BOADICEA

Brustkrebs trifft junge Frauen meist ohne familiäre Vorbelastung

 Dennis Lenz

Brustkrebs trifft junge Frauen meist ohne familiäre Vorbelastung
(Symbolbild) Die Zuweisung zur intensivierten Vorsorge stützt sich in vielen Gesundheitssystemen fast ausschließlich auf Erkrankungsfälle in der Verwandtschaft. Zwei neue Auswertungen aus Großbritannien zeigen, wie viele junge Frauen mit erhöhtem Risiko dabei durch das Raster fallen. Bei Brustkrebs unter 50 Jahren spielt die Familiengeschichte eine deutlich kleinere Rolle als angenommen. Ein umfassenderes Risikomodell erfasst ein Vielfaches der später Erkrankten, verlangt aber erheblich mehr Ressourcen. (Foto: © Forschung und Wissen)

Wer keine Erkrankungsfälle in der Familie kennt, fühlt sich beim Thema Brustkrebs meist auf der sicheren Seite. Zwei gemeinsam veröffentlichte britische Auswertungen stellen diese Intuition infrage. Sie vergleichen die derzeit übliche familienbasierte Überweisungsregel mit einem umfassenden Risikomodell und quantifizieren erstmals in einer bevölkerungsbezogenen Kohorte von Frauen unter 50 Jahren, wie viele Erkrankungen dabei unentdeckt bleiben. Der Abstand zwischen beiden Verfahren fällt größer aus, als die Autoren erwartet hatten. Zugleich zeigen die Daten, warum eine Umstellung nicht ohne Weiteres zu haben ist.

Brustkrebs ist weltweit die häufigste Krebserkrankung und macht rund ein Viertel aller Krebsfälle bei Frauen aus. Etwa 15 Prozent der Krebstodesfälle bei Frauen entfallen auf diese Erkrankung, und unter 50 Jahren zählt sie zu den führenden Todesursachen überhaupt. Wer ein deutlich erhöhtes Brustkrebsrisiko trägt, kann von zusätzlicher Bildgebung in kürzeren Abständen oder von medikamentöser Vorbeugung profitieren, sofern das Risiko rechtzeitig erkannt wird. Genau an dieser Stelle setzt die Organisation der Früherkennung an. In England läuft der Zugang zu einer weiterführenden Risikoabklärung fast ausschließlich über den Hausarzt, der anhand festgelegter Kriterien entscheidet. Diese Kriterien beruhen im Kern auf der Familienanamnese, also darauf, ob und in welchem Verwandtschaftsgrad bereits Erkrankungen aufgetreten sind.

Dem gegenüber steht ein multifaktorielles Risikomodell, das an der University of Cambridge entwickelt wurde und unter dem Namen BOADICEA läuft. Es verrechnet nicht nur die Familiengeschichte, sondern auch Lebensstilfaktoren, reproduktive Merkmale wie Alter bei der ersten Geburt sowie genetische Informationen zu einem individuellen Zehnjahresrisiko. Frühere Arbeiten hatten bereits nahegelegt, dass solche Modelle mehr Frauen mit erhöhtem Risiko finden als die Familienanamnese allein. Ein direkter Vergleich in einer bevölkerungsbezogenen britischen Kohorte von Frauen unter 50 Jahren fehlte jedoch. Die aktuelle Auswertung schließt diese Lücke und stützt sich dabei auf 1.258 Frauen dieser Altersgruppe, die zwischen 2004 und 2011 in eine langfristige Beobachtungsstudie aufgenommen wurden. Für beide Verfahren wurde geprüft, wie viele der später tatsächlich Erkrankten sie im Vorfeld identifiziert hätten.

Wie stark die Familienanamnese beim Brustkrebs junger Frauen versagt

Das zentrale Ergebnis lässt sich an zwei Zahlenpaaren ablesen. Die geltenden Kriterien hätten 1,4 Prozent der Frauen unter 50 zur weiteren Abklärung überwiesen und damit lediglich 4,4 Prozent derjenigen erfasst, die innerhalb von zehn Jahren erkrankten. Eine vollständige Risikoberechnung mit dem multifaktoriellen Modell für alle Frauen unter 50 hätte dagegen 26,5 Prozent oberhalb des Bevölkerungsdurchschnitts eingestuft und damit 34,8 Prozent der später Erkrankten eingeschlossen, also rund achtmal so viele. Die Ursache dieser Diskrepanz benennen die Autoren klar: 73 Prozent der Frauen unter 50, die binnen zehn Jahren an Brustkrebs erkranken, weisen überhaupt keine familiäre Vorbelastung auf. Damit fehlt genau das Merkmal, auf dem die Zuweisung beruht. Die vollständigen Kennzahlen beider Vergleiche sind über die Veröffentlichung im British Journal of Cancer zugänglich, die beide Ansätze an derselben Kohorte gegenüberstellt.

Warum die Umstellung trotzdem kein Selbstläufer ist

Die Forscher betonen selbst, dass die naheliegende Konsequenz teuer wäre. Eine vollständige Risikoberechnung für alle Frauen unter 50 bedeutet deutlich mehr Datenerhebung, mehr Beratungsgespräche und in vielen Fällen auch genetische Tests. Ein erheblicher Teil der zusätzlich überwiesenen Frauen würde nie erkranken, könnte aber durch die Einstufung verunsichert werden. Die beteiligten Fachleute beschreiben die Lage deshalb als Abwägung zwischen praktischer Umsetzbarkeit und Treffsicherheit, nicht als eindeutige Handlungsanweisung. Eine zweite, parallel veröffentlichte Befragung mit einem Entscheidungsexperiment liefert dazu die Perspektive der Betroffenen. Frauen zwischen 30 und 49 Jahren bevorzugten demnach eine aktive Einladung zur Risikoabklärung gegenüber dem heutigen Modell, bei dem sie selbst mit einem Anliegen vorstellig werden müssen, und akzeptierten dafür auch umfangreichere Verfahren einschließlich genetischer Tests.

Was sich daraus für Deutschland ableiten lässt

Die Zahlen stammen aus dem britischen Gesundheitssystem und beziehen sich auf dessen spezifische Überweisungsregeln, sie lassen sich also nicht eins zu eins übertragen. In Deutschland beginnt das organisierte Mammographie-Screening regulär erst mit 50 Jahren, unterhalb dieser Grenze greifen individuelle Absprachen und die Einstufung in spezialisierten Zentren. Die grundlegende Beobachtung bleibt davon jedoch unberührt, denn sie betrifft die Biologie und nicht die Verwaltung: Bei jungen Frauen ist die Familiengeschichte ein schwacher Prädiktor. Als Nächstes soll geprüft werden, wie sich eine multifaktorielle Risikoabklärung sicher, gerecht und bezahlbar in die hausärztliche Regelversorgung einbauen lässt, unter anderem in einer laufenden britischen Untersuchung. Wie unterschiedlich einzelne Faktoren auf das Krebsrisiko wirken, zeigt auch die Debatte darüber, ob die Ernährung das Risiko für einzelne Krebsarten messbar verschiebt.

British Journal of Cancer, Comparison of NICE criteria with the BOADICEA multifactorial risk model to guide breast cancer risk assessment and referral amongst women under age 50 within primary care; doi:10.1038/s41416-026-03547-2
British Journal of Cancer, Priorities for breast cancer risk assessment in UK women under age 50: A survey and discrete choice experiment; doi:10.1038/s41416-026-03546-3

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