Wer im Schlaf viel Zeit in der Traumphase verbringt, erkrankt in den folgenden Jahren offenbar seltener an einer ganzen Reihe von Leiden. Eine Auswertung von 95.559 Menschen verbindet mehr Traumschlaf mit einem geringeren Risiko für 83 Krankheiten aus zwölf Krankheitsgruppen. Die Daten stammen nicht aus dem Schlaflabor, sondern von Bewegungssensoren, die die Teilnehmer eine Woche lang am Handgelenk trugen. Wie belastbar der Zusammenhang ist und welche Erkrankungen besonders auffallen, zeigt ein genauer Blick in die Studie.
Der menschliche Schlaf verläuft nicht gleichförmig, sondern in wiederkehrenden Zyklen, in denen sich verschiedene Schlafphasen abwechseln. Auf den leichten Schlaf folgt der Tiefschlaf, in dem das Gehirn langsame, kräftige Wellen erzeugt und der Körper nur schwer zu wecken ist. Danach setzt der Traumschlaf ein, den Mediziner als REM-Schlaf bezeichnen. Die Abkürzung steht für Rapid Eye Movement, also schnelle Augenbewegungen, die unter den geschlossenen Lidern auftreten. In dieser Phase ist das Gehirn fast so aktiv wie im Wachzustand, die Skelettmuskulatur dagegen weitgehend erschlafft, und die meisten lebhaften Träume entstehen hier. Im Laufe einer Nacht werden die Abschnitte mit Traumschlaf in der Regel länger, weshalb ein großer Teil davon in den frühen Morgenstunden liegt. In der nun ausgewerteten Studie verbrachten die Teilnehmer im Mittel knapp 82 Minuten pro Tag im REM-Schlaf, rund 103 Minuten im Tiefschlaf und gut drei Stunden im Leichtschlaf.
Die Untersuchung stammt von einem Team um den Epidemiologen Shengzhi Sun von der Capital Medical University in Peking, an der auch Forscher der Peking University beteiligt waren. Grundlage ist die UK Biobank, eine britische Langzeitstudie, für die zwischen 2006 und 2010 mehr als 500.000 Menschen im Alter von 40 bis 69 Jahren rekrutiert wurden. Ein Teil von ihnen trug zwischen 2013 und 2015 sieben Tage und Nächte lang einen Bewegungssensor am Handgelenk. Für 95.559 Personen lagen verwertbare Daten vor, ihr Durchschnittsalter betrug 56 Jahre. Die Forscher verfolgten, welche Diagnosen diese Menschen in den folgenden Jahren bei Krankenhausaufenthalten erhielten, im Mittel über 8,9 Jahre bis April 2024. Insgesamt prüften sie 1.049 Krankheitsbilder auf einen Zusammenhang mit Schlafphasen, Schlafdauer, nächtlichem Wachliegen und der Regelmäßigkeit des Schlafs. Die Ergebnisse erschienen am 17. September 2026 in der Fachzeitschrift PLOS Medicine.
Der auffälligste Befund betrifft den Traumschlaf. Die Forscher verglichen Menschen, deren REM-Schlaf im unteren Viertel der Verteilung lag, mit Menschen aus dem oberen Viertel, was einem Unterschied von 47,6 Minuten entspricht. Mehr Traumschlaf ging dabei mit einem geringeren Risiko für 83 Erkrankungen aus zwölf verschiedenen Krankheitsgruppen einher. Um Zufallstreffer bei mehr als tausend gleichzeitig geprüften Krankheiten auszuschließen, wendeten die Autoren eine besonders strenge statistische Korrektur an, und alle 83 Zusammenhänge hielten dieser Prüfung stand. Die stärksten Unterschiede zeigten sich bei Erkrankungen des Nervensystems. Das Risiko für ein Parkinson-Syndrom lag bei mehr Traumschlaf um rund 80 Prozent niedriger, das für Multiple Sklerose um etwa die Hälfte und das für Demenzerkrankungen um 46 Prozent. Bei der Alzheimer-Krankheit betrug der Unterschied 31 Prozent. In der Studie in PLOS Medicine zu Schlafphasen und Krankheitsrisiko sind sämtliche Zusammenhänge mit ihren Unsicherheitsbereichen aufgeführt.
Auch beim Herz-Kreislauf-System fanden sich deutliche Muster. Menschen mit mehr REM-Schlaf erkrankten um 26 Prozent seltener an einer Herzschwäche, um 17 Prozent seltener an Vorhofflimmern und um 13 Prozent seltener an einer koronaren Herzkrankheit, bei der verengte Herzkranzgefäße die Durchblutung des Herzmuskels einschränken. Für krankhaft niedrigen Blutdruck lag das Risiko um 21 Prozent niedriger. Diese Befunde fügen sich in frühere Beobachtungen aus amerikanischen Kohorten ein, die einen Zusammenhang zwischen Traumschlaf und Herzgesundheit bereits nahegelegt hatten. Neu ist die Breite des Musters, denn die aktuelle Arbeit erfasst neben Herz und Gehirn auch Stoffwechselerkrankungen, psychische Leiden und weitere Organsysteme in einer einzigen Analyse. Die Autoren sprechen deshalb von der bislang umfassendsten Landkarte der Zusammenhänge zwischen objektiv gemessenem Schlaf und späteren Erkrankungen im mittleren und höheren Lebensalter.
Für den Tiefschlaf ergab die Auswertung deutlich weniger Zusammenhänge. Mehr Tiefschlaf ging mit einem geringeren Risiko für sieben Krankheiten einher, darunter Typ-2-Diabetes mit einem um elf Prozent niedrigeren Risiko, schwere Depressionen mit 14 Prozent, Schlafapnoe mit 22 Prozent und Morbus Parkinson mit 30 Prozent. Der Leichtschlaf zeigte ein widersprüchliches Bild. Mehr Zeit in dieser Phase war mit einem um 31 Prozent höheren Risiko für schwere Depressionen verbunden, zugleich aber mit einem geringeren Risiko für Herzschwäche und Hautentzündungen. Die Autoren erklären diesen scheinbaren Widerspruch damit, dass viel Leichtschlaf einerseits Teil eines insgesamt längeren Schlafs sein kann, der dem Herz-Kreislauf-System zugutekommt. Andererseits kann ein hoher Anteil an Leichtschlaf auf einen oberflächlichen, wenig erholsamen Schlaf hinweisen, der wiederum mit psychischen Belastungen und Erkrankungen des Bewegungsapparats verknüpft ist.
Ebenso aufschlussreich sind die Befunde zur Zerstückelung des Schlafs. Wer nach dem Einschlafen länger wach lag, im Vergleich der beiden Viertel rund 44 Minuten mehr, hatte ein um 33 Prozent höheres Risiko für eine Abhängigkeit von psychoaktiven Substanzen und ein um 22 Prozent höheres Risiko für Alkoholmissbrauch. Stark schwankende Schlafzeiten von Nacht zu Nacht gingen mit einem um 23 Prozent höheren Risiko für Angststörungen und einem um 26 Prozent höheren Risiko für schwere Depressionen einher. Angesichts der Häufigkeit solcher Leiden hat dieser Befund Gewicht, denn nach einer weltweiten Auswertung erkrankt rund die Hälfte aller Menschen psychisch bis zum Alter von 75 Jahren. Die Studie legt nahe, dass neben der Dauer auch die Regelmäßigkeit und Kontinuität des Schlafs eine Rolle spielt, betont aber, dass gerade bei psychischen Leiden die Richtung des Zusammenhangs offen ist.
Neben den Schlafphasen untersuchten die Forscher die gesamte Schlafdauer, die in ihren Daten im Mittel bei knapp 6,5 Stunden pro Tag lag. Bei 86 Krankheitsbildern verlief der Zusammenhang nicht gleichmäßig, sondern in Form einer Kurve mit einem Tiefpunkt. Für 69 dieser Erkrankungen lag das geringste Risiko bei einer Schlafdauer zwischen sechs und acht Stunden, etwa bei Blutarmut, Typ-2-Diabetes, Demenzerkrankungen und chronischer Nierenschwäche. Am deutlichsten fielen die Nachteile bei sehr kurzem Schlaf aus. Von 41 Zusammenhängen mit einem erhöhten Krankheitsrisiko entfielen 37 auf Menschen, die weniger als fünf Stunden schliefen. In dieser Gruppe war das Risiko für ein Parkinson-Syndrom fast sechsmal so hoch wie bei Menschen mit sechs bis acht Stunden Schlaf, das Risiko für Demenzerkrankungen mehr als zweieinhalbmal so hoch und das für eine Herzschwäche um 73 Prozent erhöht.
Langer Schlaf war dagegen nur mit wenigen Erkrankungen verknüpft. Bei mehr als acht Stunden zeigte sich nach der strengen Korrektur vor allem ein um 60 Prozent höheres Risiko für schwere Depressionen, was die Autoren auch damit erklären, dass übermäßiges Schlafbedürfnis ein bekanntes frühes Anzeichen einer Depression sein kann. Interessant ist der Blick auf die Zusammensetzung des Schlafs in den verschiedenen Gruppen. Menschen mit sechs bis acht Stunden Schlaf verbrachten im Mittel rund 92 Minuten im Traumschlaf, Menschen mit weniger als sechs Stunden nur etwa 65 Minuten. Zugleich wies die mittlere Gruppe mit gut 22 Prozent den höchsten Anteil an REM-Schlaf an der gesamten Schlafzeit auf und schlief deutlich regelmäßiger. Die Autoren sehen darin einen möglichen Grund, warum sich dieser Bereich als besonders günstig erweist, und merken an, dass ihr Optimum etwas kürzer ausfällt als die häufig genannten sieben bis neun Stunden.
Die Studie unterscheidet sich von früheren Arbeiten vor allem durch die Art der Messung. Viele Untersuchungen zum Schlaf beruhen auf Fragebögen, deren Angaben oft deutlich von der tatsächlichen Schlafdauer abweichen. Die genaueste Methode ist die Polysomnographie im Schlaflabor, bei der Hirnströme, Augenbewegungen und Muskelaktivität aufgezeichnet werden, doch sie ist für Zehntausende Menschen zu aufwendig. Die Forscher nutzten deshalb Bewegungsdaten, die der Sensor am Handgelenk hundertmal pro Sekunde erfasste, und werteten sie mit einem Verfahren namens SleepNet aus. Dieses lernende Programm wurde an mehr als 1.100 Nächten trainiert, in denen Menschen gleichzeitig einen Bewegungssensor trugen und im Schlaflabor überwacht wurden. Wie die Pressemitteilung von PLOS zu Traumschlaf und Tiefschlaf erläutert, lassen sich so die Schlafphasen einer großen Bevölkerungsgruppe im Alltag abschätzen.
Die Genauigkeit dieses Verfahrens hat allerdings Grenzen, die die Autoren offen benennen. Die Übereinstimmung mit dem Schlaflabor ist nur mäßig. Im Vergleich unterschätzte das Programm den REM-Schlaf im Mittel um rund 17 Minuten und überschätzte die gesamte Schlafdauer um etwa 48 Minuten. Die ermittelten Schlafphasen sind deshalb Schätzungen auf Grundlage von Bewegungen und entsprechen nicht exakt den biologischen Phasen, die Hirnstrommessungen liefern. Die Forscher gehen davon aus, dass diese Messfehler alle Teilnehmer ähnlich betreffen und daher vor allem die absoluten Werte verzerren, weniger aber den Vergleich zwischen Menschen mit mehr und weniger Traumschlaf. Für handelsübliche Fitnessarmbänder und Smartwatches gilt die Einschränkung in noch stärkerem Maß, denn deren Algorithmen sind meist nicht offengelegt und nur an kleinen Gruppen überprüft.
So umfangreich die Datengrundlage ist, handelt es sich um eine Beobachtungsstudie, die Zusammenhänge beschreibt, aber keine Ursachen belegt. Die Autoren berücksichtigten zwar zahlreiche Einflussgrößen wie Alter, Geschlecht, Körpergewicht, Rauchen, Alkohol, Bewegung, Bildung, Feinstaub und nächtlichen Lärm, doch unbekannte Faktoren könnten die Ergebnisse dennoch beeinflussen. Besonders wichtig ist die Frage nach der umgekehrten Wirkrichtung. Viele Krankheiten entwickeln sich über Jahre, bevor sie diagnostiziert werden, und können den Schlaf bereits in dieser Frühphase verändern. Um diesen Effekt zu verringern, schlossen die Forscher in einer Zusatzanalyse alle Diagnosen aus, die innerhalb von zwei Jahren nach der Messung gestellt wurden. Danach blieben 95 der ursprünglich 156 Zusammenhänge bestehen, also etwa 60 Prozent. Die Autoren werten das als Hinweis, dass ein Teil der Befunde auf beginnende, noch unerkannte Erkrankungen zurückgehen dürfte.
Weitere Einschränkungen betreffen die Teilnehmer und die Messung selbst. Die UK Biobank gilt als überdurchschnittlich gesund und wohlhabend, und 97 Prozent der untersuchten Personen waren weiß, was die Übertragbarkeit auf andere Bevölkerungsgruppen begrenzt. Der Schlaf wurde nur während einer einzigen Woche erfasst, die nicht zwingend die üblichen Gewohnheiten über Jahre widerspiegelt. Erfasst wurden zudem nur Diagnosen aus Krankenhausaufenthalten, sodass Erkrankungen, die ausschließlich beim Hausarzt behandelt wurden, fehlen. Die Studie liefert damit vor allem eine umfassende Grundlage, um gezielte Hypothesen zu entwickeln. Ob sich das Krankheitsrisiko tatsächlich senken lässt, wenn der Anteil an Traumschlaf steigt, müssten Studien klären, in denen Schlaf gezielt verändert und die Gesundheit anschließend über lange Zeit verfolgt wird.
Die Untersuchung konzentriert sich bewusst auf Menschen im mittleren und höheren Lebensalter, weil sich der Schlaf mit den Jahren deutlich verändert. Mit zunehmendem Alter nehmen sowohl der Traumschlaf als auch der Tiefschlaf ab, während nächtliche Wachphasen zunehmen. Ältere Menschen leiden zudem häufiger an Schlafstörungen wie Schlaflosigkeit oder Atemaussetzern im Schlaf, und Begleiterkrankungen können den Schlaf zusätzlich beeinträchtigen. Gleichzeitig steigt in dieser Lebensphase das Risiko für viele der untersuchten Krankheiten, von Herzschwäche bis Demenz. Die Studie zeigt, dass sich in einer einzigen Woche gemessene Unterschiede in den Schlafphasen Jahre später in sehr unterschiedlichen Krankheitsbildern wiederfinden. Die auffallend starken Zusammenhänge bei Erkrankungen des Gehirns passen zu der seit Längerem diskutierten Vorstellung, dass veränderter Schlaf ein frühes Signal neurodegenerativer Prozesse sein kann.
Aus Sicht der Autoren unterstreichen die Ergebnisse, dass neben der reinen Stundenzahl auch der Aufbau des Schlafs, seine Regelmäßigkeit und seine Kontinuität für die Gesundheit von Bedeutung sind. Eine Schlafdauer von sechs bis acht Stunden war in den Daten mit einer günstigeren Verteilung der Schlafphasen und einem geringeren Risiko für zahlreiche Krankheiten verbunden. Die Forscher sehen darin einen Ansatz für Vorbeugung und Gesundheitsförderung, betonen aber zugleich die Grenzen ihrer Beobachtungsdaten. Für die Schlafforschung ist die Arbeit vor allem ein Beleg dafür, dass sich mit einfachen Sensoren am Handgelenk große Bevölkerungsgruppen untersuchen lassen, die für Messungen im Schlaflabor nie erreichbar wären. Die nächste Aufgabe besteht darin herauszufinden, welche der 83 Zusammenhänge beim Traumschlaf tatsächlich auf einen schützenden Effekt zurückgehen und welche lediglich frühe Spuren einer bereits beginnenden Krankheit sind.
PLOS Medicine, Accelerometer-derived real-world sleep stages and risk of incident diseases: A UK Biobank cohort study and phenome-wide association analysis; doi:10.1371/journal.pmed.1005213