Drogenentzug

Ketamin kann Menschen mit Alkoholsucht helfen

Robert Klatt

Ketamininfusionen können Alkoholikern beim Entzug helfen. Experten raten jedoch noch zu Vorsicht und Geduld bei der neuen Behandlungsmethode, weil nur wenige Studiendaten vorliegen.

Exeter (England). In Deutschland leiden laut Daten des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) etwa 1,6 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren an Alkoholismus. Obwohl die Sucht sowohl für Betroffene als auch deren Umfeld eine starke Belastung ist, ist es für die meisten Betroffenen extrem schwer, von ihrer Sucht loszukommen. Hoffnung macht nun eine neue Studie der University of Exeter, in der Menschen mit Alkoholabhängigkeit mit dem Narkosemittel Ketamin behandelt wurden.

Wie die Wissenschaftler im The American Journal of Psychiatry publiziert haben, erhielten die alkoholabhängigen Probanden im Rahmen der Studie drei Ketamininfusionen über drei Wochen verteilt. Die Kontrollgruppe erhielt lediglich ein Placebo. Zudem nahmen alle Probanden in der vierten Woche an einer abschließenden Therapie- und Aufklärungssitzung teil.

Ketamin verringert Rückfallquoten

Laut den Studienergebnissen kann das auch als Droge missbrauchte Schmerzmittel Ketamin beim Alkoholentzug helfen. Die Rückfallquote der Ketamingruppe war im Vergleich zur Kontrollgruppe nach sechs Monaten um das 2,7-fache niedriger.

Wir haben herausgefunden, dass kontrollierte, niedrige Dosen von Ketamin in Kombination mit einer Therapie eine neue Hoffnung für viele Alkoholiker sein kann und wahrlich Leben retten könnte. Es ist vielversprechend, dass die Wirkung schon sechs Monate nach einer relativ kurzen Behandlungsdauer eintrat“, schlussfolgert Celia Morgan.

Auffrischungssitzungen nötig?

Die guten Ergebnisse der unkonventionellen Behandlungsmethode sprechen laut Morgan dafür, dass diese schon in wenigen Jahren im klinischen Alltag verwendet werden könnte. Die Studienleiterin erklärt jedoch, dass eine einmalige Behandlung nicht bei allen Menschen ausreicht. Einige Alkoholabhängige bräuchten also sehr wahrscheinlich regelmäßige Auffrischungssitzungen. „Wir werden in Zukunft weiter erforschen, wie solche Auffrischungssitzungen aussehen könnten“, erklärt Morgan. Die Wissenschaftlerin plant dazu noch in diesem Jahr eine weitere Studie.

Geduld und Vorsicht

Laut Allan Young, Direktor des Zentrums für affektive Störungen am King’s College London sind noch weitere Studie nötig. Young, der selbst nicht an der Studie beteiligt war, erklärt, dass es noch nicht genügend Studien dazu gibt, welche Therapieformen Menschen mit Alkoholproblemen helfen können. Er mahnt daher zur Vorsicht und Geduld, begrüßt den neuen Behandlungsansatz mit Ketamin jedoch.

Wichtig ist laut ihm vor allem, herauszufinden, ob die Wirkung der Ketamintherapie auch langfristig anhält. „Im Moment sollte Ketamin noch nicht zur Behandlung von Alkoholproblemen zum Einsatz kommen. Aber in der Zukunft könnte es tatsächlich eine neue Form der Therapie werden“, erklärt Young gegenüber dem Business Insider.

The American Journal of Psychiatry, doi: 10.1176/appi.ajp.2021.21030277

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