Zeitumstellung

Ohne Zeitumstellung gäbe es 300.000 Schlaganfallpatienten weniger

 Dennis Lenz

Ohne Zeitumstellung gäbe es 300.000 Schlaganfallpatienten weniger
(Symbolbild, KI-generiert) Ein Mann fasst sich vor einem Bürogebäude an die Brust und muss sich abstützen, eine Kollegin eilt mit dem Handy am Ohr herbei. Laut einer US-Modellrechnung gäbe es mit dauerhafter Winterzeit weniger Schlaganfallpatienten, Herzinfarkte häufen sich laut 157 Studien nur nach der Zeitumstellung im Frühjahr. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Heute Nacht werden die Uhren von 3 auf 2 Uhr zurückgestellt. Laut einer Modellrechnung der Stanford University in den Proceedings of the National Academy of Sciences gäbe es in den USA mit dauerhafter Winterzeit rund 300.000 Schlaganfallpatienten weniger. Eine Auswertung von 157 Studien unter Federführung der Uniklinik Köln ordnet die Umstellung heute Nacht ein: Herzinfarkte nehmen nur nach dem Vorstellen der Uhren im Frühjahr zu, nach dem Zurückstellen im Herbst schlafen die Menschen kurzfristig sogar länger.

Die Zahl stammt von Lara Weed und Jamie Zeitzer vom Stanford Center for Sleep and Circadian Sciences. In ihrem Modell für die USA sinkt unter dauerhafter Normalzeit, also der Winterzeit, der Anteil der Menschen, die schon einmal einen Schlaganfall hatten, um 0,09 Prozentpunkte. Das entspricht 306.988 Menschen, die Spanne der Schätzung reicht von 149.294 bis 467.229. Auch dauerhafte Sommerzeit schneidet im Modell besser ab als das ständige Umstellen, mit 220.092 Schlaganfallpatienten weniger aber nicht so gut wie die Winterzeit. Am 27. April 2026 hat die Fachzeitschrift allerdings eine Korrektur zu der Studie veröffentlicht, weil das Lichtmodell einen Fehler enthielt, und andere Forscher bezweifeln die Ergebnisse. Die 300.000 sind deshalb ein Hinweis aus einem Rechenmodell, kein Beleg.

Wie die Stanford-Forscher auf 300.000 Schlaganfallpatienten kommen

Weed und Zeitzer gehen davon aus, dass der ständige Wechsel die innere Uhr übers Jahr stärker belastet als jede feste Zeit. Am wenigsten belastet wäre sie demnach mit der dauerhaften Winterzeit, weil es dann im Winter morgens früher hell wird.

Für ihre Studie in den Proceedings of the National Academy of Sciences simulierten die Stanford-Forscher für jeden Landkreis der USA, wie stark die innere Uhr unter dauerhafter Winterzeit, dauerhafter Sommerzeit und dem heutigen Wechsel übers Jahr verschoben würde. Diese Belastung verknüpften sie mit Gesundheitsdaten der US-Behörde CDC. Unter dauerhafter Winterzeit sinkt im Modell der Anteil der Menschen mit Adipositas um 0,78 Prozentpunkte, das wären rund 2,6 Millionen Betroffene weniger. Beim Schlaganfall ergeben sich die genannten 0,09 Prozentpunkte oder 306.988 Menschen.

Diese Zahlen sind keine verhinderten Schlaganfälle pro Jahr. Sie beschreiben, wie viele Menschen in den USA unter idealisierten Lichtbedingungen weniger von der Erkrankung betroffen wären. Bei Krebs, Diabetes, Depression und Herzkrankheiten fand das Modell keine signifikanten Unterschiede. Auf Deutschland lassen sich die Werte nicht direkt übertragen, weil Lage in der Zeitzone, Breitengrad und Lebensgewohnheiten andere sind.

Wie belastbar die Zahl nach der Korrektur ist

Am 27. April 2026 veröffentlichte die Fachzeitschrift eine Korrektur. Im ursprünglichen Programm fehlte eine Bedingung für den Sonnenstand, sodass das Modell auch nach Sonnenuntergang noch Tageslicht berechnete. Der Fehler betraf alle Modelle und alle Zeitszenarien, Programmcode und Datensatz wurden berichtigt. Neue Ergebnisse nennt die Korrekturnotiz allerdings nicht, in der Zusammenfassung der Studie stehen weiterhin die alten Werte. Ob die 300.000 nach der Korrektur noch genau so gelten, lässt sich daher nicht sicher sagen.

Hinzu kommt Kritik von außen. In Leserbriefen in derselben Zeitschrift bezweifelten Thomas Erren, Philip Lewis und Peter Morfeld aus Köln sowie die spanischen Physiker José María Martín-Olalla und Jorge Mira, dass sich aus Daten ganzer Landkreise und aus winzigen Verschiebungen der inneren Uhr solche Gesundheitsfolgen ableiten lassen, die Stanford-Forscher haben darauf geantwortet. Im August 2026 legten Martín-Olalla und Mira nach: In einer noch nicht begutachteten Analyse berichten sie, ein Vorzeichenfehler im Programmcode habe Ost und West innerhalb der Zeitzonen vertauscht. Damit seien die Schlussfolgerungen der Studie derzeit nicht gestützt. Eine Stellungnahme der Stanford-Forscher dazu haben wir nicht gefunden.

Was 157 Studien über die Zeitumstellung zeigen

Mit den kurzfristigen Folgen der Umstellung selbst befasst sich eine Übersicht aus Köln. Ein internationales Team um Philip Lewis und Thomas Erren vom Institut für Arbeitsmedizin, Umweltmedizin und Präventionsforschung der Uniklinik Köln wertete dafür im European Journal of Epidemiology Studien an Menschen aus, die es in fünf großen Literaturdatenbanken bis Juni 2025 gefunden hatte. Ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkte und tödliche Verkehrsunfälle zeigte sich nur nach der Umstellung auf die Sommerzeit im März. Nach dem Zurückstellen der Uhren im Herbst, wie es in der Nacht zum 25. Oktober ansteht, fanden die Forscher dagegen eine kurzfristig längere Schlafdauer. Die verbreitete Darstellung, Zeitumstellungen seien durchweg schädlich, wird von den Daten laut den Autoren nicht gestützt.

Etwa jede fünfte der 157 Studien stuften die Forscher als hochwertig ein. Wegen der sehr unterschiedlichen Methoden fassten die Autoren die Ergebnisse Bereich für Bereich zusammen, ohne Gesamtzahl.

Warum die Zeitumstellung im Herbst anders wirkt als im Frühjahr

Im März wird die Uhr eine Stunde vorgestellt. Wer zur gewohnten Uhrzeit aufstehen muss, verliert in dieser Nacht eine Stunde Schlaf, und morgens ist es plötzlich wieder dunkler. Im Oktober passiert das Gegenteil: Die Nacht ist eine Stunde länger, der Wecker klingelt für den Körper gefühlt eine Stunde später, und morgens wird es früher hell. Eine Verlängerung der Nacht fällt den meisten Menschen aber leichter als eine Verkürzung.

Die längere Schlafdauer nach der Herbstumstellung stützt sich in der Kölner Übersicht auf mehrere Studien, der Rückgang der Arbeitsunfälle auf eine hochwertige Studie aus Italien und die geringere Gesamtsterblichkeit auf eine hochwertige Studie aus den USA. Ganz ohne Schattenseite ist auch der Herbst nicht. Nach dem Zurückstellen der Uhren nahmen in mehreren Studien Raubüberfälle und Körperverletzungen zu, vermutlich weil es abends früher dunkel wird. Nach der Frühjahrsumstellung war es umgekehrt.

Herzinfarkte und tödliche Unfälle häufen sich nur nach der Frühjahrsumstellung

Am besten belegt ist ein leicht erhöhtes Herzinfarktrisiko nach der Umstellung auf die Sommerzeit. Eine Metaanalyse der Kölner Gruppe im Deutschen Ärzteblatt fasste zwölf Studien aus zehn Ländern zusammen. Nach der Umstellung im Frühjahr lag das relative Risiko für einen akuten Herzinfarkt bei 1,04, also rund vier Prozent höher als zu Vergleichszeiten. Nach der Umstellung im Herbst lag es bei 1,02 und nach Ausschluss einer widersprüchlichen Studie bei 1,00, also ohne messbaren Unterschied. Eine sehr große Registerstudie mit 168.870 Herzinfarktpatienten aus 1.124 US-Kliniken, 2025 in JAMA Network Open erschienen, fand allerdings auch im Frühjahr keine signifikante Häufung.

Ähnlich sieht es bei Verkehrsunfällen aus. Forscher der University of Colorado Boulder um Josef Fritz und Céline Vetter analysierten in Current Biology 732.835 tödliche Verkehrsunfälle aus allen US-Bundesstaaten der Jahre 1996 bis 2017. In der Woche nach der Frühjahrsumstellung stieg das Risiko tödlicher Unfälle um sechs Prozent, das entspricht rund 28 zusätzlichen tödlichen Unfällen pro Jahr. Für das Zurückstellen der Uhren im Herbst fanden die Forscher keinen Effekt auf das Unfallrisiko.

Weniger Todesfälle nach dem Zurückstellen der Uhren

Den überraschendsten Befund liefert eine Zeitreihenanalyse in BMJ Medicine. Ein Team um Shi Zhao von der Tianjin Medical University und Francesca Dominici von der Harvard School of Public Health wertete 13.912.837 Todesfälle in den USA aus den Jahren 2015 bis 2019 aus. Nach der Umstellung im Frühjahr fanden die Forscher keine Veränderung der Gesamtsterblichkeit. In den acht Wochen nach der Rückkehr zur Normalzeit im Herbst lag die Sterberate dagegen um 2,6 Prozent niedriger als in den Vergleichszeiträumen, am deutlichsten bei Menschen ab 75 Jahren.

Warum das so ist, bleibt offen. Die Kölner Forscher halten einen Zusammenhang mit dem zusätzlichen Schlaf für denkbar, betonen aber, dass es sich um eine einzelne Beobachtungsstudie handelt, die einen statistischen Zusammenhang zeigt und keinen Beweis für eine Ursache.

Warum Schlafforscher die Winterzeit dauerhaft behalten wollen

Fiele das Umstellen ganz weg, stellt sich die Frage nach der besseren Zeit. Hier sind sich die großen Fachgesellschaften für Schlafmedizin und Chronobiologie in den USA und Europa weitgehend einig und empfehlen die dauerhafte Normalzeit, also die Winterzeit, die jetzt beginnt. Der Grund ist das Morgenlicht. Es stellt die innere Uhr jeden Tag neu, und mit dauerhafter Sommerzeit bliebe es im Winter morgens eine Stunde länger dunkel. Dass Tageslicht weit über den Schlaf hinaus mit der Gesundheit zusammenhängt, zeigen auch andere Untersuchungen.

Eine Analyse von Forschern aus British Columbia um Raymond Lam und Ralph Mistlberger, Anfang Oktober 2026 im Canadian Medical Association Journal erschienen, kommt für Kanada zum selben Schluss. Dauerhafte Sommerzeit würde die Dunkelheit an Wintermorgen verlängern, mit Nachteilen besonders für Jugendliche und Menschen mit Winterdepression. Wer abends länger wach bleibt und morgens trotzdem früh aufstehen muss, leidet unter dem sogenannten sozialen Jetlag, einem chronischen Schlafdefizit, das sich nach Studien auch nicht einfach am Wochenende ausgleichen lässt.

Was in der Woche nach der Zeitumstellung hilft

Für die meisten gesunden Menschen ist die Umstellung im Herbst nach den vorliegenden Daten kein Grund zur Sorge, die zusätzliche Stunde bedeutet für viele schlicht mehr Schlaf. Wer empfindlich reagiert, hilft der inneren Uhr am besten mit Licht am Morgen, etwa einem kurzen Weg im Freien nach dem Aufstehen. Hilfreich sind außerdem gleichbleibende Aufstehzeiten auch am Wochenende. Die Kölner Forscher schlagen für besonders gefährdete Menschen vor, Schlaf, Mahlzeiten und gegebenenfalls Medikamente schon einige Tage vorher schrittweise zu verschieben, bei Medikamenten nur nach ärztlicher Rücksprache. Weil es abends nun früher dunkel wird, lohnt sich in den ersten Wochen auch mehr Aufmerksamkeit im Straßenverkehr.

Wie es mit der Zeitumstellung in der EU weitergeht

Abgeschafft wird die Zeitumstellung so bald nicht. Die EU-Kommission hatte im September 2018 vorgeschlagen, das Umstellen zu beenden, nachdem sich in einer Umfrage mehr als 80 Prozent der 4,6 Millionen Teilnehmer dafür ausgesprochen hatten. Das Europäische Parlament stimmte im März 2019 zu, doch im Rat der Mitgliedstaaten gibt es bis heute keine gemeinsame Position, vor allem weil offen ist, ob dauerhaft Sommer- oder Winterzeit gelten soll. Seit Februar 2026 lässt die Kommission deshalb in einer Studie zehn Szenarien untersuchen. Ergebnisse werden bis Ende 2026 erwartet und sollen 2027 den Mitgliedstaaten vorgestellt werden. Die nächste Umstellung auf Sommerzeit folgt am 28. März 2027.

Das ursprüngliche Ziel der Sommerzeit, Energie zu sparen, spielt in der wissenschaftlichen Debatte kaum noch eine Rolle. Bis dahin bleibt es dabei: Die Nacht zum Sonntag ist eine Stunde länger.

European Journal of Epidemiology, A systematic review of epidemiological studies into daylight-saving time & health identifying beneficial & adverse effects; doi:10.1007/s10654-026-01372-8

Proceedings of the National Academy of Sciences, Circadian-informed modeling predicts regional variation in obesity and stroke outcomes under different permanent US time policies; doi:10.1073/pnas.2508293122

BMJ Medicine, All cause and cause specific mortality associated with transition to daylight saving time in US: nationwide, time series, observational study; doi:10.1136/bmjmed-2023-000771

Mit KI-Unterstützung erstellt

Keine Neuigkeit aus der Forschung verpassen

Wählen Sie Forschung und Wissen bei Google als bevorzugte Quelle oder folgen Sie uns per RSS-Feed.

 Bevorzugte Quelle bei Google  RSS-Feed
Spannend & Interessant
VGWortpixel