Alterungsprozesse

Gene beeinflussen die menschliche Lebenserwartung stärker als angenommen

 Robert Klatt

Lebenserwartung des Menschen )moc.sotohptisopednijeyhgnaK(Foto: © 

Die Wissenschaft ging lange davon aus, dass die Gene des Menschen seine Lebenserwartung nur geringfügig beeinflussen. Nun wurde entdeckt, dass der vererbbare Anteil größer ist als Umweltfaktoren wie der Lebensstil und die Gesundheitsversorgung.

Rechovot (Israel). Die Wissenschaft beschäftigt sich schon lange mit der Frage, ob die Lebenserwartung des Menschen vor allem durch den Lebensstil und die Umweltbedingungen, die Alterungsprozesse beschleunigen, oder durch seine Gene beeinflusst wird. Dazu hat sie vor allem Zwillingsstudien und Stammbaumanalysen verwendet, deren Ergebnisse sich jedoch stark voneinander unterscheiden.

„Aktuelle Schätzungen anhand von Zwillingsstudien zeigen eine Vererblichkeit von nur 20 bis 25 Prozent, und aktuelle groß angelegte Stammbaumstudien legen nahe, dass sie sogar nur bei 6 Prozent liegt.“

Wie Forscher des Weizmann-Instituts für Wissenschaften erklären, sind die meisten Studien zudem ungenau, weil sie auf Daten von Menschen basieren, die im 18. oder 19. Jahrhundert zur Welt kamen und deshalb deutlich öfter relativ jung an Infektionskrankheiten und anderen Ursachen gestorben sind, die dank der modernen Medizin deutlich weniger Menschen töten.

„Solche Todesfälle, die nichts mit der genetischen Veranlagung zu tun haben, verfälschen die Schätzung des vererbbaren Anteils an der Lebensdauer.“

Daten von großen Zwillingsstudien

Die Forscher haben deshalb auf Basis von drei großen Zwillingsstudien aus Skandinavien eine neue Studie erstellt, die untersucht hat, wie stark die Gene die Lebensdauer beeinflussen. Vorzeitige Todesfälle durch Infektionen, Unfälle und andere Ursachen, die nicht auf die Gene zurückgehen, wurden herausgerechnet, damit ausschließlich die sogenannten intrinsischen Todesursachen verbleiben.

„Diese intrinsische Mortalität resultiert aus Prozessen innerhalb des Körpers, darunter genetische Mutationen, altersbedingte Krankheiten und der Rückgang der physiologischen Funktionen mit zunehmendem Alter.“

Laut den neuen Ergebnissen liegt der genetische Anteil an der Lebensdauer bei rund 55 Prozent, also mehr als doppelt so hoch, wie in früheren Studien festgestellt wurde. Die Wissenschaftler halten diesen Wert für richtig, weil beim Menschen auch viele andere physiologische Eigenschaften etwa zur Hälfte von den Genen abhängen.

Risiko für Demenz und Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Die Studie zeigt, dass unter anderem das Risiko für Demenz und Herz-Kreislauf-Erkrankungen größtenteils vererbt wird, während der vererbbare Anteil bei Krebs deutlich geringer ist und vor allem externe Risikofaktoren, wie Rauchen oder ein hoher Alkoholkonsum, die Auslöser sind. Die deutlichen Unterschiede in der Lebenserwartung, die sich nicht durch die Gene erklären lassen, werden somit primär durch Umweltfaktoren verursacht, darunter der Lebensstil, die Gesundheitsversorgung und andere sozioökonomische Einflüsse.

Laut Morten Scheibye-Knudsen von der Universität Kopenhagen, der an der Studie nicht beteiligt war, können die neuen Ergebnisse dabei helfen, biologische Signalwege zu finden, die erklären, wieso manche Menschen deutlich älter als der Durchschnitt werden.

„Die Studie hat wichtige Konsequenzen für die Alterungsforschung. Ein erheblicher genetischer Beitrag stärkt die Begründung für groß angelegte Bemühungen, Varianten zu identifizieren, die mit Langlebigkeit in Verbindung stehen.“

Quellen:

Studie im Fachmagazin Science, doi: 10.1126/science.adz1187

Spannend & Interessant
VGWortpixel