschland stellte das Friedrich-Loeffler-Institut das Virus Anfang August erstmals bei Rindern in Süddeutschland fest. Nachweise bei Rindern gab es unter anderem in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, dem Saarland und Sachsen, dazu bei Schafen und Ziegen, einem Alpaka und dem Pferd.

Später entdeckten die Forscher eine zweite, genetisch deutlich verschiedene Variante in Rinderproben aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen und Thüringen. Die beiden Varianten gehen demnach auf zwei unabhängige Einschleppungen zurück. Weil in Deutschland nun zusammen mit dem Schmallenberg-Virus drei verwandte Viren kursieren, halten die Fachleute es für möglich, dass sie Teile ihres Erbguts austauschen und sich so verändern. Da für das Shamonda-Virus keine Meldepflicht besteht, gibt es keine genauen Fallzahlen. Der Fall reiht sich damit in eine Entwicklung ein, bei der durch Insekten übertragene Erreger in Europa an Bedeutung gewinnen, ähnlich wie beim Chikungunyavirus, für das Europa zum Hotspot werden könnte.

Wie groß das Risiko durch das Shamonda-Virus für Menschen ist

Nach heutigem Wissen ist das Risiko für die Allgemeinbevölkerung gering. Die französischen Behörden sehen derzeit kein Gesundheitsrisiko, auch das Friedrich-Loeffler-Institut verweist darauf, dass es bislang keine weiteren Hinweise auf eine Gefährdung der Bevölkerung gibt. Der Fall in Lyon ist der einzige bekannte weltweit. Das ECDC prüft dennoch gemeinsam mit den französischen Behörden, der Europäischen Kommission und der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA, welche Bedeutung der Fall für die öffentliche Gesundheit hat. Zusammen mit dem zuständigen EU-Referenzlabor sollen die Testmöglichkeiten ausgebaut werden, damit mögliche weitere Fälle erkannt werden.

Die wichtigste offene Frage ist, ob sich Menschen schon häufiger unbemerkt angesteckt haben. In Deutschland laufen dazu laut dem Friedrich-Loeffler-Institut zum Shamonda-Virus erste Untersuchungen an, die klären sollen, ob Menschen Antikörper gegen das Virus aufweisen. Solche Antikörper würden auf eine frühere Infektion hinweisen, auch wenn sie ohne Beschwerden verlaufen ist. Bis dahin bleibt der Fall aus Lyon vor allem ein Hinweis darauf, dass ein Erreger, der lange als reines Tiervirus galt, bei stark geschwächter Abwehr auch einen Menschen erreichen kann.

Ministère de l’Agriculture et Ministère chargé de la santé, Virus Shamonda : une première détection chez l’être humain

European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC), Severely ill patient in France becomes first ever human infected with Shamonda virus

Friedrich-Loeffler-Institut, Erste Infektion mit Shamonda-Virus bei immungeschwächter Person in Frankreich

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