Ein Tropfen Flüssigkeit auf einem schwammbesetzten Applikator, wenige Sekunden pro Zahn, kein Bohrer und keine Spritze: So sieht die Behandlung aus, die Karies bei kleinen Kindern zum Stillstand bringen soll. Eine Phase-III-Studie mit 830 Kindern unter sechs Jahren hat das Verfahren erstmals in den USA im großen Maßstab geprüft. Verwendet wurde eine 38-prozentige Lösung von Silberdiaminfluorid, aufgetragen im Abstand von sechs Monaten. Vom Ergebnis hängt ab, ob tausende Kleinkinder künftig ohne Operationssaal auskommen.
Karies entsteht, wenn Bakterien im Zahnbelag Kohlenhydrate zu organischen Säuren umsetzen und der pH-Wert an der Zahnoberfläche wiederholt absinkt. Dabei lösen sich Calcium- und Phosphationen aus dem Hydroxylapatit heraus, die Oberfläche wird porös, und schließlich bricht eine Kavität ein. Bei Milchzähnen läuft dieser Prozess schneller ab als bei bleibenden Zähnen, weil der Schmelzmantel dünner ist und der Abstand zum Zahnnerv geringer ausfällt. Bleibt eine solche Läsion unbehandelt, folgen Schmerzen, Entzündungen und im schlechtesten Fall eine Sanierung unter Vollnarkose. Allein in den USA erreichen jedes Jahr tausende Kleinkinder mit Zahnproblemen eine Notaufnahme, in der sie nicht versorgt werden können. Die Kinderzahnheilkunde sucht deshalb seit langem nach Verfahren, die eine Läsion stoppen, ohne dass ein Kind über längere Zeit stillhalten oder betäubt werden muss.
Silberdiaminfluorid vereint zwei Wirkprinzipien in einer klaren Lösung. Silberionen wirken antibakteriell und hemmen die Enzyme, mit denen Bakterien das Dentin abbauen, während Fluorid die Remineralisierung der Restsubstanz fördert und den verbliebenen Zahnschmelz widerstandsfähiger macht. In zahlreichen Ländern gehört das Mittel seit Jahrzehnten zum Alltag, in den USA ist es seit 2014 als Medizinprodukt gegen überempfindliche Zahnhälse zugelassen und wurde seither außerhalb dieser Zulassung auch gegen Läsionen eingesetzt. Was bislang fehlte, war eine große Wirksamkeitsstudie in der amerikanischen Bevölkerung, wie sie eine Arzneimittelzulassung verlangt. Parallel arbeiten andere Gruppen daran, verlorene Substanz zurückzuholen, etwa mit einem bioinspirierten Gel zur Regeneration von Zahnschmelz, das im Labor eine geordnete Kristallschicht aufbaut.
Die von der University of Michigan geleitete Untersuchung rekrutierte 830 Kinder unter sechs Jahren über Zahnarztpraxen, kinderärztliche Praxen und Frühförderprogramme in Michigan, New York und Iowa. Alle Teilnehmer hatten eine schwere frühkindliche Erkrankung mit mindestens einer aktiven, bis ins Dentin reichenden Läsion. Die Mitteilung der University of Michigan beschreibt den Ablauf als denkbar einfach, weil pro Zahn nur wenige Sekunden nötig sind und ein winziger Applikator genügt. Nach halbjährlicher Anwendung kam der Zerfall in mehr als der Hälfte der behandelten Milchzähne zum Stillstand, ohne Bohren, ohne Injektion und ohne Sedierung. Die Gruppe um Margherita Fontana wertet die klinische Studie als Grundlage für eine Zulassung als Arzneimittel gegen Läsionen.
Das Verfahren hat einen Nachteil, der sich nicht vermeiden lässt. Die Silberverbindung reagiert mit den Abbauprodukten im erweichten Dentin und färbt die behandelte Stelle dauerhaft tiefschwarz, während gesunde Substanz unverändert bleibt. Bei Backenzähnen fällt das kaum auf, bei sichtbaren Frontzähnen ist die Verfärbung deutlich, und Eltern müssen vor der ersten Anwendung darüber aufgeklärt werden. Abgewogen wird also nicht zwischen makellos und verfärbt, sondern zwischen einem dunklen Fleck und einem Eingriff im Operationssaal. Fluoridhaltige Alternativen ohne diesen Effekt existieren, wirken aber schwächer, sobald eine Kavität bereits offen liegt. Eine Zahnpasta mit Hydroxylapatit statt Fluorid erreichte bei Erwachsenen eine vergleichbare vorbeugende Wirkung, ersetzt jedoch keine Behandlung bestehender Defekte.
Für die Versorgung ändert sich vor allem die Reihenfolge. Ein Defekt muss nicht mehr sofort ausgebohrt werden, sondern kann zunächst arretiert und beobachtet werden, bis ein Kind alt genug für eine reguläre Füllung ist, die der Zahnarzt dann in Ruhe setzen kann. Das entlastet Wartelisten für Eingriffe in Narkose und senkt die Kosten erheblich, weil eine Anwendung im Bereich weniger Euro liegt. Übertragbar ist der Befund allerdings nur eingeschränkt, denn untersucht wurden Kinder mit ausgeprägter Erkrankung über einen begrenzten Zeitraum. Wie lange ein arretierter Defekt stabil bleibt und wie oft nachbehandelt werden muss, ist offen. Parallel verfolgt die Forschung Ansätze, die den Zahnbelag selbst schwächen, etwa einen Pflanzenstoff aus Gemüse gegen den bakteriellen Biofilm, dessen Wirkung bislang vor allem im Modell belegt ist.
JAMA Pediatrics, Efficacy of Silver Diamine Fluoride on Young Children With Severe Early Childhood Caries; doi:10.1001/jamapediatrics.2026.2567