Cafestol

Kardiologen nennen die sichere Tagesgrenze für Kaffee

 Dennis Lenz

Kardiologen nennen die sichere Tagesgrenze für Kaffee
(Symbolbild). Kaffee gehört für Millionen Menschen zum Tagesbeginn, doch die Bewertung seiner Wirkung auf das Herz schwankte über Jahrzehnte erheblich. Eine neue wissenschaftliche Stellungnahme fasst die Evidenz erstmals gebündelt zusammen und benennt eine konkrete Obergrenze in Milligramm. Deutlich strenger fällt das Urteil über hoch konzentrierte Koffeinprodukte aus. Auch die Zubereitungsart spielt eine größere Rolle als lange vermutet. (Foto: © Forschung und Wissen)

Kaffee gilt vielen als Risiko für das Herz und ebenso vielen als harmloses Alltagsgetränk. Eine neue wissenschaftliche Stellungnahme der American Heart Association ordnet die Datenlage nun gebündelt ein und benennt eine konkrete Tagesmenge in Milligramm. Ein handelsüblicher Filterkaffee liefert je 30 Milliliter etwa 9,4 bis 20,6 Milligramm des Wirkstoffs. Für hoch konzentrierte Produkte fällt die Bewertung deutlich anders aus. Entscheidend ist offenbar nicht allein die Menge, sondern auch die Art der Zubereitung.

Koffein ist die weltweit am häufigsten konsumierte psychoaktive Substanz, und Kaffee ist die mit Abstand wichtigste Quelle dafür. Die Verbindung blockiert im Gehirn die Andockstellen für Adenosin, einen körpereigenen Botenstoff, der Müdigkeit signalisiert. Dadurch steigen Wachheit und Konzentration, kurzfristig aber auch Herzfrequenz, Blutzucker und Blutdruck. Abgebaut wird der Stoff überwiegend in der Leber, die höchste Konzentration im Blut ist im Mittel nach etwa einer Stunde erreicht. Wie lange die Wirkung anhält, hängt von Genetik, Alter, Begleitmedikation und Gewöhnung ab und unterscheidet sich zwischen zwei Menschen erheblich. Wer selten Koffein aufnimmt, spürt bereits kleine Mengen deutlich, während regelmäßige Konsumenten eine gewisse Toleranz entwickeln. Genau diese Streuung macht pauschale Aussagen zur Herzgesundheit schwierig, denn eine Menge, die bei einem Menschen unauffällig bleibt, kann bei einem anderen Herzklopfen, Unruhe oder Einschlafprobleme auslösen.

Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten Untersuchungen streng genommen keine Koffeinstudien sind, sondern Kaffeestudien. Das Getränk enthält mehrere hundert chemische Verbindungen, darunter Chlorogensäuren und weitere Stoffe mit antioxidativer und entzündungshemmender Wirkung. Ob ein beobachteter Vorteil also vom Koffein stammt oder von diesen Begleitstoffen, lässt sich in Beobachtungsdaten kaum voneinander trennen. Hinzu kommt, was tatsächlich im Becher landet, denn Zucker, Sirup, Sahne und Milch verändern die Nährstoffbilanz teils erheblich und können günstige Effekte wieder aufheben. Die große Mehrheit der verfügbaren Arbeiten ist zudem beobachtend angelegt und kann Muster zeigen, aber keine Ursache belegen. Frühere Auswertungen großer Kohorten lieferten entsprechend gegensätzliche Signale, und eine Analyse zum Zusammenhang zwischen hohem Konsum und ungünstigen Blutfettwerten steht bis heute neben Arbeiten, die genau das Gegenteil nahelegen.

Wie viel Kaffee die American Heart Association als sicher einstuft

Die neue wissenschaftliche Stellungnahme trägt den Titel Caffeine and Cardiovascular Disease und entstand unter Leitung des Kardiologen Gregory M. Marcus von der University of California in San Francisco. Für die meisten Erwachsenen stuft die American Heart Association eine tägliche Aufnahme von bis zu 400 Milligramm Koffein als unbedenklich ein, was etwa drei bis fünf Tassen zu je rund 240 Millilitern schwarzem Filterkaffee entspricht. Regelmäßiger Konsum von schwarzem Kaffee ohne Zucker, Sirup, Aromen oder Sahne war in der Auswertung mit einem niedrigeren Risiko für Typ-2-Diabetes, koronare Herzkrankheit, Schlaganfall und Herzschwäche verbunden, wie die Stellungnahme im Fachjournal Circulation im Detail ausführt. Dieser Vorteil läuft allerdings nicht beliebig weiter. Oberhalb von vier Tassen täglich fand die Autorengruppe Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Herzschwäche.

Warum Energydrinks anders wirken als eine Tasse

Deutlich strenger bewertet die Autorengruppe hoch konzentrierte Produkte. Energydrinks und besonders sogenannte Energyshots enthalten je 30 Milliliter etwa 40 bis 69 Milligramm Koffein und damit das Drei- bis Vierfache eines gewöhnlichen Aufgusses. Entscheidend ist neben der Konzentration die Geschwindigkeit der Aufnahme, denn ein Shot wird in wenigen Sekunden getrunken, während sich eine Tasse über viele Minuten verteilt. Häufig kommen weitere Stimulanzien oder Inhaltsstoffe hinzu, welche die Aufnahme beschleunigen oder die Wirkung verstärken können. In der Auswertung war eine hohe Koffeinexposition aus solchen Produkten mit einem messbaren Anstieg des Blutdrucks und mit Herzrhythmusstörungen verbunden. Bemerkenswert ist dabei, dass entsprechende Ereignisse auch bei Personen dokumentiert sind, die üblicherweise als kardiovaskulär unauffällig gelten, darunter gesunde Erwachsene unter 30 Jahren. Für Tee liegt insgesamt weniger Evidenz vor, die vorhandenen Daten verbinden ihn jedoch mit einem geringeren Risiko für Vorhofflimmern, Herzschwäche und Schlaganfall.

Zubereitung, Cafestol und ein widersprüchliches Bild beim Blutdruck

Ein bislang wenig beachteter Punkt betrifft die Art der Zubereitung. Cafestol, eine natürlich vorkommende Verbindung in koffeinhaltigem wie entkoffeiniertem Kaffee, wurde in randomisierten Studien mit höheren Werten des LDL-Cholesterins in Verbindung gebracht. Der Stoff steckt vor allem in ungefilterten Zubereitungen, also in Espresso, French Press, türkischem und gekochtem Kaffee, während Papierfilter einen großen Teil davon zurückhalten und Instantkaffee ihn praktisch nicht enthält. Uneinheitlich fällt auch das Bild beim Blutdruck aus. Bei Menschen mit optimalen Ausgangswerten ging ein Konsum von ein bis drei Tassen täglich mit einem höheren Risiko für Bluthochdruck einher, während mehr als drei Tassen mit einem niedrigeren Risiko verbunden waren. Randomisierte Daten sprechen zudem für ein geringeres Risiko für Vorhofflimmern, gleichzeitig traten häufiger vorzeitige Herzschläge aus den Herzkammern auf. In dieselbe Richtung weisen ältere Auswertungen zur Sterblichkeit bei moderatem Konsum, die zwischen Instantkaffee und gemahlenem Kaffee klare Unterschiede fanden.

Was für die eigene Herzgesundheit offen bleibt

Eine allgemeingültige Empfehlung leitet die Autorengruppe daraus ausdrücklich nicht ab. Wie stark jemand reagiert, hängt von Alter, Vorerkrankungen, eingenommenen Medikamenten, genetischen Varianten und der individuellen Abbaugeschwindigkeit ab, weshalb dieselbe Menge bei einer Person unauffällig bleibt und bei der nächsten Herzstolpern, Angstgefühle oder Schlafstörungen auslöst. Weil die Evidenz für detaillierte Vorgaben als nicht ausreichend gilt, wurde Koffein in die aktuelle Ernährungsempfehlung zur Herzgesundheit gar nicht erst aufgenommen. Die Autoren fordern deshalb mehr randomisierte Studien, insbesondere zu Energydrinks und vergleichbaren Produkten, sowie eine bessere Klärung der Frage, warum Menschen so unterschiedlich reagieren. Für eine realistische Einschätzung der eigenen Aufnahme zählen zudem alle Quellen zusammen, denn auch Tee, Schokolade, Limonaden, Nahrungsergänzungsmittel und manche Medikamente tragen zur Tagesbilanz bei, wie eine Übersicht zum unbedenklichen Koffeinkonsum im Detail aufschlüsselt.

Circulation, Caffeine and Cardiovascular Disease: A Scientific Statement From the American Heart Association; doi:10.1161/CIR.0000000000001454

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