2026 kam in Europa ein Cochlea-Implantat auf den Markt, dessen Mikrofon, Akku und Signalverarbeitung vollständig unter der Haut sitzen. Menschen mit schwerem Hörverlust sollen mit TICI UNICO auch beim Schlafen, Schwimmen und Sport Geräusche wahrnehmen können. Herkömmliche Systeme benötigen dafür einen außen getragenen Audioprozessor hinter dem Ohr. Die technische Neuerung löst eine lange bestehende Herausforderung: Stimmen müssen durch Haut und Gewebe aufgenommen werden.
Im Alltag klassischer Cochlea-Implantate gehört ein kleines Gerät hinter dem Ohr dazu. Dort nimmt es Geräusche auf, verarbeitet sie und überträgt die Signale über eine Sendespule an den implantierten Teil. Zum Schlafen oder Schwimmen legen Nutzer den äußeren Prozessor gewöhnlich ab; ohne diese externe Komponente bleibt das Implantat stumm. Mit TICI UNICO bietet das österreichische Unternehmen MED-EL nun ein System an, dessen sämtliche für das Hören nötigen Bauteile unter der Haut liegen.
Für Menschen mit schwerer bis hochgradiger Innenohrschwerhörigkeit erweitert die Markteinführung die Möglichkeiten, ersetzt aber nicht automatisch jedes bisherige Hörimplantat. Voraussetzung ist unter anderem, dass der Hörnerv elektrische Signale weiterleiten kann und die medizinischen Bedingungen passen. Ob die neue Bauform tatsächlich Vorteile bringt, muss deshalb eine spezialisierte Klinik prüfen.
TICI UNICO verlegt Mikrofon und Signalverarbeitung unter die Haut
Zum System gehören ein implantiertes Mikrofon, ein Stimulator mit Elektronik und Akku sowie eine Elektrodenanordnung in der Hörschnecke. Hinter dem Ohr unter der Haut nimmt das Mikrofon eintreffende Schallwellen auf. Ein Verbindungskabel führt die Signale zum Stimulator; dort werden sie in elektrische Impulse umgewandelt und an die Elektroden weitergegeben. Von dort aus reizen die Impulse den Hörnerv, der die Informationen an das Gehirn übermittelt.
Bei einem üblichen Cochlea-Implantat sitzt das Mikrofon hingegen in einem außen getragenen Audioprozessor. Auf der Kopfhaut hält ein Magnet eine Sendespule über dem implantierten Empfänger; über diese Verbindung gelangen Daten und Energie in das Implantat. Die britische Gesundheitsbehörde NICE beschreibt diesen Aufbau als Trennung zwischen außen getragenem Mikrofon und implantiertem Empfänger. TICI UNICO bringt Mikrofon und Signalverarbeitung in den Körper. Sichtbar ist daher kein Hörprozessor mehr, der hinter dem Ohr sitzt oder beim An- und Ablegen verrutschen kann.
Nach Angaben von MED-EL lag die größte technische Hürde in der Schallaufnahme durch Gewebe. Beim Durchqueren von Haut und darunterliegenden Strukturen verändert sich Luftschall. Trotzdem muss ein Mikrofon Sprache und Umgebungsgeräusche so erfassen, dass der Prozessor daraus brauchbare elektrische Signale erzeugen kann. In der Pressemitteilung zum TICI UNICO bezeichnet der Hersteller die implantierbare Mikrofontechnik als zentrale Neuerung und verweist auf klinische Daten, nach denen die Hörleistung mit etablierten Cochlea-Implantaten vergleichbar sei.
Wie stark die Haut die Aufnahme beeinflusst, hängt auch von der Lage und Dicke des Gewebes über dem Mikrofon ab. Eine größere Gewebeschicht kann Schall dämpfen, zugleich muss die chirurgische Position langfristig stabil bleiben. Deshalb verlangt die Platzierung eine genaue Planung durch das Operationsteam. Darin unterscheidet sich das vollständig implantierte System von einer bloßen Verkleinerung eines herkömmlichen Hörprozessors.
Das NIDCD erklärt, wie Elektroden den Hörnerv reizen
Anders als ein Hörgerät arbeitet ein Cochlea-Implantat mit elektrischen Impulsen. Ein Hörgerät verstärkt akustische Signale, damit verbliebene Sinneszellen sie besser aufnehmen können. Geschädigte Bereiche des Innenohrs überbrückt ein Cochlea-Implantat dagegen, indem es den Hörnerv direkt elektrisch stimuliert. Das US-amerikanische National Institute on Deafness and Other Communication Disorders beschreibt diesen Signalweg als Zusammenspiel von Mikrofon, Sprachverarbeitung, Empfänger und Elektrodenarray.
In der Cochlea, einer spiralig gewundenen Struktur des Innenohrs, liegen die Elektroden. Verschiedene Bereiche des Hörnervs werden von unterschiedlichen Elektroden angesprochen, wodurch Informationen über Frequenzen und Klangmuster übertragen werden. Als Höreindrücke muss das Gehirn diese künstlich erzeugten Signale erst einordnen lernen. Normales Gehör stellt ein Implantat daher nicht wieder her, es kann jedoch Sprache und wichtige Geräusche zugänglich machen.
Für die Behandlung ist deshalb ein intakter Hörnerv wichtig. Bei einer schweren Schädigung dieser Nervenbahn erreichen elektrische Reize das Gehirn nicht zuverlässig. Vor einer Operation untersuchen Fachleute unter anderem das Hörvermögen, die Anatomie des Innenohrs und den Zustand des Hörnervs. Allein der Wunsch nach einem unsichtbaren Gerät entscheidet somit nicht über die Eignung.
Wie komplex die Schallverarbeitung ist, verdeutlichen auch Untersuchungen zum menschlichen Gehör. Akustische Informationen werden in der Cochlea nicht wie bei einem einfachen Lautstärkeregler verarbeitet, sondern über spezialisierte Sinneszellen und Nervenbahnen nach Frequenzen aufgeteilt. Mit einer begrenzten Zahl elektrischer Kontakte muss ein technisches Implantat diese biologische Informationsverarbeitung annähern.
40 Stunden Akkulaufzeit bestimmen den Betrieb des Implantats
Auch die Energieversorgung liegt im Körper. Laut den technischen Angaben des Herstellers besitzt TICI UNICO einen integrierten Lithium-Ionen-Akku, der bei voller Ladung bis zu 40 Stunden Betrieb ermöglichen soll. Ungefähr eine Stunde dauert laut Produktdaten ein vollständiger Ladevorgang. MED-EL nennt zudem eine erwartete Akkulebensdauer von mindestens 15 Jahren, wenn das System täglich ganztägig genutzt und einmal pro Tag geladen wird.
Für das Laden kommt ein externes Zubehörgerät zum Einsatz, das mit dem Implantat zusammenarbeitet. Es verbindet sich mit der implantierten Energieversorgung und kann zugleich zum Ein- und Ausschalten dienen. Als Ladehilfe gehört es damit zum Energieversorgungssystem, ist aber kein ständig benötigter Audioprozessor. Nach Angaben des Unternehmens können Nutzer auch während des Ladevorgangs weiter hören.
Bei einer Magnetresonanztomografie müssen ebenfalls konkrete technische Bedingungen beachtet werden. Unter festgelegten Voraussetzungen ist das System laut Hersteller für Magnetfelder von 1,5 und 3 Tesla geeignet. Innerhalb des hermetisch verschlossenen Titangehäuses kann sich der Magnet im Implantat ausrichten; für bestimmte Untersuchungen lässt er sich laut Herstellerangaben entfernen. Vor einer MRT-Untersuchung müssen Patienten und Radiologen trotzdem die jeweils gültigen Vorgaben für das konkrete Implantat beachten.
„Vollständig implantiert“ heißt beim Akku und bei der Ladeeinheit also nicht, dass keinerlei Zubehör mehr gebraucht wird. Unter der Haut bleibt das eigentliche Hörsystem, Energie muss jedoch regelmäßig von außen zugeführt werden. Zur Versorgung gehören weiterhin Anpassung, Nachsorge und technische Kontrollen. Die Neuerung betrifft vor allem die Art, wie das Gerät Geräusche aufnimmt und im Alltag getragen wird.
München und Lüttich versorgen erste Patienten mit TICI UNICO
Zu den ersten Chirurgen mit Implantationserfahrung zählen Professor Joachim Müller vom LMU Klinikum München und Professor Philippe Lefèbvre vom Universitätsklinikum CHU Lüttich. Den Nutzen beschreiben die beteiligten Ärzte vor allem für Situationen, in denen herkömmliche externe Prozessoren abgelegt werden müssen. Betroffene können dadurch auch nachts Geräusche wahrnehmen oder beim Wassersport auf einen außen getragenen Audioprozessor verzichten.
Von ersten Nutzern berichtet MED-EL, deren Alltag sich durch den Wegfall des sichtbaren Geräts verändert habe. Eine deutsche Nutzerin erzählte dem Unternehmen, sie könne ihre kleine Tochter nachts hören und schneller auf sie reagieren. Beim Schwimmen könne ein österreichischer Nutzer nach eigenen Angaben das Lachen und Plantschen seiner Familie wahrnehmen. Solche persönlichen Aussagen veranschaulichen mögliche Vorteile, ersetzen jedoch keine unabhängige Auswertung langfristiger Ergebnisse.
Von diesen Erfahrungen zu unterscheiden sind Daten über andere vollständig implantierbare Hörsysteme. Eine im Fachjournal Ear & Hearing veröffentlichte Machbarkeitsstudie untersuchte ein TICI-Forschungssystem des Herstellers Cochlear und nicht das MED-EL-Modell UNICO. Bei den Teilnehmern verbesserten sich in dieser Untersuchung die Sprachtestergebnisse; zugleich kam es bei zwei Personen zu technischen Ausfällen, weil Flüssigkeit in das Mikrofon eindrang. Daraus werden Herausforderungen bei der Entwicklung vollständig implantierter Mikrofone sichtbar, nicht aber die Leistungsfähigkeit des neuen MED-EL-Produkts belegt.
In eine längere Entwicklung immer kleinerer Hörtechnik reiht sich das neue System ein. Moderne Hörgeräte mit künstlicher Intelligenz können Sprache bereits gezielt aus störenden Geräuschen hervorheben, bleiben jedoch außen am Ohr sichtbar. Cochlea-Implantate verfolgen einen anderen Ansatz, indem sie den Hörnerv elektrisch ansprechen. TICI UNICO verbindet diese etablierte Implantattechnik mit dem Versuch, auch die bisher außen liegenden Komponenten im Körper unterzubringen.
Europa erlaubt die Versorgung für ausgewählte Patienten
Eine CE-Kennzeichnung hat TICI UNICO erhalten; in mehreren europäischen Ländern wird das System eingeführt. Damit ist der Vertrieb im europäischen Wirtschaftsraum möglich, eine automatische Eignung für jeden Menschen mit Hörverlust folgt daraus jedoch nicht. Laut Herstellerinformation richtet sich das System an Personen mit schwerer bis hochgradiger sensorineuraler Schwerhörigkeit, für die ein Cochlea-Implantat grundsätzlich infrage kommt. Ob das vollständig implantierte Modell geeignet ist, entscheidet ein spezialisiertes Hörimplantat-Team nach medizinischen, audiologischen und anatomischen Untersuchungen.
Welche Vorteile ein Patient im Alltag benötigt, kann bei der Auswahl ebenfalls eine Rolle spielen. Wer regelmäßig schwimmt, nachts auf Geräusche angewiesen ist oder äußere Technik als störend empfindet, könnte von einem implantierten Mikrofon profitieren. Mit einem herkömmlichen System können andere Patienten besser versorgt sein, beispielsweise wenn ihre individuelle Anatomie oder Hörsituation gegen die neue Bauform spricht. Das unsichtbare Implantat ergänzt deshalb die bisherigen Cochlea-Implantate, statt sie pauschal zu ersetzen.
Für die weitere Bewertung kommt es auf unabhängige Langzeitdaten an. Dazu zählen die Stabilität des Mikrofons unter der Haut, die tatsächliche Sprachverständlichkeit in lauten Umgebungen, die Haltbarkeit des Akkus und mögliche Komplikationen nach Jahren des Tragens. Auch bei unterschiedlichen Haut- und Gewebeverhältnissen muss die klinische Erfahrung zeigen, wie gut die Technik funktioniert. Mit der Markteinführung beginnt eine breitere Versorgung außerhalb einer reinen Machbarkeitsphase.
Als nächstes müssen spezialisierte Kliniken Erfahrungen mit der Patientenauswahl, der chirurgischen Positionierung und der Nachsorge sammeln. Besonders relevant wird für Betroffene sein, wie sich die Hörqualität in Alltagssituationen entwickelt, wenn mehrere Menschen gleichzeitig sprechen oder Hintergrundgeräusche stören. Erst solche Daten werden erkennen lassen, für welche Patientengruppen das unsichtbare System einen messbaren Vorteil gegenüber etablierten Implantaten bietet.
MED-EL, MED-EL präsentiert das weltweit erste und einzige unsichtbare Cochlea-Implantat MED-EL TICI UNICO
National Institute on Deafness and Other Communication Disorders, Cochlear Implants
National Institute for Health and Care Excellence, Cochlear implants for children and adults with severe to profound deafness – The technology