Rund ein Drittel der untersuchten Kinder mit vermuteter Erdnussallergie zeigte im ärztlich überwachten Provokationstest keine Reaktion auf Erdnuss. Zuvor hatten die Babys auf Erdnüsse reagiert und einen positiven Allergietest erhalten. Das Ergebnis kann Familien unnötige Einschränkungen ersparen, gilt aber für eine gezielt ausgewählte Gruppe. Der Unterschied beginnt bei der Frage, was Haut- und Bluttests über die Verträglichkeit eines Lebensmittels tatsächlich verraten.
Bei 271 von 778 Kindern, also 34,8 Prozent, blieb eine Reaktion aus, als Ärzte den Verdacht einer Erdnussallergie durch kontrollierten Verzehr überprüften. Allergologe Tim Brettig und Kollegen untersuchten diesen Befund im australischen ADAPT-Programm, das Babys Zugang zu einer frühen oralen Immuntherapie eröffnet. Ihre Arbeit im Journal of Allergy and Clinical Immunology: In Practice stellt die Abklärung vor den Behandlungsbeginn: Erst muss feststehen, ob das Lebensmittel Beschwerden auslöst.
Wie eine Familie in diese Situation gerät, beschreibt das Murdoch Children’s Research Institute am Beispiel des kleinen Arthur und seiner Eltern Leah und Jake. Nach dem ersten Kontakt mit Erdnüssen rötete sich sein Gesicht; an den Schultern und unter der Nase erschienen Quaddeln. Haut- und Bluttests deuteten anschließend auf ein erhöhtes Reaktionsrisiko hin, weshalb die Familie zunächst auf das Lebensmittel verzichtete. Im Royal Children’s Hospital vertrug Arthur später die überwachte Provokation, und seine Verdachtsdiagnose wurde aufgehoben. Seine Eltern hatten sich bereits darauf eingestellt, bei einem bestätigten Befund über eine längerfristige Behandlung zu entscheiden.
Für die rückblickende Auswertung sichtete das Team Krankenakten von insgesamt 1.275 Säuglingen, die zwischen April 2024 und Oktober 2025 abgeklärt worden waren. Vorgesehen war dieser Testweg für Kinder unter zwölf Monaten mit leichten bis mittelschweren Erdnussreaktionen und einem positiven Haut- oder Blutbefund. Das Alter beim Provokationstest lag im Median bei 13 Monaten; viele Teilnehmer hatten ihren ersten Geburtstag somit bereits hinter sich.
Nach schwereren früheren Reaktionen sah das ADAPT-Protokoll normalerweise einen anderen Einstieg in die Behandlung vor. Sie durchliefen deshalb nicht automatisch denselben diagnostischen Schwellenwerttest wie die hier untersuchte Gruppe. Aus dieser Auswahl folgt eine wichtige Grenze: Der Anteil negativer Ergebnisse beschreibt weder sämtliche erfassten Kinder noch alle Babys mit Erdnussallergie. Rückblickend lässt sich auch nicht bei jedem Kind trennen, ob die ursprünglichen Beschwerden falsch zugeordnet wurden oder eine bestehende Allergie zwischenzeitlich abgeklungen war.
Beim Hautpricktest bewertet der Arzt eine Quaddel nach Kontakt der Haut mit einem Allergen; im Blut sucht das Labor nach passenden IgE-Antikörpern. Solche Befunde zeigen eine Sensibilisierung, also eine nachweisbare Bereitschaft des Immunsystems, auf einen bestimmten Stoff zu reagieren. Ob dessen Verzehr tatsächlich Beschwerden verursacht, muss der Allergologe mit der Krankengeschichte zusammen beurteilen. Die europäische Fachgesellschaft EAACI empfiehlt deshalb zunächst eine genaue Befragung zu Symptomen, gegessenen Lebensmitteln und ihrem zeitlichen Zusammenhang. Gezielt gemessene Antikörper gegen einzelne Erdnussproteine können den Verdacht weiter erhärten.
Unter den getesteten Kindern fielen Hauttestwerte und Antikörper gegen das genannte Erdnussprotein bei positiver Provokation im Median höher aus. Aus diesen Messwerten ließ sich jedoch weder die auslösende Menge noch die Schwere einer späteren Testreaktion vorhersagen. Für Grenzfälle betrachtet die Leitlinie den überwachten Verzehr als diagnostisches Referenzverfahren und empfiehlt bei Kindern auch spätere Neubewertungen. Bereits vorliegende Hinweise auf eine gefährliche Reaktion fließen dabei in die individuelle Entscheidung über weitere Tests ein.
Im Behandlungsprogramm mischte das Personal Erdnussmehl in eine kleine Menge weicher Nahrung, welche die Familie für ihr Kind ausgewählt hatte. Anschließend wurden die Portionen unter Beobachtung schrittweise größer, bis der Test beendet war oder Beschwerden einen Abbruch verlangten. Diese Anordnung verbindet den Verdacht aus der Krankenakte mit einer unmittelbar beobachtbaren Reaktion beim Essen. Sie liefert zugleich Hinweise darauf, welche Menge bei einem tatsächlich allergischen Kind Symptome auslöst.
Für solche Untersuchungen legen Fachgesellschaften vorher fest, wann das Team fortfahren, länger beobachten oder den Versuch beenden soll. Die gemeinsame PRACTALL-Empfehlung von AAAAI und EAACI betont diese Abbruchkriterien, damit Symptome weder vorschnell als Allergie gewertet noch gefährliche Reaktionen übersehen werden. Meist reicht im klinischen Alltag ein offener Test, bei dem bekannt ist, welches Lebensmittel gegeben wird. Bleibt das Ergebnis unklar, kann eine verblindete Untersuchung helfen, bei der Vergleichsportionen das verdächtige Lebensmittel nicht enthalten.
Bezogen auf alle Provokationen traten diese schweren allergischen Reaktionen bei 7,8 Prozent der Kinder auf; laut Studienbericht wurden sämtliche Ereignisse sicher behandelt. Eine Anaphylaxie kann Atmung oder Kreislauf bedrohen und verlangt ein Team, das unmittelbar auf eine Verschlechterung reagieren kann. Deshalb gehören solche Provokationen ausschließlich unter allergologische Aufsicht mit unmittelbar verfügbarer Notfallausstattung; ein Versuch mit Erdnussbutter am Küchentisch ist kein sicherer Ersatz. Aus einem milden früheren Ausschlag oder einem niedrigen Testwert lässt sich keine verlässliche Entwarnung für einen erneuten Verzehr ableiten.
Die australisch-neuseeländische Fachgesellschaft ASCIA verlangt erfahrene Ärzte und Pflegekräfte sowie sofort verfügbares Adrenalin. Am Untersuchungstag muss das Kind gesundheitlich stabil sein; bei Fieber, einem Infekt oder einem akuten Asthma- beziehungsweise Ekzemschub wird der Termin verschoben. Auch nach der letzten Portion bleibt der Patient zur Beobachtung, weil die Beurteilung mit dem Schlucken allein noch nicht abgeschlossen ist. Die Entscheidung für den Test fällt nach einer individuellen Abwägung von Nutzen und Risiko.
Bei bestätigter Allergie nutzte das Team das Testergebnis außerdem, um eine passende Anfangsmenge für die anschließende orale Immuntherapie festzulegen. Von den 394 Kindern, die diese Behandlung begannen, gelang 384 der Einstieg mit einer Dosis unter ihrer zuvor ermittelten Reaktionsschwelle. Der dabei berichtete Erfolg beschreibt den Behandlungsstart, keine nachgewiesene Heilung oder dauerhaft freie Ernährung. Im weiteren Verlauf werden regelmäßig kleine Mengen des Allergens nach einem ärztlich festgelegten Plan gegeben, um die Verträglichkeit zu erhöhen.
Familien müssen dafür tägliche Gaben und Kontrollbesuche in ihren Alltag einbauen, erläutert das National Allergy Centre of Excellence. Zum Programm gehören ein Notfallplan, ein Adrenalin-Autoinjektor und die Möglichkeit, das zuständige Allergieteam bei Problemen zu erreichen. Ein negativer diagnostischer Test kann einem Kind diesen Behandlungsaufwand ersparen, wenn die betreuenden Ärzte die Allergie ausschließen. Bei weiteren Lebensmittelallergien bleibt deren Abklärung eigenständig: Eine auf Erdnüsse ausgerichtete Behandlung wirkt nicht automatisch gegen andere Auslöser. Über die anschließende Ernährung entscheidet das Team gemeinsam mit der Familie.
Für tatsächlich allergische Patienten werden auch andere Behandlungswege untersucht, etwa der Antikörper Omalizumab bei mehreren Lebensmittelallergien. Er bindet IgE und kann die Menge erhöhen, die Betroffene ohne Reaktion vertragen; in entsprechenden Studien blieb die Vermeidung der Auslöser weiterhin erforderlich. Solche Ergebnisse betreffen den Schutz bei bestehender Erkrankung und beantworten eine andere Frage als die anfängliche Diagnose. Das Ausbleiben von Beschwerden unter einer Behandlung erlaubt deshalb noch keinen sicheren Rückschluss auf die Verträglichkeit nach deren Ende.
Im weiteren ADAPT-Verlauf soll genau diese anhaltende Verträglichkeit geprüft werden: Nach zwei Jahren Immuntherapie sieht das Protokoll eine ärztlich begleitete Erdnusspause von acht Wochen vor. Erst danach folgt eine erneute Provokation, mit der das Team eine Remission beurteilt, also eine über die laufenden Gaben hinausreichende Beschwerdefreiheit. Ein Jahr nach diesem Abschlusstest werden außerdem der Allergiestatus, das Essverhalten und die Lebensqualität der Familien erneut erfasst. Dabei interessiert die Ärzte auch, ob Ängste beim Essen fortbestehen und wie sich der Alltag nach der Behandlung entwickelt.
Brettig et al., The Journal of Allergy and Clinical Immunology: In Practice, An Oral Food Challenge Is Required for Accurate Diagnosis of Peanut Allergy in Infants Prior to Oral Immunotherapy; doi:10.1016/j.jaip.2026.08.044
Brettig et al., Clinical & Experimental Allergy, Developing a Standardised National Model of Care for Treatment of Peanut Allergy in Infants: The ADAPT Peanut Oral Immunotherapy Program; doi:10.1111/cea.70177
Santos et al., Allergy, EAACI guidelines on the diagnosis of IgE-mediated food allergy; doi:10.1111/all.15902
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