Gezielte Abwehr

Krebsimmuntherapie hält resistente Tumoren bei 16 von 27 Patienten stabil

 Dennis Lenz

Krebsimmuntherapie hält resistente Tumoren bei 16 von 27 Patienten stabil
(Symbolbild, KI-generiert) Eine Krebsimmuntherapie kann gezielt bestimmte T-Zell-Gruppen aktivieren, die in Tumoren vorkommen. Bei Invikafusp alfa richtet sich der Ansatz gegen Vβ6- und Vβ10-tragende Abwehrzellen. Die frühe klinische Prüfung untersucht, ob sich damit auch schwer behandelbare solide Tumoren kontrollieren lassen. Die Behandlung ist weiterhin experimentell. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Eine neue Krebsimmuntherapie hielt bei 16 von 27 Patienten mit schwer behandelbaren soliden Tumoren die Erkrankung unter Kontrolle. Bei einzelnen Teilnehmern schrumpften die Tumoren zudem deutlich, was bei zuvor erfolglos behandelten Erkrankungen besonders auffällt. Invikafusp alfa aktiviert gezielt ausgewählte T-Zellen, statt die gesamte Immunabwehr breit anzuschalten. Erste Ergebnisse stammen aus einer frühen klinischen Studie und müssen in größeren Untersuchungen bestätigt werden.

Bei Menschen mit fortgeschrittenem Krebs endet die Behandlung häufig an einem Punkt, an dem mehrere Medikamente nicht mehr wirken. Besonders schwierig wird die Lage, wenn Tumoren auch auf sogenannte Immun-Checkpoint-Hemmer nicht mehr reagieren, die körpereigene Abwehr also trotz ihrer Aktivierung keine ausreichende Kontrolle erreicht.

Am US-amerikanischen National Cancer Institute untersuchte ein internationales Team nun einen anderen Weg der Krebsimmuntherapie. Der Antikörper Invikafusp alfa, kurz Invika, soll gezielt eine kleine Gruppe von T-Zellen vermehren, die in vielen Tumoren vorkommt. Die Ergebnisse der Phase-1/2-Studie START-001 erschienen im Fachjournal Nature Medicine. Besonders auffällig waren einzelne Rückgänge bei Krebsarten, die zuvor auf mehrere Therapien nicht mehr angesprochen hatten.

Das National Institutes of Health beschreibt den Ansatz als gezielte Aktivierung ausgewählter Abwehrzellen. Die Ergebnisse stammen aus einer frühen klinischen Prüfung, in der zunächst Verträglichkeit und passende Dosierung im Mittelpunkt standen.

Invika lenkt die Krebsimmuntherapie auf T-Zellen

Invika ist ein sogenannter bispezifischer Antikörper. Er bindet an ausgewählte Merkmale der T-Zellen und bringt dadurch jene Immunzellen in Aktion, die bestimmte Tumorzellen erkennen und bekämpfen können. Im Mittelpunkt stehen T-Zell-Gruppen, deren Rezeptoren die Varianten Vβ6 und Vβ10 tragen und die in Tumoren vorkommen.

T-Zellen gehören zur erworbenen Immunabwehr und können gezielt Zellen erkennen, deren Merkmale zu ihrem Rezeptor passen. Jede T-Zelle trägt einen eigenen Rezeptor, der nur zu bestimmten molekularen Merkmalen auf anderen Zellen passt. Erkennt eine passende T-Zelle ihr Ziel, vermehrt sie sich und kann weitere Abwehrreaktionen gegen die erkannte Zelle auslösen. Tumoren enthalten häufig solche spezialisierten Immunzellen, doch ihre Anwesenheit allein garantiert keine wirksame Kontrolle der Erkrankung.

Viele etablierte Immuntherapien greifen an Kontrollpunkten an, mit denen Tumoren die Aktivität der körpereigenen Abwehrzellen gezielt dämpfen können. Andere Ansätze aktivieren dagegen größere Teile des Immunsystems und können dadurch auch gesundes Gewebe in Mitleidenschaft ziehen. Invika verfolgt eine engere Strategie: Der Antikörper soll vor allem die ausgewählten Vβ6- und Vβ10-tragenden T-Zellen ausbauen und ihre Aktivität verstärken.

Neben der Tumorgröße prüften die Forscher auch, welche Immunzellen im Blut und direkt im Tumorgewebe zunahmen. Sie untersuchten auch, welche T-Zellen im Blut und im Tumorgewebe zunahmen und ob sich andere T-Zell-Gruppen gleichzeitig veränderten. Aus den Messungen ging hervor, dass die ausgewählte Zielpopulation anwuchs, während andere T-Zellen weitgehend unbeeinflusst blieben.

Alle 14 Tage erhält der Körper den Antikörper

Die START-001-Studie begann mit einer Dosissteigerung. In der ersten Phase erhielten Teilnehmer unterschiedliche Mengen des Wirkstoffs, damit das Team Verträglichkeit und biologische Aktivität beurteilen konnte. Als intravenöse Infusion gelangte der Antikörper in den Blutkreislauf und wurde nach einem festen Behandlungsplan verabreicht.

Mehrere Dosisstufen reichten von 0,01 bis 0,16 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht und dienten der Prüfung der Verträglichkeit. Während dieser Prüfung wurde keine maximal verträgliche Dosis erreicht, sodass die Forscher die biologische Wirkung stärker gewichteten. Entscheidend war stattdessen, bei welcher Menge die gewünschte Aktivierung der T-Zellen am stärksten ausfiel, ohne dass die Nebenwirkungen den möglichen Nutzen überwogen.

Für die weitere Untersuchung wählten die Wissenschaftler eine biologische Zieldosis aus, bei der die gewünschte Immunreaktion deutlich ausfiel. Sicherheitsdaten, die Konzentration des Antikörpers im Blut und die Reaktion des Immunsystems bildeten die Grundlage der Auswertung. Als empfohlene Dosis für die nächste Studienphase legten die Forscher 0,08 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht fest.

Einige Teilnehmer entwickelten grippeähnliche Beschwerden, die nach Angaben der Studienautoren mit Medikamenten und unterstützender Behandlung meist beherrschbar waren. Solche Reaktionen passen grundsätzlich zu einer Behandlung, die bestimmte Immunzellen gezielt aktiviert und ihre Aktivität verändert. Besonders wichtig bleibt deshalb, wie stark die Immunantwort ausfällt, wie lange sie anhält und ob sie sich auf gesundes Gewebe auswirkt.

START-001 verknüpft Immunreaktion und Tumorverlauf

Bei der ausgewählten Dosierung blieb die Erkrankung bei einem Teil der Teilnehmer ohne messbares Fortschreiten. Bei vier Teilnehmern gingen die gemessenen Tumorgrößen im Verlauf der Behandlung um mehr als 30 Prozent zurück. Zu den beobachteten Reaktionen gehörten Patienten mit metastasiertem Darmkrebs und mit nicht-kleinzelligem Lungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium.

Besonders bemerkenswert war der Verlauf bei einzelnen Menschen, deren Erkrankung bereits mehrere Behandlungslinien durchlaufen hatte. Zwei Patienten mit metastasiertem Darmkrebs erhielten Invika, nachdem bereits sechs andere Behandlungslinien erfolglos geblieben waren. Auch bei einem Patienten mit fortgeschrittenem nicht-kleinzelligem Lungenkrebs hatten zuvor mehrere Therapien einschließlich einer Immun-Checkpoint-Behandlung keinen ausreichenden Erfolg gebracht.

Deutliche Rückgänge der Tumormasse traten bei Patienten auf, deren gezielte T-Zell-Population deutlich anwuchs und im Blut messbar zunahm. Dieser Zusammenhang spricht dafür, dass die biologische Wirkung des Antikörpers mit dem klinischen Verlauf verbunden sein kann, beweist aber noch keine Ursache. Damit bleibt offen, ob die Zellvermehrung allein für das Schrumpfen der Tumoren verantwortlich war oder den gesamten Behandlungseffekt erklärt.

Damit liefert die Studie ein frühes Signal für eine mögliche Behandlung, aber noch keinen Beleg für eine dauerhafte Heilung. Für schwer vorbehandelte Patienten kann eine stabile Erkrankung bedeutsam sein, weil sie zusätzliche Zeit und Spielraum für weitere Therapieschritte verschafft. START-001 erfasste Tumoransprechen und Krankheitskontrolle; eine größere Folgestudie muss nun mit längerer Nachbeobachtung prüfen, ob Invika auch die Gesamtüberlebenszeit verlängert.

START-001 begrenzt den Datenstand

Die Veröffentlichung erschien deutlich später als der Datenstichtag der ausgewerteten klinischen Ergebnisse. Die Angaben zur ersten Phase und zum frühen Teil der nächsten Studienphase reichen bis zum 12. März 2025. Zwischen diesem Stichtag und der Veröffentlichung konnten weitere Behandlungen und Beobachtungen erfolgt sein, die in dieser Auswertung noch nicht enthalten sind.

Auch die Zusammensetzung der Studiengruppen verlangt eine genaue Einordnung, damit die Ergebnisse nicht auf alle behandelten Patienten übertragen werden. In der Dosissteigerung wurden 34 Teilnehmer behandelt, während die frühe zweite Phase zunächst 18 Teilnehmer einschloss. Für die Auswertung der biologisch ausgewählten Dosis führten die Wissenschaftler Teilnehmer aus beiden Studienteilen zusammen. Damit blieb die Zahl der Menschen mit dieser Dosis kleiner als die Gesamtzahl aller Teilnehmer der frühen klinischen Prüfung.

Das Studiendesign war nicht darauf ausgelegt, Invika direkt mit einer Standardtherapie oder einer Placebogruppe zu vergleichen. Sie sollte zunächst die Sicherheit, eine geeignete Dosierung und erste Hinweise auf eine mögliche Wirkung ermitteln. Ohne eine Kontrollgruppe bleibt offen, wie sich die Erkrankung bei vergleichbaren Patienten ohne den neuen Antikörper entwickelt hätte.

Hinzu kommt, dass die untersuchten Krebsarten biologisch sehr unterschiedlich sind. Darm-, Lungen- und andere solide Tumoren unterscheiden sich in ihren Mutationen, ihrer Umgebung und ihrer Fähigkeit, Immunzellen zu bremsen. Aus einer gemischten Patientengruppe lässt sich deshalb kein einheitlicher Behandlungseffekt für jede einzelne Krebsart ableiten.

Nature Medicine zeigt den nächsten Prüfbedarf

Laut Autoren vermehrte Invika die ausgewählten T-Zell-Gruppen sowohl im Blut als auch innerhalb der Tumoren. Diese Zellen zeigten überwiegend Merkmale von Gedächtnis- und Effektorzellen. Gedächtniszellen können auf ein bekanntes Ziel erneut reagieren, während Effektorzellen unmittelbar an der Abwehr beteiligt sind.

Parallel stiegen bestimmte Botenstoffe des Immunsystems an, darunter Interferon-gamma und lösliches CD25. Solche Messwerte zeigen, dass der Antikörper eine biologische Reaktion auslöst und die Immunaktivität messbar verändert. Sie ersetzen jedoch keine klinischen Endpunkte wie ein dauerhaftes Tumoransprechen, eine bessere Lebensqualität oder eine längere Überlebenszeit.

Co-Erstautor Nicholas Tschernia, Arzt und Wissenschaftler am National Cancer Institute, betont in der NIH-Mitteilung, dass eine messbare Immunreaktion noch keinen klinischen Nutzen garantiert. Gerade bei einer frühen Prüfung ist diese Trennung wichtig, weil ein biologischer Effekt nicht automatisch bedeutet, dass Patienten länger leben oder sich im Alltag besser fühlen.

Weitere Prüfungen müssen klären, ob die gezielte Aktivierung auch in größeren Patientengruppen einen verlässlichen medizinischen Vorteil bringt. Dafür braucht es längere Beobachtungszeiten, genauere Vergleiche zwischen Tumorarten und eine sorgfältige Erfassung seltener oder später Nebenwirkungen. Auch Kombinationen mit anderen Krebsbehandlungen stehen als mögliche Forschungsrichtung im Raum und sollen die Immunantwort weiter verbessern.

Andere aktuelle Ansätze verfolgen verwandte, aber unterschiedliche Wege. Eine Impfung gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs trainiert T-Zellen auf mutierte Tumormerkmale und verfolgt damit einen anderen immunologischen Weg.

Eine experimentelle Umprogrammierung von Killerzellen wurde bislang nur in Mäusen untersucht. Invika unterscheidet sich davon, weil der Antikörper ausgewählte, bereits vorhandene T-Zell-Gruppen im menschlichen Körper aktiviert.

Weiterhin rekrutiert die klinische Prüfung Teilnehmer, um die Behandlung und ihre Wirkung in größeren Gruppen zu untersuchen. Als Nächstes müssen die Forscher zeigen, ob der beobachtete Effekt bei einer größeren und länger begleiteten Patientengruppe bestehen bleibt. Erst dann lässt sich beurteilen, für welche Tumorarten und Behandlungssituationen der Antikörper einen festen Platz in der Krebsmedizin bekommen kann.

Nature Medicine, Bispecific dual T cell agonist invikafusp alfa in solid tumors: the phase 1/2 START-001 trial; doi:10.1038/s41591-026-04711-0

National Institutes of Health, A precision T-cell therapy stalls treatment-resistant cancers in clinical trial

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