Häufige Antibiotikaverordnungen seit der späten Kindheit hängen in einer schwedischen Untersuchung mit Reizdarm im jungen Erwachsenenalter zusammen. Der Zusammenhang fiel bei mehreren Verordnungen stärker aus. Damit rücken mögliche langfristige Folgen für den Darm in den Blick. Die bislang als Kongressbeitrag vorgestellten Beobachtungsdaten beweisen jedoch nicht, dass die Medikamente die Beschwerden verursacht haben.
Das Team um Jessica Sjölund untersuchte 2.853 Teilnehmer der schwedischen Geburtskohorte BAMSE. Wie die Fachgesellschaft United European Gastroenterology berichtet, wurden Registerdaten zu Antibiotikaverordnungen mit einer Erhebung zu Reizdarm im Alter von 24 Jahren verknüpft. Die Medikamentendaten begannen, als die Teilnehmer etwa neun bis elf Jahre alt waren. Verordnungen aus dem letzten Jahr vor der Erhebung blieben ausgeschlossen. Die Auswertung betrifft damit eine längere Lebensphase, aber nicht die gesamte Zeit seit der Geburt.
Reizdarm bezeichnet eine Kombination wiederkehrender Beschwerden. Dazu gehören Bauchschmerzen und veränderte Stuhlgewohnheiten, etwa Durchfall, Verstopfung oder ein Wechsel zwischen beiden. Die Beschwerden können bestehen, ohne dass eine sichtbare Schädigung des Verdauungstrakts ihre Ausprägung erklärt. Das macht sie nicht weniger real. Medizinisch wird das Reizdarmsyndrom den Störungen der Wechselwirkung zwischen Darm und Gehirn zugeordnet.
Diese Einordnung ist für die Antibiotikafrage wichtig, weil es nicht den einen einfachen Entstehungsweg gibt. Eine veränderte Empfindlichkeit des Darms, seine Bewegungsabläufe, frühere Infektionen und weitere Einflüsse können zusammenwirken. Über die Darm-Hirn-Achse steht das Verdauungssystem in engem Austausch mit dem zentralen Nervensystem. Ein Zusammenhang mit Medikamenten muss deshalb in dieses größere Bild eingeordnet werden. Er ersetzt weder die Untersuchung anderer Faktoren noch eine individuelle Diagnose.
Im Alter von 24 Jahren hatten zehn Prozent der Teilnehmer Reizdarm. Von ihnen waren 87,8 Prozent zuvor Antibiotika verordnet worden, gegenüber 80,2 Prozent der Teilnehmer ohne Reizdarm. Nach Berücksichtigung von Geschlecht und familiärer sozioökonomischer Situation lagen die statistischen Chancen, die sogenannten Odds, bei vorausgegangenen Verordnungen um den Faktor 1,5 höher. Das zugehörige 95-Prozent-Konfidenzintervall reichte von 1,0 bis 2,2. Die Schätzung ist damit mit einer erheblichen Unsicherheit verbunden.
Mit zunehmender Zahl der Verordnungen stieg der geschätzte Zusammenhang. Bei ein bis zwei Verordnungen betrug das Chancenverhältnis 1,3, bei drei bis fünf 1,6 und bei mindestens sechs 1,7, jeweils gegenüber keiner Verordnung. Diese Abstufung ist wissenschaftlich interessant, weil sie mit einer kumulativen Belastung vereinbar wäre. Sie beweist einen solchen Mechanismus jedoch nicht. Häufige Verordnungen können ebenso häufige oder andersartige Erkrankungen und Unterschiede in der medizinischen Versorgung widerspiegeln.
Ein Chancenverhältnis von 1,5 bedeutet nicht automatisch, dass das Erkrankungsrisiko um 50 Prozent steigt. Odds vergleichen die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses mit der Wahrscheinlichkeit seines Ausbleibens. Das lässt sich an einem rein rechnerischen Beispiel zeigen: Bei einer Ausgangswahrscheinlichkeit von zehn Prozent betragen die Odds zehn zu neunzig. Werden diese mit 1,5 multipliziert, ergibt sich eine Wahrscheinlichkeit von etwa 14,3 Prozent. Das wäre ein Unterschied von rund 4,3 Prozentpunkten.
Dieses Beispiel ist keine Risikoberechnung für die untersuchten Teilnehmer. Die zehn Prozent aus der Untersuchung beziehen sich auf die gesamte Gruppe und sind nicht automatisch der passende Ausgangswert für Teilnehmer ohne Antibiotikaverordnung. Für eine belastbare absolute Risikodarstellung wären entsprechend aufgeschlüsselte Daten und die genaue statistische Modellierung erforderlich. Die Unterscheidung verhindert, dass aus einer relativen Kennzahl eine übertriebene persönliche Gefahrenaussage wird. Sie ist besonders relevant, wenn ein Ergebnis außerhalb eines Fachpublikums diskutiert wird.
Antibiotika richten sich gegen Bakterien und können dabei auch Mikroorganismen beeinflussen, die zum normalen Darmökosystem gehören. Das Darmmikrobiom kann sich nach einer Antibiotikabehandlung längerfristig verändern. Damit existiert ein biologisch nachvollziehbarer Ansatz für weitere Untersuchungen. Aus der bloßen Plausibilität folgt aber nicht, dass genau dieser Weg den beobachteten Zusammenhang erklärt. Dafür müssten Veränderungen des Mikrobioms und die Entwicklung der Beschwerden gemeinsam verfolgt werden.
Ebenso wichtig ist der Anlass der Behandlung. Eine Infektion kann selbst mit späteren Darmbeschwerden zusammenhängen. Werden anschließend Antibiotika verordnet, treten Medikament und mögliche Krankheitsursache gemeinsam auf. Ein Vergleich behandelter und unbehandelter Personen trennt diese Einflüsse nicht automatisch. Methodisch wäre deshalb besonders aufschlussreich, Menschen mit möglichst vergleichbaren Infektionen und unterschiedlicher Behandlungsgeschichte gegenüberzustellen, soweit dies mit geeigneten Daten möglich ist.
Registerdaten haben einen Vorteil gegenüber einer rückblickenden Befragung: Die Teilnehmer müssen sich nicht Jahre später an jede einzelne Verordnung erinnern. Zugleich dokumentiert eine Verordnung nicht vollständig, ob, wie lange und in welcher Weise ein Medikament tatsächlich eingenommen wurde. Auch der zeitliche Abstand zur Reizdarmerhebung löst nicht jede Unsicherheit. Er verringert bestimmte unmittelbare Überschneidungen, beweist aber nicht, dass zuvor noch keine Beschwerden vorhanden waren. Eine prospektiv geführte Geburtskohorte macht daher nicht jede darin durchgeführte Analyse automatisch zu einem Nachweis neu entstandener Erkrankungen.
Der Kongressbericht liefert außerdem weniger methodische Einzelheiten als eine vollständig begutachtete Fachveröffentlichung. Für die weitere Bewertung sind unter anderem der Umgang mit Infektionen, anderen Medikamenten und bereits bestehenden Beschwerden wichtig. Die Ergebnisse begründen zusätzliche Untersuchungen zu möglichen langfristigen Zusammenhängen. Aus ihnen lässt sich jedoch keine Änderung einer individuellen Antibiotikabehandlung ableiten. Der entscheidende wissenschaftliche nächste Schritt ist, den Einfluss der behandelten Erkrankungen besser von einem möglichen zusätzlichen Einfluss der Medikamente zu trennen.
United European Gastroenterology, Antibiotic use from childhood linked to higher odds of IBS in young adulthood
Sjölund et al., Antibiotic use from childhood and risk of adult irritable bowel syndrome: findings from a prospective birth cohort, Kongressbeitrag bei der UEG Week
National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases, Definition & Facts for Irritable Bowel Syndrome; Symptoms & Causes of Irritable Bowel Syndrome