Medizinisches Cannabis war in einer zehnjährigen Langzeitstudie mit deutlich weniger Opioiden, geringeren Schmerzen und einer besseren körperlichen Funktion verbunden. Untersucht wurden 1.000 Patienten mit chronischen Rückenschmerzen, die zuvor mindestens ein Jahr lang Opioide eingenommen hatten. Bei den 638 Teilnehmern mit vollständiger Nachbeobachtung sank die tägliche Opioiddosis im Mittel um 89,8 Prozent. Die ungewöhnlich großen Veränderungen sind jedoch kein Beweis für eine alleinige Wirkung von Cannabis, weil die Untersuchung keine unbehandelte Kontrollgruppe hatte.
Chronische Rückenschmerzen können Patienten über viele Jahre begleiten und bleiben teilweise bestehen, obwohl Physiotherapie, entzündungshemmende Medikamente und starke Schmerzmittel eingesetzt werden. In solchen Fällen kann unter ärztlicher Begleitung auch medizinisches Cannabis infrage kommen. Zur Verfügung stehen unterschiedliche Darreichungsformen, darunter Öle und medizinische Cannabisblüten mit festgelegten Gehalten an Wirkstoffen wie THC und CBD. Welche Präparate geeignet sind und wie sie dosiert werden, hängt von Erkrankung, Begleitmedikation, Wirkung und Verträglichkeit ab.
Ein Forschungsteam um Muhammad Khatib und Dror Robinson untersuchte dafür 1.000 Patienten einer spezialisierten orthopädischen Schmerzklinik. Alle Teilnehmer hatten vor Studienbeginn noch nie Cannabis konsumiert, litten an bildgebend bestätigten strukturellen Ursachen chronischer Rückenschmerzen und nahmen seit mindestens einem Jahr Opioide ein. Zu den Diagnosen gehörten unter anderem Spinalkanalstenosen, Bandscheibendegenerationen und vertebrogene Rückenschmerzen. Zudem hatten konventionelle Behandlungen zuvor keine ausreichende Wirkung erzielt. Die Originalstudie im European Spine Journal dokumentiert die Entwicklung von Opioidverbrauch, Schmerzintensität, körperlicher Einschränkung, Cannabisdosierung und Begleitmedikation.
Besonders deutlich veränderte sich der Verbrauch der Opioide. Bei den 638 Patienten, die alle Untersuchungen bis zum Ende absolvierten, sank die durchschnittliche tägliche Dosis von 62,8 auf 6,4 Milligramm Morphinäquivalent. Dies entspricht einem Rückgang um 89,8 Prozent. Insgesamt 582 dieser Patienten und damit 91,2 Prozent reduzierten ihre Opioiddosis um mindestens die Hälfte. 42 Teilnehmer benötigten am Ende der Beobachtung überhaupt keine Opioide mehr.
Der Rückgang ist medizinisch interessant, weil eine langfristige Opioidtherapie mit erheblichen Problemen verbunden sein kann. Neben Müdigkeit, Verstopfung und anderen Nebenwirkungen können sich Toleranz und körperliche Abhängigkeit entwickeln. Entsprechend groß ist das Interesse an Therapien, die den Bedarf an Opioiden reduzieren können. Auch vollkommen andere Behandlungsansätze werden für dieses Ziel untersucht. So zeigte eine klinische Untersuchung zur Pain Reprocessing Therapy bei chronischen Rückenschmerzen, dass sich die Schmerzverarbeitung bei bestimmten Patienten auch ohne Medikamente beeinflussen lässt.
Neben dem Medikamentenverbrauch erfassten die Forscher die Schmerzintensität auf einer Skala von null bis zehn. Bei den Patienten mit vollständiger Langzeitbeobachtung lag sie zu Beginn durchschnittlich bei 8,71 Punkten und damit im Bereich sehr starker Schmerzen. Nach zehn Jahren betrug der Mittelwert nur noch 1,37 Punkte. 616 der 638 Patienten erreichten eine Reduktion um mindestens 30 Prozent, die in der Studie als klinisch bedeutsame Verbesserung festgelegt worden war.
Auch die körperlichen Einschränkungen gingen zurück, allerdings deutlich langsamer als die Schmerzen. Der Oswestry Disability Index sank im Mittel von 52,9 auf 36,8 Prozent. Bei diesem etablierten Fragebogen bedeuten höhere Werte eine stärkere Einschränkung durch Rückenschmerzen. Eine Verbesserung um mindestens zehn Punkte erreichten 62,1 Prozent der Langzeitteilnehmer. Auffällig war, dass sich die körperliche Funktion vor allem in den späteren Jahren stärker verbesserte. Die Forscher vermuten, dass eine Wiederherstellung von Beweglichkeit und Belastbarkeit nach jahrelangen Beschwerden mehr Zeit benötigt als eine Verringerung der wahrgenommenen Schmerzen.
Die Patienten erhielten Cannabisprodukte lizenzierter Hersteller unter ärztlicher Aufsicht. 62 Prozent verwendeten getrocknete Cannabisblüten, die verdampft und nicht verbrannt wurden. Weitere 31 Prozent nutzten Cannabisöle zur oralen oder sublingualen Einnahme, sieben Prozent kombinierten beide Formen. Bei THC-betonten Produkten begann die Behandlung üblicherweise mit 2,5 bis 5 Milligramm THC. Die Dosis wurde anschließend über mehrere Wochen abhängig von Wirkung und Verträglichkeit angepasst.
Nach dieser Einstellungsphase blieb die verwendete Cannabismenge vergleichsweise stabil. Im zweiten Jahr lag der durchschnittliche Verbrauch bei 38,7 Gramm pro Monat, am Ende bei 47,5 Gramm. Über den gesamten Beobachtungszeitraum waren es durchschnittlich 40,9 Gramm monatlich. Die Forscher fanden damit keine fortlaufende starke Dosiserhöhung, die auf eine ausgeprägte Toleranzentwicklung hindeuten würde. Für den medizinischen Einsatz ist zugleich entscheidend, dass Zusammensetzung und Qualität der verwendeten Präparate kontrolliert werden. Die grundlegenden Unterschiede zwischen medizinischem und herkömmlichem Cannabis sind deshalb für die Bewertung solcher Langzeitdaten wesentlich.
Nicht nur der klassische Opioidverbrauch veränderte sich. Zu Beginn verwendeten 89,7 Prozent der späteren Langzeitteilnehmer Tramadol oder Tapentadol. Am Ende waren es noch 5,6 Prozent. Der Anteil der Patienten mit Benzodiazepinen sank von 78,8 auf 5,3 Prozent und bei selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern von 77,7 auf 5,8 Prozent. Gabapentinoide nahmen zunächst 31,3 Prozent und nach zehn Jahren noch 0,6 Prozent der Teilnehmer ein.
Diese Medikamente wurden allerdings nicht nach einem vorgegebenen Absetzplan reduziert. Die behandelnden Ärzte entschieden individuell anhand des klinischen Verlaufs, ob bestehende Medikamente fortgeführt oder verringert wurden. Ein möglicher biologischer Zusammenhang ergibt sich aus dem Endocannabinoid-System. THC wirkt unter anderem auf CB1-Rezeptoren, die im zentralen Nervensystem an der Verarbeitung und Weiterleitung von Schmerzsignalen beteiligt sind. Auch zwischen cannabinoiden und opioiden Signalwegen bestehen Überschneidungen in Regionen des Nervensystems, die Schmerzen regulieren. Solche Mechanismen können einen opioidsparenden Effekt erklären, beweisen aber nicht, dass sie für die gesamten Veränderungen dieser Patientengruppe verantwortlich sind.
Gerade die Größe der beobachteten Schmerzreduktion ist ein Grund, die Ergebnisse nicht mit einer kontrollierten Wirksamkeitsstudie gleichzusetzen. Die Autoren betonen selbst, dass die Veränderung wesentlich größer ausfällt als in randomisierten Untersuchungen zu Cannabinoiden bei chronischen Schmerzen. Eine Phase-III-Studie mit 820 Patienten hatte beispielsweise bei einem Cannabisextrakt gegenüber Placebo zwar einen statistisch messbaren Vorteil gefunden, der Unterschied auf der Schmerzskala betrug jedoch nur 0,6 Punkte. Die nun beobachtete Verringerung um mehr als sieben Punkte kann deshalb kaum ungeprüft als reine Arzneimittelwirkung interpretiert werden.
Mehrere Faktoren können das Ergebnis verstärkt haben. Dazu gehören natürliche Schwankungen chronischer Schmerzen, parallel veränderte Behandlungen, Erwartungen an die Therapie und die Auswahl jener Patienten, die besonders lange in der Behandlung blieben. Dass Erwartungen selbst messbare Auswirkungen auf die Schmerzverarbeitung haben können, zeigen auch Untersuchungen zum Placeboeffekt im menschlichen Gehirn.
Von den ursprünglich 1.000 Patienten schlossen 638 sämtliche jährlichen Untersuchungen ab. Damit fehlen vollständige Langzeitdaten von 362 Teilnehmern. Zwar unterschieden sich die späteren Aussteiger zu Beginn laut den Forschern bei wichtigen Merkmalen nicht signifikant von den übrigen Patienten. Trotzdem kann nicht ausgeschlossen werden, dass besonders erfolgreiche Behandlungsverläufe unter den Langzeitteilnehmern überrepräsentiert sind. Die Autoren bezeichnen ihre Ergebnisse deshalb ausdrücklich als hypothesengenerierend und fordern eine Bestätigung durch randomisierte kontrollierte Studien.
Eine Stärke der Untersuchung ist die große Zahl langfristig dokumentierter Arztkontakte. Insgesamt flossen 8.089 Untersuchungen in die statistischen Auswertungen ein. Verträglichkeitsbedingte Nebenwirkungen wurden bei 11,4 Prozent dieser Termine erfasst. Am häufigsten waren trockener Mund mit 5,2 Prozent, Magen-Darm-Beschwerden einschließlich Übelkeit oder Veränderungen des Appetits mit 3,6 Prozent sowie gerötete Augen mit 1,6 Prozent. Kognitive Beschwerden wurden bei 0,3 Prozent der Termine dokumentiert.
Schwere psychiatrische Ereignisse traten bei zwei der 8.089 Untersuchungen auf. Die Studie schloss allerdings Menschen mit schweren psychiatrischen Erkrankungen, anderen Substanzgebrauchsstörungen und vorheriger Cannabiserfahrung bereits zu Beginn aus. Das beobachtete Verträglichkeitsprofil lässt sich deshalb nicht ohne Weiteres auf jede Patientengruppe übertragen. Auch die ärztliche Begleitung, die langsame Dosisanpassung und die Verwendung kontrollierter Produkte gehören zum untersuchten Behandlungskonzept.
Die Untersuchung liefert damit einen ungewöhnlich langen Blick auf medizinisches Cannabis bei einer schwer belasteten Patientengruppe. Besonders bemerkenswert sind der stark gesunkene Opioidverbrauch, die niedrigere Schmerzintensität, die geringere Nutzung weiterer Medikamente und die über Jahre relativ stabile Cannabisdosierung. Diese Kombination macht die Ergebnisse relevant, obwohl das Studiendesign keine sicheren Aussagen über Ursache und Wirkung erlaubt.
Medizinisches Cannabis lässt sich daraus weder als allgemeiner Ersatz für Opioide noch als geeignete Behandlung für jeden Patienten mit Rückenschmerzen ableiten. Die Daten sprechen vielmehr dafür, genauer zu untersuchen, welche Patienten von einer ärztlich begleiteten Cannabistherapie tatsächlich profitieren und welche Wirkstoffzusammensetzungen dafür geeignet sind. Sollten kontrollierte Studien einen Teil der beobachteten Langzeiteffekte bestätigen, könnte medizinisches Cannabis insbesondere für Patienten interessant sein, bei denen etablierte Verfahren nicht ausreichend helfen und eine langfristige hohe Opioiddosis vermieden werden soll.
European Spine Journal, Ten-year outcomes of medical cannabis for chronic low back pain: opioid reduction, pain relief, and functional improvement in 1,000 patients; doi:10.1007/s00586-026-10290-y
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