Schlafforschung

Indigene Dörfer schlafen seit Strom und Handy 35 Minuten kürzer

 Dennis Lenz

Indigene Dörfer schlafen seit Strom und Handy 35 Minuten kürzer
(Symbolbild, KI-generiert) Mit dem Stromanschluss und später dem Smartphone hat sich der Schlaf in indigenen Toba-Qom-Gemeinden im Norden Argentiniens messbar verändert. Über zwölf Jahre zeichneten Sensoren am Handgelenk mehr als 12.000 Schlafphasen von 156 Menschen auf. Die Teilnehmer schliefen am Ende fast eine Stunde später ein, in ländlichen Dörfern sank die Schlafdauer um 35 Minuten pro Nacht. Nach Ansicht der Forscher spielt neben Licht und Bildschirmen auch ein breiterer Wandel der Lebensweise eine Rolle. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Bis vor wenigen Jahren hatten indigene Dörfer im Chaco im Norden Argentiniens keinen Strom. Sensoren am Handgelenk zeigen über zwölf Jahre: Nach Licht, Internet und Smartphone schliefen die Bewohner fast eine Stunde später ein, auf dem Land rund 35 Minuten kürzer pro Nacht. Das berichten Forscher aus Argentinien und der University of Washington im Fachjournal Current Biology.

156 Menschen aus indigenen Gemeinden im Chaco trugen zwischen 2012 und 2024 immer wieder Schlafsensoren am Handgelenk, während in ihre Dörfer erst der Strom und später das Smartphone kam. So ließ sich ein Wandel live verfolgen, der in Industrieländern längst abgeschlossen ist. Dass Kunstlicht und Bildschirme den Schlaf stören können, gilt zwar als weit verbreitete Annahme. Direkt über Jahre beobachtet hat das aber kaum jemand, denn wer heute in einer Großstadt lebt, kennt keine Nächte ohne Lampe und Smartphone. Vergleiche zwischen Menschen mit viel und wenig Bildschirmzeit sind zudem anfällig für Störfaktoren wie Schichtarbeit, Stress oder Lärm.

Das Team um den Chronobiologen Leandro Casiraghi und Horacio de la Iglesia von der University of Washington hatte eine seltene Gelegenheit. Es begleitete Gemeinschaften der Toba, die sich selbst Qom nennen, in der Region Chaco im Norden Argentiniens. Diese indigene Bevölkerung lebte traditionell als Jäger und Sammler. Einige ihrer ländlichen Siedlungen bekamen erst nach 2016 einen Stromanschluss, in den vergangenen Jahren kamen Internet und Smartphones hinzu. Damit konnten die Forscher den Übergang in die moderne Welt sozusagen in Echtzeit vermessen.

Schlaf über zwölf Jahre mit Sensoren gemessen

Von 2012 bis 2024 trugen insgesamt 156 Teilnehmer zu verschiedenen Zeitpunkten Aktigraphen. Das sind kleine Sensoren am Handgelenk, die Bewegungen aufzeichnen und daraus ableiten, wann jemand einschläft und aufwacht. Zusammengekommen sind so mehr als 12.000 aufgezeichnete Schlafphasen. Die Forscher verglichen zwei Gruppen: ländliche Gemeinden, die erst während der Studie an das Stromnetz kamen, und halbstädtische Gemeinden, die schon vorher Strom hatten. Ausgewertet wurden die Daten mit statistischen Modellen, die wiederholte Messungen derselben Personen berücksichtigen.

Das Ergebnis beschreiben die Autoren in ihrer Studie in Current Biology selbst als bemerkenswert. In beiden Gruppen verschob sich der Schlaf um knapp eine Stunde nach hinten. Die Menschen schliefen also deutlich später ein als noch wenige Jahre zuvor. Bei den Teilnehmern aus den ländlichen Gemeinden schrumpfte die Schlafdauer dadurch innerhalb eines Jahrzehnts um 35 Minuten pro Nacht. Zudem wurde der Schlaf in beiden Gruppen unregelmäßiger, die Einschlafzeiten schwankten also stärker von Nacht zu Nacht.

Strom und Smartphone als Schlafräuber

Dass Strom den Schlaf verkürzen kann, hatte dieselbe Forschergruppe bereits 2015 gezeigt. Damals verglich sie im Journal of Biological Rhythms zwei Toba-Qom-Gemeinden mit gleichem kulturellem Hintergrund, von denen nur eine Strom hatte. Im Sommer schliefen die Menschen mit elektrischem Licht im Schnitt etwa 43 Minuten kürzer. Der Grund war ein späteres Zubettgehen, während die Aufwachzeit in beiden Dörfern ähnlich blieb. Diese Momentaufnahme konnte aber nicht ausschließen, dass sich die beiden Dörfer auch in anderen Dingen unterschieden.

Eine weitere Studie desselben Umfelds im Fachjournal SLEEP richtete den Blick auf das Smartphone. Dafür trugen 100 Toba-Qom-Teilnehmer zwischen Oktober 2023 und Juni 2025 an fünf Messzeitpunkten jeweils 30 bis 60 Tage lang einen Sensor. Wer ein Smartphone nutzte, schlief im Schnitt 13 Minuten später ein und 22 Minuten kürzer als Menschen ohne Gerät. Auch die innere Uhr war verschoben: Das Schlafhormon Melatonin stieg am Abend bei Smartphone-Nutzern rund 34 Minuten später an. In Nächten, in denen die Teilnehmer vor dem Einschlafen zum Handy griffen, schliefen sie zusätzlich etwa 12 Minuten später ein.

Das Smartphone wirkt demnach auf zwei Wegen. Zum einen verschiebt das abendliche Licht die innere Uhr dauerhaft nach hinten, zum anderen hält die Nutzung selbst die Menschen am jeweiligen Abend länger wach. Über die Folgen von zu wenig Nachtruhe für das Gehirn haben wir bereits über eine Studie zu chronischem Schlafmangel und Gehirnalterung berichtet.

Warum Technik allein die Verschiebung nicht erklärt

Bemerkenswert ist eine Einschränkung, die die Forscher selbst betonen. Ihre Analysen deuten darauf hin, dass Strom und Smartphones die Verschiebung der Schlafzeiten nicht vollständig erklären. Denn auch die halbstädtischen Gemeinden, die schon lange Strom hatten, verschoben ihren Schlaf um fast eine Stunde. Die Autoren halten deshalb einen breiteren Wandel für wahrscheinlich, den sie als Modernisierung und Akkulturation beschreiben, also die Übernahme von Lebensweisen der Mehrheitsgesellschaft. Dazu können neue Arbeitszeiten, Schulzeiten, Fernsehen, veränderte soziale Abende und andere Gewohnheiten gehören.

Die Studie ist zudem eine Beobachtungsstudie. Sie zeigt, wie sich der Schlaf über die Jahre verändert hat und welche Entwicklungen zur selben Zeit stattfanden, kann aber keinen einzelnen Auslöser als Ursache beweisen. Die Stichprobe von 156 Menschen ist für eine Langzeitstudie in abgelegenen Dörfern groß, für allgemeine Aussagen über die Menschheit aber klein. Aktigraphen messen Bewegung und schätzen daraus den Schlaf, sie ersetzen keine Messung im Schlaflabor. Und die Ergebnisse stammen aus einer bestimmten Gemeinschaft mit eigener Kultur und eigenem Klima.

Ein Blick zurück auf die Industrialisierung

Gerade wegen dieser Besonderheiten ist die Studie für die Schlafforschung wertvoll. Die Forscher sehen in den Toba-Qom-Gemeinden ein heutiges Gegenstück zu jenem Wandel, den Menschen in Europa und Nordamerika mit der Industrialisierung durchlaufen haben dürften. Damals wurde die Nacht durch Gaslaternen, später durch elektrisches Licht immer länger hell. Wie stark sich der Schlaf dabei verändert hat, ist nie direkt gemessen worden. Die Daten aus dem Chaco zeigen nun, dass ein solcher Wandel innerhalb eines einzigen Jahrzehnts messbar wird.

Frühere Arbeiten der Gruppe hatten auch gezeigt, wie empfindlich der menschliche Schlaf auf Licht reagiert. In einer Studie im Fachjournal Science Advances fanden die Forscher 2021, dass Menschen in den Nächten vor Vollmond später einschlafen und kürzer schlafen, wenn nach Sonnenuntergang Mondlicht verfügbar ist. Dieser Effekt zeigte sich in Toba-Qom-Gemeinden mit und ohne Strom ebenso wie bei Teilnehmern in einer US-Großstadt. Künstliches Licht könnte nach Ansicht der Autoren diesen uralten Effekt des frühen Abendlichts nachahmen und verstärken.

Was die Ergebnisse für den eigenen Schlaf bedeuten

Für Menschen in Industrieländern liefert die Studie keine neue Schlafregel, wohl aber eine anschauliche Größenordnung. Eine gute halbe Stunde weniger Schlaf pro Nacht summiert sich über eine Woche auf rund vier Stunden. Schon die Vorgängerstudie von 2015 hatte gezeigt, dass vor allem der Abend über die Schlafdauer entscheidet, weil die Menschen mit Strom später schlafen gingen, aber ähnlich früh aufstanden. Eine andere Untersuchung hatte bereits nahegelegt, dass ein Blaulichtfilter am Smartphone den Schlaf verbessern kann.

Die Forscher sehen ihre Daten auch als Referenz für Gemeinschaften, die gerade erst Strom und Internet bekommen. Weltweit leben noch immer Hunderte Millionen Menschen ohne Stromanschluss, und viele von ihnen werden in den kommenden Jahren angeschlossen. Für sie bringt Elektrizität unbestritten große Vorteile, von Licht zum Lernen bis zur Kühlung von Medikamenten. Die Studie zeigt, dass zu den Nebenwirkungen auch eine kürzere Nacht gehören kann. Offen bleibt, wie viel davon auf Licht, Bildschirme und andere Veränderungen im Alltag entfällt.

Current Biology, Longitudinal study of Toba/Qom communities reveals delay and shortening of sleep in real time; doi:10.1016/j.cub.2026.09.058

SLEEP, Smartphone use is associated with later and shorter actigraphic sleep, and circadian clock delays in an indigenous Toba/Qom community; doi:10.1093/sleep/zsag039

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