Cholesterinsenker gehören zu den meistverordneten Medikamenten der Welt, doch ein erheblicher Teil der Behandelten klagt über Muskelschmerzen, Schwäche und rasche Erschöpfung beim Sport. Je nach Untersuchung sind zwischen sieben und 29 Prozent betroffen. Ein Team der McMaster University hat nun einen Weg beschrieben, auf dem Statine den Muskel schädigen, und dieser Weg führt nicht über die Muskelfaser allein. Beteiligt ist ein Alarmsystem, das der Körper sonst gegen Bakterien und Viren einsetzt.
Statine hemmen ein Enzym, das am Anfang der körpereigenen Cholesterinherstellung steht. Die Leber reagiert darauf, indem sie mehr Cholesterin aus dem Blut aufnimmt, wodurch der Wert des sogenannten LDL-Cholesterins sinkt. Der Nutzen dieser Wirkung ist in großen Studien belegt, Herzinfarkte und Schlaganfälle treten seltener auf. Der Stoffwechselweg, der dabei gedrosselt wird, liefert allerdings nicht nur Cholesterin. Aus derselben Kette stammen auch kurze fettartige Anhängsel, mit denen Zellen bestimmte Signalproteine an ihrer Innenmembran verankern. Fachleute sprechen von Prenylierung. Fehlen diese Anker, verlieren die betroffenen Proteine ihren Platz und damit ihre Aufgabe. Genau an dieser Stelle setzt die neue Arbeit an, denn sie verfolgt nicht die Cholesterinwirkung, sondern die Nebenwirkungen dieses zweiten, weniger beachteten Astes im Stoffwechsel.
Die Beschwerden selbst sind seit Jahrzehnten bekannt und werden unter dem Begriff Statin-Intoleranz zusammengefasst. Sie reichen von Ziehen in den Oberschenkeln über Kraftverlust bis zu deutlich verringerter Belastbarkeit. Umstritten war stets, welcher Anteil davon tatsächlich auf den Wirkstoff zurückgeht. Eine Übersicht über 23 randomisierte Studien kam Anfang 2026 zu dem Schluss, dass der weit überwiegende Teil der berichteten Beschwerden auch unter Scheinmedikamenten auftritt. Dass Medikamente dennoch reale und lange übersehene Nebenwirkungen haben können, zeigt sich derzeit an anderer Stelle, etwa wenn Auswertungen von Krankenakten offenlegen, dass Abnehmspritzen das Risiko für Haarausfall verschieben, weshalb die Suche nach einem klaren biologischen Mechanismus so wichtig ist.
Die Arbeitsgruppe untersuchte isolierte Muskelzellen und Mausmodelle und verfolgte, was in der Zelle geschieht, wenn die Prenylierung nachlässt. Ohne ihre Membrananker geraten mehrere Steuerproteine aus dem Takt, darunter der Regulator YAP, der über Wachstum und Erhalt des Gewebes mitentscheidet. Die Zelle stellt daraufhin ihren Energiestoffwechsel um. Diese Umstellung wiederum wird von der Zelle selbst als Gefahrensignal gelesen. Sie aktiviert das sogenannte NLRP3-Inflammasom, einen Eiweißkomplex des angeborenen Immunsystems, der normalerweise auf Krankheitserreger oder Zelltrümmer reagiert und eine Entzündung in Gang setzt. Damit entzündet sich die Muskelfaser gewissermaßen selbst. Wie die Mitteilung der McMaster University beschreibt, widerspricht dieser Ablauf der bisherigen Vorstellung eines rein energetischen Schadens.
Entscheidend für die weitere Verwendung des Befunds ist ein Zwischenschritt aus den Versuchen. Wurde der Immunweg gezielt blockiert, blieb der Muskelschaden aus, während die Wirkung auf den Cholesterinstoffwechsel unangetastet blieb. Beide Effekte lassen sich also voneinander trennen. Das erklärt zugleich, warum die Beschwerden so ungleich verteilt sind, denn wie stark ein Inflammasom anspringt, unterscheidet sich zwischen Menschen erheblich und hängt von Alter, Vorerkrankungen und genetischem Hintergrund ab. Ähnlich große individuelle Unterschiede zeigen sich auch in anderen Bereichen der Medizin, etwa bei der Frage, warum manche starke Raucher trotz jahrzehntelangem Konsum tumorfrei bleiben, wo ebenfalls der genetische Hintergrund über die Reaktion auf eine Belastung entscheidet.
Eine Therapie ergibt sich daraus vorerst nicht. Die Ergebnisse stammen aus Zellkulturen und Tierversuchen, und der Nachweis am Menschen steht aus. Die Arbeit benennt jedoch mehrere konkrete Angriffspunkte für künftige Wirkstoffe, die den Entzündungsweg dämpfen, ohne die schützende Wirkung auf das Herz-Kreislauf-System zu beeinträchtigen. Parallel dazu hatte eine kanadische Arbeitsgruppe Anfang 2026 einen zweiten Mechanismus beschrieben, bei dem sich Moleküle eines verbreiteten Wirkstoffs an einen Kalziumkanal der Muskelzellen anlagern und diesen dauerhaft öffnen. Beide Befunde schließen einander nicht aus und könnten unterschiedliche Beschwerdebilder erklären. Nachzulesen sind die aktuellen Ergebnisse in der Veröffentlichung in Science Advances, die den Weg über Prenylierung und Entzündung im Detail dokumentiert.
Science Advances, Statins promote muscle metabolic danger and NLRP3-mediated myopathy via lower protein-prenylation and YAP; doi:10.1126/sciadv.adz3612