Enge Unterwäsche ist in einer Untersuchung mit fast 27.000 Männern mit ungünstigeren Werten der Spermienqualität verbunden. Die Teilnehmer suchten eine Fertilitätsklinik auf, weshalb der Befund nur eingeschränkt auf andere Männer übertragbar ist und keine Ursache beweist. Hinter den auffälligen Prozentangaben steckt außerdem eine Unterscheidung, die für die Frage nach einem unerfüllten Kinderwunsch entscheidend ist.
Bei 26.836 Männern haben Mediziner einen Zusammenhang zwischen eng anliegender Unterwäsche und mehreren ungünstigen Befunden in Samenproben festgestellt. Urologe Xue-Chun Hu und seine Kollegen untersuchten dafür Männer bei einer Fruchtbarkeitsabklärung an einer Universitätsklinik in Hefei in China. Ihre Untersuchung im Asian Journal of Andrology ist die bislang größte Studie zu dieser konkreten Frage. Im Mittelpunkt standen das Samenvolumen, die Beweglichkeit und Form der Samenzellen sowie die Unversehrtheit ihres Erbguts.
Nach eigenen Angaben trugen 21.221 Teilnehmer überwiegend lockere Unterwäsche, während 5.615 Männer körpernah sitzende Modelle bevorzugten und die Vergleichsgruppe bildeten. Als Querschnittsstudie verknüpft die Arbeit die berichtete Kleidungswahl mit den Laborbefunden, ohne den Männern zuvor zufällig unterschiedliche Unterhosen zuzuteilen. Andere Lebensgewohnheiten können deshalb sowohl mit dem Kleidungsstil als auch mit den untersuchten Körperfunktionen zusammenhängen und die Ergebnisse beeinflussen. Eine klinische Auswahl von Männern mit Fragen zu ihrer Fruchtbarkeit bildet zudem die männliche Allgemeinbevölkerung nur eingeschränkt ab.
Für ein vermindertes Samenvolumen lagen die statistisch bereinigten Chancen bei enger Kleidung um 18 Prozent höher als bei lockerer Unterwäsche. Bei einer verringerten Gesamtzahl beweglicher Spermien betrug der entsprechende Unterschied 12 Prozent, bei einem verminderten Anteil normal geformter Zellen 48 Prozent. Gemeint sind jeweils erhöhte Odds, also das Verhältnis zwischen Männern mit und ohne den betreffenden auffälligen Befund innerhalb einer Gruppe. Die genannten Werte vergleichen diese Verhältnisse zwischen den Gruppen; sie beziffern keinen ebenso großen Verlust an einzelnen Samenzellen oder Samenflüssigkeit.
Beim Befund eines erhöhten DNA-Fragmentierungsindex lagen die Odds um 108 Prozent höher; der Laborwert beschreibt Schäden am Erbgut der Spermien. Für eine persönliche Wahrscheinlichkeit ist zusätzlich maßgeblich, wie häufig der betreffende Befund in der untersuchten Vergleichsgruppe überhaupt vorkommt. Bei der Beurteilung einer Probe werden außerdem bewegliche Zellen von solchen unterschieden, die sich tatsächlich vorwärts durch die Flüssigkeit bewegen. Für diese progressive Beweglichkeit sowie die Gesamtbeweglichkeit meldete das Team ebenfalls statistisch auffällige Zusammenhänge mit der engeren Kleidung.
Als biologischer Mechanismus kommt Wärme infrage, denn die Hoden arbeiten bei niedrigeren Temperaturen als der übrige Körper am günstigsten. Wie Kleidung diese Bedingungen beeinflusst, untersuchte der Androloge Andreas Jung mit Kollegen der Justus-Liebig-Universität Gießen in einem kontrollierten Versuch mit Temperaturfühlern. An beiden Seiten des Hodensacks befestigte Sensoren lieferten bei 50 gesunden Freiwilligen minütlich Messwerte an ein tragbares Aufzeichnungsgerät. In festgelegter, zufälliger Reihenfolge wechselten die Männer zwischen enger, weiter und fehlender Unterwäsche, während die übrige Kleidung standardisiert blieb.
Während des Experiments hielt das Team den Raum auf 20 Grad Celsius und ließ die Probanden abwechselnd sitzen oder auf einem Laufband gehen. Jede Phase dauerte 45 Minuten, wobei das Gerät beim Gehen ein Tempo von drei Kilometern pro Stunde vorgab. Mit engeren Unterhosen war die Temperatur am Hodensack höher, und auch das Sitzen erwies sich gegenüber dem Gehen als wärmer. Der Versuch belegt einen Einfluss der Kleidung auf die lokale Wärme, erfasste aber keinen Erfolg beim Versuch, ein Kind zu zeugen.
Zusätzliche Hinweise liefert eine frühere Untersuchung der Harvard-Forscher um Lidia Mínguez-Alarcón, an der 656 Männer aus einer Fertilitätsklinik beteiligt waren. Teilnehmer, die vorwiegend Boxershorts trugen, hatten eine um 25 Prozent höhere Spermienkonzentration und eine um 17 Prozent höhere Gesamtzahl. In der Teilgruppe mit Hormonmessungen lag bei Boxershortsträgern das follikelstimulierende Hormon FSH, das die Spermienproduktion anregt, um 14 Prozent niedriger. Das Team deutete dieses Muster als Hinweis darauf, dass der Körper eine beeinträchtigte Produktion durch stärkere hormonelle Signale auszugleichen versucht. Bei den übrigen untersuchten Hormonen und den Markern für DNA-Schäden ergaben sich in dieser Arbeit keine statistisch gesicherten Zusammenhänge.
In Hus Untersuchung waren unter den Trägern enger Unterwäsche Raucher und Alkoholkonsumenten häufiger vertreten, ebenso Männer mit Prostataentzündungen oder Varikozelen. Bei Letzteren erweitern sich Venen am Hoden, sodass bereits vor der Laboranalyse unterschiedliche medizinische Ausgangslagen innerhalb der Gruppen bestehen. Statistische Modelle können bekannte Begleitfaktoren berücksichtigen; ungenau erfasste oder gar nicht erhobene Einflüsse bleiben dabei als mögliche Erklärung bestehen. Auch eine sehr große Teilnehmerzahl löst dieses methodische Problem nicht, weil zusätzliche Beobachtungen eine fehlende Messung nicht ersetzen können.
Wie sehr der Zeitpunkt einer Probe ihre Eigenschaften prägen kann, verdeutlicht eine Metaanalyse der Universität Oxford mit 115 Untersuchungen am Menschen. Längere sexuelle Enthaltsamkeit ging darin mit mehr oxidativem Stress und DNA-Schäden sowie geringerer Beweglichkeit und Lebensfähigkeit der gespeicherten Spermien einher. Die Biologen erklären dies unter anderem mit begrenzten Energiereserven und eingeschränkten Reparaturmöglichkeiten der reifen Zellen während ihrer Lagerung im Körper. Solche Befunde zur Ejakulationshäufigkeit und Spermienqualität verdeutlichen, warum Vergleiche von Samenproben auch die Zeit seit der letzten Ejakulation berücksichtigen müssen.
Weitere Einflüsse reichen über persönliche Gewohnheiten hinaus, wie eine Untersuchung aus Shanghai zum Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und Samenqualität erkennen lässt. Bei 33.876 Männern war eine höhere Belastung mit bestimmten Feinstaubpartikeln mit schlechterer Beweglichkeit verbunden, während Spermienzahl und Konzentration keine entsprechenden Zusammenhänge zeigten. Der Befund zu Feinstaub und der Beweglichkeit von Spermien betrifft damit einzelne Eigenschaften und keinen gleichmäßigen Rückgang sämtlicher Laborwerte. Für die Suche nach Ursachen müssen die verschiedenen Messgrößen getrennt betrachtet und mögliche Belastungen über den Alltag hinweg erfasst werden.
Ob sich aus der Unterwäschewahl ein messbarer Unterschied für den Kinderwunsch ergibt, untersuchte eine vorausschauende Studie mit 501 Paaren aus Michigan und Texas. Katherine Sapra und ihre Kollegen begleiteten die Teilnehmer nach dem Absetzen der Verhütung über bis zu zwölf Monate hinweg. Die Männer beschrieben ihre Unterwäsche am Tag und im Bett; das Team erfasste, ob und wann ein Schwangerschaftstest positiv wurde. Zwischen den Kleidungsgruppen fanden die Wissenschaftler keinen statistisch gesicherten Unterschied in der Wartezeit bis zur Schwangerschaft oder beim Auftreten von Unfruchtbarkeit.
Auch zunächst auffällige Unterschiede einzelner Samenparameter verloren in dieser Untersuchung ihre statistische Bedeutung, nachdem die Vielzahl gleichzeitig geprüfter Merkmale berücksichtigt wurde. Mit jedem zusätzlich betrachteten Merkmal steigt bei solchen Vergleichen die Gelegenheit, allein durch Zufall einen scheinbar bedeutsamen Unterschied zu finden. Nach den Erläuterungen der Weltgesundheitsorganisation zur Samenanalyse hängt die Aussicht auf eine Schwangerschaft außerdem von den Voraussetzungen beider Partner und weiteren Faktoren ab. Aus einem einzelnen Spermiogramm lässt sich deshalb keine verlässliche individuelle Schwangerschaftschance berechnen, und ein Unterwäschewechsel bleibt als wirksame Kinderwunschmaßnahme unbewiesen.
Neben den Samenparametern wertete Hus Team ergänzend standardisierte Fragebögen zur Erektionsfähigkeit und zum vorzeitigen Samenerguss als eigenständige, explorative Fragestellung aus. In der Gruppe mit enger Unterwäsche wurden Erektionsprobleme bei 62,7 Prozent erfasst, in der Gruppe mit lockeren Modellen bei 57,8 Prozent. Für vorzeitigen Samenerguss lagen die entsprechenden unbereinigten Anteile bei 30,8 beziehungsweise 23,2 Prozent; die Beschwerden waren somit in beiden Gruppen verbreitet. Ob dafür lokale Wärme, bestehende Erkrankungen oder andere Unterschiede verantwortlich sind, muss in gezielt darauf ausgerichteten Untersuchungen geklärt werden.
Asian Journal of Andrology, Association between tight underwear and semen quality in men seeking fertility evaluation: an exploratory analysis of sexual dysfunction; doi:10.4103/aja202646
Human Reproduction, Type of underwear worn and markers of testicular function among men attending a fertility center; doi:10.1093/humrep/dey259
Andrology, Choice of underwear and male fecundity in a preconception cohort of couples; doi:10.1111/andr.12163
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