Zellmobilisierung

Ein Saunagang bei 73 Grad verändert das Blutbild sofort

 Dennis Lenz

Ein Saunagang bei 73 Grad verändert das Blutbild sofort
(Symbolbild). Ein finnischer Saunagang bei rund 73 Grad Celsius treibt die Körpertemperatur binnen einer halben Stunde um etwa zwei Grad nach oben. Eine finnische Untersuchung mit 51 Teilnehmern hat systematisch erfasst, wie das Blut unmittelbar darauf reagiert. Gemessen wurden sämtliche Untergruppen der weißen Blutkörperchen sowie 37 verschiedene Botenstoffe. Die Ergebnisse zeigen ein klares Muster, das sich zwischen Frauen und Männern unterscheidet. (Foto: © Forschung und Wissen)

Ein einziger Besuch in der Schwitzkabine wirkt offenbar tiefer in den Körper hinein als bislang belegt. Finnische Forscher haben gemessen, was ein 30-minütiger Saunagang bei 73 Grad Celsius im Blut auslöst. Bereits unmittelbar nach dem Verlassen der Kabine verschiebt sich die Zusammensetzung der Abwehrzellen deutlich. Auffällig ist dabei, dass die Reaktion bei Frauen und Männern unterschiedlich lange anhält.

Saunieren gehört in Deutschland zu den verbreitetsten Formen der aktiven Erholung, doch physiologisch betrachtet handelt es sich um eine kontrollierte Belastung. In einer klassischen finnischen Kabine liegt die Lufttemperatur meist zwischen 70 und 100 Grad Celsius bei sehr geringer Luftfeuchtigkeit von etwa 10 bis 20 Prozent. Der Organismus reagiert darauf mit einer Umverteilung des Blutflusses in die Haut, mit steigender Herzfrequenz und mit einem messbaren Anstieg der Körpertemperatur. Diese Hitzebelastung ähnelt in mehreren Punkten einer moderaten körperlichen Anstrengung, obwohl der Mensch dabei ruhig sitzt. Welche Spuren der kurzzeitige Wärmereiz im Immunsystem hinterlässt, war bislang nur grob umrissen. Bekannt war vor allem, dass regelmäßiges Saunieren statistisch mit weniger Atemwegsinfekten und einer niedrigeren Sterblichkeit einhergeht. Was jedoch in den ersten Minuten nach dem Aufguss tatsächlich im Kreislauf geschieht, blieb weitgehend unbeobachtet und damit auch als Erklärungsansatz unbrauchbar.

Das Immunsystem verfügt über mehrere Zellreservoire, aus denen es bei Bedarf Abwehrzellen freisetzen kann. Leukozyten zirkulieren nicht dauerhaft gleichmäßig im Blut, sondern lagern zu einem erheblichen Teil an Gefäßwänden, in der Milz, in der Lunge und im Knochenmark. Erst wenn sie in den Kreislauf gelangen, können sie Gewebe überwachen und auf Krankheitserreger reagieren. Parallel dazu steuern Botenstoffe, die Zytokine, wie stark und wie lange eine Immunantwort ausfällt. Ein Anstieg der Zellzahl bedeutet deshalb nicht automatisch eine Entzündung, sondern kann auch eine reine Umverteilung anzeigen. Große Kohortenstudien aus Finnland hatten zuvor gezeigt, dass häufige Saunabesuche mit einer geringeren Herz-Kreislauf-Sterblichkeit verbunden sind, ohne dass der zugrunde liegende biologische Weg bekannt gewesen wäre.

Was 30 Minuten bei 73 Grad im Blut auslösen

Für die Untersuchung setzte ein Team um Ilkka Heinonen von der Universität Turku und Jari Laukkanen von der Universität Ostfinnland 51 Erwachsene einer streng standardisierten Hitzebelastung aus. 27 Frauen und 24 Männer mit einem Durchschnittsalter von 50 Jahren und einem mittleren Body-Mass-Index von 27 verbrachten 30 Minuten in einer finnischen Kabine bei 73 Grad Celsius und 10 bis 20 Prozent Luftfeuchtigkeit, unterbrochen von einer kurzen kalten Dusche. Blutproben wurden vor dem Aufenthalt, unmittelbar danach und erneut 30 Minuten später entnommen, wie die im Fachjournal Temperature veröffentlichte Analyse zur akuten Saunahitze dokumentiert. Die Körpertemperatur stieg im Mittel von 36,4 auf 38,4 Grad Celsius, während das Plasmavolumen unverändert blieb. Der Effekt lässt sich damit nicht durch eine bloße Eindickung des Blutes erklären. Stattdessen verschob sich das Blutbild selbst, weil zusätzliche weiße Blutkörperchen aus den Geweben in den Kreislauf gelangten.

Warum die Botenstoffe kaum reagieren

Deutlich zurückhaltender fiel die Reaktion der Signalmoleküle aus. Von 37 gemessenen Zytokinen veränderten sich nur zwei in statistisch bedeutsamer Weise. Gleichzeitig fanden die Forscher 18 signifikante Zusammenhänge zwischen dem Anstieg der Körpertemperatur und einzelnen Zytokinspiegeln, vor allem direkt nach dem Verlassen der Kabine. Zwischen der Zahl der mobilisierten Zellen und der Temperaturzunahme bestand dagegen kein vergleichbarer Zusammenhang. Dieses Muster spricht dafür, dass Hitze zwei getrennte Ebenen bedient: eine mechanische, die Zellen aus ihren Speichern löst, und eine thermische, die die Signalgebung feinjustiert. Eine klassische Entzündungsreaktion, wie sie bei Infektionen auftritt, blieb aus. Vergleichbar indirekt verläuft auch der beschriebene Zusammenhang zwischen häufigen Saunabesuchen und einem niedrigeren Demenzrisiko, für den bis heute kein einzelner Mechanismus alles erklärt.

Was der Effekt für Saunagänger bedeutet

Für die Praxis bedeutet der Befund zunächst, dass ein Saunagang die Immunüberwachung kurzfristig verstärken kann, ohne den Körper in einen Alarmzustand zu versetzen. Abwehrzellen entfalten ihre Schutzwirkung vor allem dann, wenn sie zirkulieren und Gewebe kontrollieren. Neutrophile und Lymphozyten kehrten im Versuch bereits nach 30 Minuten auf ihre Ausgangswerte zurück, während Monozyten sowie eosinophile und basophile Granulozyten länger erhöht blieben. Bei den Frauen hielt der Anstieg der Gesamtzahl insgesamt länger an als bei den Männern. Epidemiologische Langzeitdaten aus Finnland, die häufiges Saunieren mit einer höheren Lebenserwartung in Verbindung bringen, erhalten damit eine mögliche zelluläre Erklärung. Belegt ist ein Kausalzusammenhang bislang nicht. Die Untersuchung erfasste ausdrücklich nur eine einzige Sitzung und deren unmittelbare Folgen. Zudem hatten die Teilnehmer mindestens einen kardiovaskulären Risikofaktor, waren aber herzgesund, was die Übertragbarkeit auf andere Gruppen begrenzt.

Temperature, Acute Finnish sauna heat exposure induces stronger immune cell than cytokine responses; doi:10.1080/23328940.2026.2645467

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