Belastete Trinkhalme

Papierstrohhalme geben krebsverdächtige Chemikalien ins Getränk ab

 Dennis Lenz

Papierstrohhalme geben krebsverdächtige Chemikalien ins Getränk ab
(Symbolbild) Papierstrohhalme haben nach dem EU-Einwegplastikverbot vielerorts die Kunststoffvariante ersetzt und gelten als umweltfreundliche Wahl. Damit die Halme im Getränk nicht sofort aufweichen, wird das Papier mit einem Nassverfestigungsmittel behandelt, das unerwünschte Rückstände hinterlassen kann. Amtliche Laboruntersuchungen wiesen bei einem Teil der geprüften Halme Werte oberhalb der gültigen Richtwerte nach. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen empfiehlt daher Mehrweghalme aus Glas oder Edelstahl. (Foto: © Forschung und Wissen)

Papierstrohhalme gelten als umweltfreundlicher Nachfolger des verbotenen Einwegplastiks, doch die vermeintlich harmlose Alternative steht nun im Verdacht, Schadstoffe an Getränke abzugeben. Mehrere amtliche Laboruntersuchungen aus Deutschland und der Schweiz fanden in einem Teil der geprüften Halme Rückstände oberhalb der geltenden Richtwerte. Verantwortlich ist ein Verarbeitungsschritt, der die Halme im Getränk stabil halten soll. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen hat deshalb eine Warnung ausgesprochen und empfiehlt Mehrweghalme aus Glas oder Edelstahl.

Seit dem Verbot von Einwegartikeln aus Kunststoff greifen Gastronomie, Getränkehersteller und Privathaushalte verstärkt zu Papierstrohhalmen. In der Europäischen Union dürfen Trinkhalme aus Einwegplastik seit dem Sommer 2021 nicht mehr verkauft werden, und dieses Einwegplastikverbot hat Varianten aus Papier, Pappe und Bambus zum neuen Standard gemacht. Sie gelten als nachhaltige und umweltfreundliche Lösung und begegnen dem Verbraucher heute vor allem bei Trinkpäckchen, in Cafés und in der Systemgastronomie. Rechtlich zählen solche Halme zu den Lebensmittelkontaktmaterialien, also zu Gegenständen, die im normalen Gebrauch unmittelbar mit Speisen oder Getränken in Berührung kommen. Für diese gilt der Grundsatz, dass keine Bestandteile in gesundheitlich bedenklichen Mengen auf das Lebensmittel übergehen dürfen. Genau an diesem Punkt setzen die jüngsten Untersuchungen an, denn die vermeintlich harmlose Öko-Alternative erfüllt diese Vorgabe nicht in jedem Fall.

Der Grund für die Belastung liegt in der Herstellung. Damit ein Halm aus Papier im Getränk nicht binnen Minuten aufweicht und zerfasert, muss das Material widerstandsfähig gemacht werden. Dafür kommt ein Verfahren namens Nassverfestigung zum Einsatz, bei dem dem Papier Harze auf Basis von Epichlorhydrin zugesetzt werden. Diese Nassverfestigungsmittel verleihen dem Halm die nötige Stabilität, können im Verarbeitungsprozess jedoch unerwünschte Nebenprodukte bilden. Dabei entstehen sogenannte Chlorpropanole, deren bekanntester Vertreter das 3-MCPD ist. Solche Stoffe lassen sich anschließend aus dem Papier lösen und gehen in geringen Mengen in die Flüssigkeit über, sobald der Halm längere Zeit im Getränk steht. Ob und wie stark das geschieht, hängt von der Qualität der Produktion ab und lässt sich im Labor über einen Kaltwasserextrakt messen, mit dem der Übergang der Stoffe in Wasser nachgestellt wird.

Wie Chlorpropanole in Papierstrohhalme gelangen

Chlorpropanole sind chemische Verbindungen, die als Verunreinigung in epichlorhydrinbasierten Harzen auftreten können. Der prominenteste Vertreter, das 3-Monochlorpropandiol oder kurz 3-MCPD, wurde bereits vor Jahren in ganz anderen Zusammenhängen bekannt, etwa als Kontaminante in raffinierten Pflanzenfetten. In Papierstrohhalmen entsteht es indirekt, denn das zur Nassverfestigung genutzte Harz bringt die problematischen Ausgangsstoffe mit, aus denen sich unter bestimmten Bedingungen die Chlorpropanole abspalten. Die Internationale Agentur für Krebsforschung stuft zwei dieser Verbindungen als möglicherweise beziehungsweise wahrscheinlich krebserregend ein, weshalb sie in Lebensmittelkontaktmaterialien so gering wie technisch machbar gehalten werden sollen. Da für Papier und Pappe auf europäischer Ebene bislang keine eigenen, materialspezifischen Grenzwerte existieren, greifen Fachleute auf die Empfehlung XXXVI des Bundesinstituts für Risikobewertung zurück. Diese sieht für 3-MCPD im Kaltwasserextrakt einen Richtwert von zwölf Mikrogramm pro Liter vor, der nicht überschritten werden soll.

Das ergaben die Laboruntersuchungen aus Stuttgart und der Schweiz

Wie häufig der Richtwert tatsächlich gerissen wird, zeigen mehrere behördliche Analysen. Das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart prüfte dreizehn verschiedene Papiertrinkhalme aus Supermärkten und dem Gastronomiehandel, und in sechs davon lagen die Werte für Chlorpropanole zum Teil deutlich über der Empfehlung des Bundesinstituts für Risikobewertung, wie das Amt in seiner ausführlichen Untersuchung zu Papiertrinkhalmen dokumentierte. Ein kantonales Untersuchungslabor in der Schweiz kam zu einem ähnlichen Bild, denn von fünfzehn getesteten Halmen veränderte die Hälfte den Geschmack des Getränks, acht gaben Chlorpropanole oberhalb des Richtwerts ab, und insgesamt wurden mehr als achtzig Prozent der Proben wegen Geschmacksbeeinträchtigung oder Schadstofffreisetzung beanstandet. Auffällig war, dass die am stärksten belasteten Papptrinkhalme aus asiatischer Produktion stammten. Eine gemeinsame Erhebung mehrerer europäischer Verbraucherverbände bestätigte, dass ein Teil der geprüften Halme die kritischen Verbindungen in bedenklicher Menge enthielt.

Warum die Verbraucherzentrale NRW jetzt warnt

Auslöser der aktuellen Debatte ist eine Verbrauchermeldung. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen weist erneut darauf hin, dass Papiertrinkhalme häufig Schadstoffe an Getränke abgeben, und stützt sich dabei auf die vorliegenden Laboranalysen. In ihrer Einschätzung zu Schadstoffen in Papptrinkhalmen kritisieren die Verbraucherschützer vor allem die Regelungslücke bei Papierverpackungen. Weil für Lebensmittelkontaktmaterialien aus Papier und Pappe anders als für Kunststoff keine materialspezifischen Vorgaben gelten, fielen solche Produkte bei Kontrollen immer wieder durch Belastungen mit Chlorpropanolen, Mineralölen, Druckfarbenbestandteilen oder Fluorchemikalien auf. Die zuständige Fachreferentin fordert deshalb, dass Papier und Pappe im Lebensmittelkontakt sicherer werden müssen. Als praktische Konsequenz empfiehlt die Stelle, auf Mehrweghalme aus Glas oder Edelstahl umzusteigen. Die Verbraucherzentrale NRW gibt zudem zu bedenken, dass Trinkhalme im Alltag ohnehin in vielen Situationen verzichtbar sind.

Besonders Kinder nehmen die Stoffe verstärkt auf

Ein Aspekt macht die Befunde besonders heikel, denn Papierhalme stecken häufig in Trinkpäckchen und Getränken, die sich gezielt an Kinder richten. Weil Kinder im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht mehr trinken und essen als Erwachsene, nehmen sie potenziell schädliche Stoffe in einer relativ höheren Dosis auf. Genau diese Gruppe steht in der Umweltmedizin ohnehin im Fokus, denn Untersuchungen zur Schadstoffbelastung im Blut von Kindern zeigen, dass viele Heranwachsende bereits messbare Mengen verschiedener Industriechemikalien in sich tragen. Jede zusätzliche, technisch vermeidbare Quelle trägt zu dieser Gesamtbelastung bei. Das erklärt, warum Verbraucherschützer gerade bei Produkten für Kinder besonders genau hinsehen und weshalb eine einzelne, für sich genommen niedrige Belastung im Zusammenspiel mit der übrigen Aufnahme kritisch bewertet wird.

Neben den Chlorpropanolen geraten die Halme wegen einer zweiten Stoffgruppe in die Kritik. Belgische Forscher der Universität Antwerpen untersuchten neununddreißig Trinkhalme aus Papier, Bambus, Glas, Edelstahl und Kunststoff auf per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen, die wegen ihrer extremen Langlebigkeit als Ewigkeitschemikalien bezeichnet werden. In rund neunzig Prozent der Papierhalme und achtzig Prozent der Bambusvarianten fanden sich Rückstände dieser Verbindungen, wie die bereits dokumentierten PFAS-Funde in Papier- und Bambusstrohhalmen zeigen. Für die aktuelle Warnung stehen jedoch die Chlorpropanole im Vordergrund, weil sie unmittelbar mit dem Herstellungsverfahren der Papierhalme zusammenhängen und in mehreren amtlichen Prüfungen den geltenden Richtwert überschritten. Beide Befunde führen zum selben Schluss, dass das natürliche Ausgangsmaterial allein ein Produkt noch nicht unbedenklich macht.

Wie sich das Risiko im Alltag einordnen lässt

Trotz der klaren Befunde ist Panik nicht angebracht. Das Bundesinstitut für Risikobewertung betont, dass bei regelkonformer Herstellung nach derzeitigem wissenschaftlichem Kenntnisstand keine gesundheitlichen Bedenken bestehen, solange die Richtwerte eingehalten werden. Zudem deuten neuere Daten auf eine Verbesserung hin, denn in einer breiter angelegten Untersuchung von mehr als hundert Papierproben aus unterschiedlichen Produktgruppen fielen nur noch wenige Muster auf, was die untersuchenden Ämter als Erfolg der wiederholten Kontrollen werten. Auch ein aktueller Warentest mehrerer Marken fand die kritischen Chlorpropanole in den geprüften Papierstrohhalmen nicht mehr, während zehn Produkte gänzlich ohne unerwünschte Stoffe blieben. Die Belastung betrifft also längst nicht jeden Halm, sondern vor allem minderwertige Importware. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, greift zu Mehrweghalmen aus Glas oder Edelstahl oder verzichtet im Zweifel ganz auf den Halm, da die Schadstoffe technisch vermeidbar sind und keinen funktionalen Nutzen bringen.

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