Konditionierung

Placeboeffekt hinterlässt zwei verschiedene Spuren im Gehirn

 Dennis Lenz

Placeboeffekt hinterlässt zwei verschiedene Spuren im Gehirn
(Symbolbild). Der Placeboeffekt lässt sich im Magnetresonanztomografen sichtbar machen, weil er mit realen Veränderungen der Hirnaktivität einhergeht. Eine Auswertung aus Essen bündelt die Einzeldaten von 409 Personen aus 16 Studien. Entscheidend war dabei nicht die Größe der Stichprobe allein, sondern die Frage, wie die Erwartung im Versuch überhaupt erzeugt wurde. Die Antwort verändert den Blick auf ein Phänomen, das lange als einheitlich galt. (Foto: © Forschung und Wissen)

Dass allein die Erwartung einer Behandlung Schmerzen lindern kann, ist seit Langem belegt. Unklar war jedoch, ob dahinter immer derselbe Vorgang im Gehirn steckt. Eine Auswertung von 16 Bildgebungsstudien mit 409 Teilnehmenden liefert darauf nun eine klare Antwort. Sie zeigt, dass der Placeboeffekt kein einheitliches Phänomen ist, sondern von der Art seiner Auslösung abhängt.

Schmerz ist keine feste Größe, sondern das Ergebnis einer Bewertung im Gehirn. Genau deshalb kann die bloße Erwartung, dass eine Behandlung hilft, die Schmerzintensität messbar senken. Fachleute sprechen von Placeboanalgesie, wenn eine wirkstofffreie Behandlung oder eine reine Scheinbehandlung eine echte Linderung auslöst. Die Placebo-Forschung hat diesen Effekt über Jahrzehnte belegt, in kontrollierten Versuchen erreicht er Größenordnungen, die mit schwachen Analgetika vergleichbar sind. Er beruht nicht auf Einbildung, sondern auf körpereigenen schmerzhemmenden Systemen, an denen unter anderem opioide und dopaminerge Signalwege beteiligt sind. In der Hirnbildgebung zeigt sich regelmäßig eine gesteigerte Aktivität im dorsolateralen präfrontalen Cortex, einer Region, die Erwartungen und Ziele repräsentiert und mit absteigenden Schmerzhemmsystemen kommuniziert. Offen blieb jedoch lange eine Frage, die für die Praxis entscheidend ist: Läuft jeder Placeboeffekt über denselben Mechanismus?

Ein internationales Konsortium unter Leitung der Universität Duisburg-Essen hat diese Frage nun beantwortet. Beteiligt waren Labore aus Europa und Nordamerika, die ihre Rohdaten für diese Auswertung erstmals in dieser Form zusammenlegten. Insgesamt flossen die Daten von 409 Teilnehmenden aus 16 einzelnen Bildgebungsstudien ein, und ausgewertet wurde nicht auf Ebene der Studien, sondern auf Ebene jeder einzelnen Person. Damit zählt die Arbeit zu den bislang größten bildgebenden Untersuchungen zur Placeboanalgesie. Der entscheidende Kunstgriff lag darin, die Unterschiede zwischen den Laboren nicht als Störfaktor zu behandeln, sondern als Information. Denn Placebostudien unterscheiden sich in ihren experimentellen Details erheblich, und genau diese Vielfalt machte es bisher schwer, die gemeinsamen Hirnprozesse sauber zu isolieren. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse am 17. Juli 2026. Erstautor ist Tamas Spisak, die Seniorautorin Ulrike Bingel leitet in Essen die Forschung zu Behandlungserwartungen.

Zwei Wege zur selben Erwartung

Placeboeffekte entstehen nicht aus dem Nichts, sondern über eine Erwartung, die im Versuch gezielt aufgebaut wird. Dafür gibt es zwei etablierte Wege. Beim ersten erhalten die Teilnehmenden ausschließlich eine verbale Suggestion, also die mündliche Information, dass die anstehende Behandlung den Schmerz verringern wird. Beim zweiten kommt eine Konditionierung hinzu. In einer Lernphase wird die vermeintliche Behandlung mit einer tatsächlich verringerten Reizstärke gekoppelt, sodass die Teilnehmenden die Linderung unmittelbar erleben, bevor der eigentliche Test beginnt. Beide Verfahren erzeugen messbare Effekte, und beide gelten seit Jahrzehnten als Standard im Labor. Bislang wurden sie in Übersichtsarbeiten jedoch meist in einen Topf geworfen, weil man davon ausging, dass am Ende dieselbe neuronale Maschinerie anspringt. Genau diese Annahme stand nun auf dem Prüfstand, und die Antwort fiel deutlicher aus als erwartet.

Was 409 Hirnscans gemeinsam zeigen

Das Ergebnis der Auswertung fällt eindeutig aus. Schmerzlinderung durch eine reine verbale Suggestion und Schmerzlinderung durch eine zusätzlich konditionierte Erwartung beruhen auf teilweise überlappenden, teilweise aber deutlich unterschiedlichen neuronalen Signalwegen. Es gibt also einen gemeinsamen Kern, daneben jedoch charakteristische Zusatzsignaturen, die von der gewählten Induktionsmethode abhängen. Der in Nature Communications erschienenen Arbeit zufolge hinterlässt jede Methode eine eigene, wiedererkennbare Spur im Gehirn, die sich erst durch die Zusammenführung vieler Datensätze aus dem Rauschen heben ließ. Solche Messungen der Hirnaktivität im wachen Gehirn reagieren empfindlich auf die Versuchsbedingungen, weshalb große und einheitlich ausgewertete Datensätze in der Bildgebung besonders wertvoll sind. Für die Placeboforschung bedeutet der Befund vor allem eines: Wer von dem Placeboeffekt spricht, beschreibt keine einzelne biologische Größe, sondern eine Familie von Prozessen mit unterschiedlichen Angriffspunkten.

Was das für die Schmerztherapie bedeutet

Praktisch relevant wird der Befund dort, wo Erwartungen bewusst genutzt werden sollen. Wenn verschiedene Induktionswege verschiedene Systeme ansprechen, lässt sich künftig gezielter auswählen, welcher Weg zu welcher klinischen Situation passt. Bei einem Patienten, der bereits gute Erfahrungen mit einem Medikament gemacht hat, greift vermutlich ein anderer Mechanismus als bei jemandem, der ausschließlich über ein Aufklärungsgespräch auf die Behandlung vorbereitet wird. Der Sonderforschungsbereich Treatment Expectation verfolgt genau dieses Ziel, nämlich körpereigene schmerzlindernde Systeme planvoll zu unterstützen und dadurch Behandlungsergebnisse zu verbessern, ohne die Dosis eines Wirkstoffs zu erhöhen. Für die Schmerztherapie wäre das ein Gewinn, weil sich Nebenwirkungen und Opioidbedarf senken ließen. Gleichzeitig bleibt die Arbeit eine Auswertung von Laborversuchen an überwiegend gesunden Probanden, und der Weg an das Krankenbett ist damit noch nicht belegt.

Nature Communications, Studie des Placebo Imaging Consortium zur Placeboanalgesie; doi:10.1038/s41467-026-74743-0

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