Aerosole

Coronavirus - Online-Rechner zeigt Ansteckungsrisiko

Robert Klatt

Ein neuer Algorithmus errechnet auf Basis des aktuellen Forschungsstands das individuelle Infektionsrisiko in Innenräumen.

Mainz (Deutschland). Laut dem aktuellen Forschungsstand wird das Coronavirus SARS-CoV-2 sowohl direkt von Mensch zu Mensch über Tröpfchen aber auch indirekt über infektiöse Aerosole übertragen. Es handelt sich dabei um kleinste Schwebeteilchen, die beim Husten, Reden und Atmen freigesetzt werden und lange in der Luft verbleiben können. Das Ansteckungsrisiko ist deshalb besonders in kleinen und schlecht gelüfteten Bereichen, in denen sich viele Menschen aufhalten wie zum Beispiel in einem Aufzug hoch.

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Chemie (MPI C) haben nun einen Online-Rechner vorgestellt, der anhand des bisherigen Wissens über das Coronavirus unter Angabe der jeweiligen Raumdaten das individuelle Ansteckungsrisiko errechnet. Laut der im International Journal of Environmental Research and Public Health publizierten Details berücksichtigt der Algorithmus dabei die durchschnittliche Virenlast in Aerosolen, die Anzahl der typischerweise bei unterschiedlichen Aktivitäten freigesetzten Schwebteilchen und das unter anderem von der Architektur und der Belüftung abhängige Verhalten der Aerosole.

Infektiöse Dosis bei 300 Viren

Im Mittel atmet ein erwachsener Mensch por Minuten zehn Liter Luft ein und wieder aus. Die infektiöse Dosis liegt bei SARS-CoV-2 bei etwa 300 Viren. Wie Projektleiter Jos Lelieveld erklärt, „möchten die Wissenschaftler einen Beitrag leisten, damit zum Beispiel eine Schule oder ein Geschäft selbst ausrechnen kann, wie hoch das Infektionsrisiko in den Räumen ist und wie effektiv welche Sicherheitsmaßnahme ist.“ Der Rechner zeigt dazu an, wie stark Schutzmaßnahmen wie zum Beispiel Luftreiniger, die den Aerosolgehalt reduzieren können oder Alltagsmasken, die auch gegen Aerosole wirksam sind, das Infektionsrisiko beeinflussen.

Raumgröße, Personenanzahl und Dauer des Aufenthalts

Zur Berechnung des individuellen Infektionsrisikos benötigt der Online-Rechner eine Reihe von Parametern, darunter die Raumgröße, die Dauer des Aufenthalts und die Personenanzahl. Experten können außerdem Daten zur Viruskonzentration infizierter Personen, der Infektionsdosis und der Überlebenszeit der Viren in der Luft verändern, um genauere Ergebnisse zu erhalten. Die Übertragungswahrscheinlichkeit für das jeweilige Szenario wird anschließend automatisch ermittelt.

Dabei geht der Algorithmus davon aus, dass sich im Raum eine hochinfektiöse Person befindet, die jedoch kein Superspreader ist. Einige typische Szenarien (Büro, Klassenraum, Familienfeier) haben die Wissenschaftler außerdem bereits vorkalkuliert, um die Nutzung des Tools für Laien zu erleichtern.

Bewusstsein für Schutzmaßnahmen

Das Ziel des Online-Rechners ist nicht nur eine Information über das individuelle Infektionsrisiko in verschiedenen Situationen, sondern soll auch Bewusstsein für die Effekte verschiedener Schutzmaßnahmen schaffen. Laut Lelieveld „zeigen die Berechnungen der Forscher, dass man das Infektionsrisiko durch regelmäßiges Stoßlüften etwa um die Hälfte, durch zusätzliches Maskentragen sogar um einen Faktor fünf bis zehn senken kann.“

Dabei merken die Wissenschaftler an, dass der Algorithmus derzeit auf Schätzungen beruht. Die Ergebnisse haben deshalb keinen Anspruch auf eine sehr hohe Genauigkeit, erlauben aber eine große Risikoabschätzung. Wie Frank Helleis „liegt den Annahmen derzeitigen Stand der Wissenschaft zugrunde.“ Außerdem erfasst der Algorithmus lediglich das Infektionsrisiko über Aerosole. Größere Tröpfchen, die schnell zu Boden sinken und bei genügend Abstand keine anderen Menschen erreichen können, wurden nicht berücksichtigt. Die Wissenschaftler betonen deshalb, dass zur Minimierung des Risikos genügend Abstand immer eine Voraussetzung ist.

International Journal of Environmental Research and Public Health, doi: 10.3390/ijerph17218114

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