Kalium

Bluthochdruck lässt sich nicht allein mit weniger Salz senken

 Dennis Lenz

Bluthochdruck lässt sich nicht allein mit weniger Salz senken
(Symbolbild) Bluthochdruck betrifft weltweit mehr als 1,28 Milliarden Erwachsene und zählt zu den wichtigsten Risikofaktoren für Herzinfarkt und Schlaganfall. Seit Jahrzehnten konzentriert sich die Prävention fast ausschließlich auf die Reduktion von Salz. Ein Fachreport im American Journal of Clinical Nutrition argumentiert nun, dass ein zweiter Nährstoff gleichberechtigt in die Leitlinien gehört. Die Autoren sprechen von einem überfälligen Paradigmenwechsel. (Foto: © Forschung und Wissen)

Weniger Salz essen: So lautet seit Jahrzehnten der zentrale Ernährungsrat gegen Bluthochdruck. Ein Expertenteam um die Medizinerin Naomi Fukagawa von der University of Vermont hält diese Strategie für unvollständig. In einem Fachreport argumentieren die Autoren, dass die aktuellen Empfehlungen buchstäblich die halbe Gleichung übersehen, obwohl weltweit mehr als 1,28 Milliarden Erwachsene betroffen sind. Welcher Nährstoff die zweite Hälfte bildet, dürfte viele überraschen.

Bluthochdruck, medizinisch Hypertonie, gehört zu den größten stillen Gesundheitsrisiken überhaupt. Dauerhaft erhöhte Werte schädigen die Gefäßwände und treiben das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenversagen und Demenz in die Höhe, oft über Jahre hinweg ohne spürbare Symptome. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation leben weltweit mehr als 1,28 Milliarden Erwachsene mit der Erkrankung, und auch in Deutschland zählt sie zu den häufigsten chronischen Leiden. Neben Medikamenten gilt die Ernährung als wichtigster Hebel, und hier dominiert seit Jahrzehnten eine einzige Botschaft: weniger Natrium, also weniger Salz. Die WHO empfiehlt, höchstens 2.000 Milligramm Natrium pro Tag aufzunehmen, was rund fünf Gramm Speisesalz entspricht. Tatsächlich liegt der weltweite Konsum im Schnitt ungefähr doppelt so hoch, und daran haben jahrzehntelange Kampagnen erstaunlich wenig geändert.

Der Gegenspieler des Natriums im Körper ist Kalium. Beide Mineralstoffe regulieren gemeinsam den Wasserhaushalt, die Gefäßspannung und die Ausscheidung über die Nieren. Vereinfacht gesagt hält Natrium Wasser im Körper zurück und lässt den Druck in den Gefäßen steigen, während Kalium die Ausscheidung von Natrium fördert und die Gefäße entspannt. Evolutionär ist der menschliche Organismus auf eine Kost eingestellt, die reich an Kalium und arm an Natrium war, wie sie Früchte, Wurzeln und Gemüse liefern. Die Nieren sind deshalb darauf programmiert, Kalium zu sparen und Natrium festzuhalten. Die moderne Ernährung hat dieses Verhältnis ins Gegenteil verkehrt: Verarbeitete Lebensmittel liefern reichlich Natrium, während die Kaliumzufuhr in Industrieländern wie in Entwicklungsländern weit unter den empfohlenen Mengen liegt.

Warum weniger Salz allein den Bluthochdruck kaum bremst

Dass die reine Salzreduktion an ihre Grenzen stößt, begründen die Autoren gleich mehrfach. Der Geschmackssinn der meisten Menschen ist auf salzige Kost geprägt, entsprechend schwer fallen dauerhafte Verzichtsstrategien. Hinzu kommt, dass der Großteil des Natriums in wohlhabenden Ländern nicht aus dem heimischen Salzstreuer stammt, sondern aus verarbeiteten Lebensmitteln und Restaurantgerichten, auf deren Rezepturen Verbraucher kaum Einfluss haben. Wie das Team in seinem Report im American Journal of Clinical Nutrition darlegt, stagnieren die Erfolge der Natriumreduktion auf Bevölkerungsebene deshalb seit Jahren, während die Evidenz für die eigenständige blutdrucksenkende Wirkung von Kalium immer stärker wird. Daraus leiten die Experten ihre Kernforderung ab: Natrium und Kalium dürfen in Leitlinien nicht länger getrennt betrachtet werden, weil beide Nährstoffe physiologisch untrennbar zusammenwirken.

Kalium als zweiter Hebel

Praktisch bedeutet der vorgeschlagene Paradigmenwechsel zweierlei. Zum einen sollen kaliumreiche Lebensmittel wie Gemüse, Hülsenfrüchte, Obst, Kartoffeln und Milchprodukte einen deutlich größeren Stellenwert in der Ernährungsberatung bekommen, denn die WHO empfiehlt mindestens 3.500 Milligramm Kalium pro Tag, ein Wert, den die meisten Menschen klar verfehlen. Zum anderen rücken die Autoren den Salzersatz in den Fokus, bei dem ein Teil des Natriumchlorids durch Kaliumchlorid ersetzt wird. Große Untersuchungen, etwa aus China, hatten für solche Mischsalze bereits eine geringere Zahl von Schlaganfällen und Herzinfarkten dokumentiert. Erstautorin Fukagawa plädiert dafür, Ernährungsinterventionen ganzheitlich zu denken, weil Nahrungsbestandteile im Körper stets zusammenwirken. Wie tiefgreifend einzelne Nahrungsbestandteile in den Stoffwechsel eingreifen können, zeigt derzeit auch die Forschung zu Fruchtzucker, der Tumorzellen offenbar beim Verlassen ihres Zellverbands hilft.

Wichtige Ausnahme Nierenkranke

Eine pauschale Empfehlung für Kaliumpräparate leiten die Autoren daraus ausdrücklich nicht ab. Menschen mit fortgeschrittener Nierenschwäche können überschüssiges Kalium nur eingeschränkt ausscheiden, für sie kann eine stark erhöhte Zufuhr gefährlich werden und Herzrhythmusstörungen auslösen. Auch bestimmte Blutdruckmedikamente beeinflussen den Kaliumspiegel, weshalb größere Ernährungsumstellungen mit dem behandelnden Arzt abgestimmt werden sollten. Für die große Mehrheit der Bevölkerung sehen die Experten in mehr Kalium aus natürlichen Lebensmitteln dagegen einen sicheren und wirksamen Weg, Bluthochdruck vorzubeugen und den Blutdruck zu senken. Der Report fordert deshalb, Nährwertkennzeichnung, Lebensmittelrezepturen und öffentliche Gesundheitskampagnen künftig konsequent auf beide Mineralstoffe auszurichten. Ob die großen Fachgesellschaften diesem Kurswechsel folgen, dürfte sich bei den nächsten Überarbeitungen der internationalen Leitlinien zeigen.

The American Journal of Clinical Nutrition, Rethinking the impact of dietary sodium and potassium on blood pressure to advance public health; doi:10.1016/j.ajcnut.2026.101396

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